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Corona-Folgen:Lufthansa-Krise trifft Flugschule

Lufthansa-Pilot

Traumjob? Für viele Nachwuchspiloten ist die derzeitige Lage wohl eher ein Albtraum.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Was eine Fluglinie momentan am wenigsten braucht? Neue Piloten. Die Lufthansa plant deshalb drastische Einschnitte. Hunderte junge Menschen bangen um ihren Lebenstraum.

Von Jens Flottau, Frankfurt

1955, vor 65 Jahren also, begann die wiedergegründete Lufthansa mit den Linienflügen. Schon ein Jahr später eröffnete das Unternehmen die Verkehrsfliegerschule in Bremen, die fortan dafür zuständig war, Generationen von Nachwuchspiloten auszubilden. Praktisch jeder Pilot, der heute in einem Lufthansa-Cockpit sitzt, hat einen Teil der Ausbildung in Bremen absolviert.

Es ist also nicht überraschend, dass selbst in der bislang größten Krise der Fluggesellschaft, die voll ist von kleinen und größeren Dramen, das Thema Flugschule Bremen mit besonders vielen Emotionen behaftet ist. Und doch wird der Lufthansa-Vorstand wohl durchgreifen. Nach SZ-Informationen wird er noch in diesem Monat beschließen, die Ausbildung der eigenen Piloten am Traditionsstandort nach 64 Jahren zu beenden. Für Schüler und Lehrer der Institution wäre das ein heftiger Schlag.

Die Flugschule in Bremen ist ein Teil der Konzerntochter Lufthansa Aviation Training (LAT) und bietet zwei Curricula an. In den sogenannten MPL-Kursen (für Multi-Crew Pilot License) werden hauptsächlich Piloten für die Marke Lufthansa ausgebildet, daneben ist noch die japanische All Nippon Airways Kunde. Die Schüler starten mit der Theorie, wechseln dann zum Fliegen nach Phoenix/Arizona und kehren dann zu den abschließenden Schulungen nach Bremen zurück. Darüber hinaus gibt es die günstigere ATPL-Sparte (Air Transport Pilot License), die Piloten für andere Airlines schult. Deren Kadetten beginnen auch in Bremen, wechseln dann ebenfalls nach Phoenix, gehen dann aber für den letzten Teil der zweijährigen Ausbildung nach Rostock, wo die LAT einen weiteren, günstigeren Standort unterhält.

Betroffen von der Bremer Standort-Entscheidung sollen nur die MPL-Kurse sein, für die anderen bleibt die Schule nach derzeitigem Stand erhalten. Und nach der großen Krise will Lufthansa auch weiterhin die eigenen Piloten selbst ausbilden, allerdings nicht am traditionsreichen Standort

Es gibt vor allem zwei Gründe, warum Bremen nun teilweise geschlossen wird - eine Entscheidung, die das Unternehmen allerdings offiziell noch nicht bestätigt. Es geht um Geld und um Nachfrage. Wegen der Corona-Pandemie ist das Geschäft bei Lufthansa bekanntlich von einem Tag auf den anderen implodiert. Im Sommer stand der Konzern kurz vor der Insolvenz und wurde nur durch ein neun Milliarden Euro großes Rettungspaket der Bundesregierung davor bewahrt. Derzeit fliegt die Airline nur mit einem Drittel ihrer Vorkrisen-Kapazität und verbrennt jeden Monat 500 Millionen Euro ihrer Reserven. Sie muss also an allen Ecken und Enden sparen, stilllegen, dichtmachen und verkaufen.

Was sie derzeit am allerwenigsten braucht, sind neue Piloten und Flugzeuge. Schon seit dem Frühjahr ruht die Ausbildung der Flugschüler weitgehend und es ist völlig unklar, wann die Kurse wieder starten. Allein in den MPL-Kursen sind 700 angehende Piloten betroffen. Manche von ihnen standen, bevor die Ausbildung ausgesetzt wurde, nur noch wenige Flugstunden vor ihrem Abschluss, andere hatten wiederum kaum die Theorie begonnen. Intern wird nach SZ-Informationen deshalb weiterhin diskutiert, wo die Linie gezogen werden soll. Wahrscheinlich ist, dass die sehr weit fortgeschrittenen Schüler mit großer Verzögerung dennoch ihre Ausbildung beenden können. Wer noch am Anfang steht, wird auf absehbare Zeit nicht darauf hoffen dürfen, seine Ausbildung zu beenden.

Entlassungen sollen durch eine Art Massenteilzeit verhindert werden

Und dann steht die Frage im Raum, wann und wie es langfristig weitergeht. Lufthansa hat derzeit viel zu viele Piloten. Entlassungen sollen durch eine Art Massenteilzeit verhindert werden, wenn die Kurzarbeit Ende 2021 ausläuft. Doch bevor neue Piloten dazustoßen können, werden die alten ihre Arbeitszeit langsam wieder aufstocken. Es wird also voraussichtlich mehrere Jahre dauern, bis der Bedarf wieder da ist. Die Vergangenheit lehrt allerdings, dass es schwer ist, das richtige Timing für den Neustart hinzubekommen. Weil sich die Ausbildung über zwei Jahre erstreckt, braucht die Fluglinie einen großen Vorlauf, bis die ersten Nachwuchs-Piloten bereitstehen.

Bremen soll aber nach dem aktuellen Stand keine Option mehr für Lufthansa sein, zumal auch die Bundeswehr einen wichtigen Auftrag für die Pilotenschulung neu ausgeschrieben hat und womöglich abzieht.

© SZ/jps
Intensivbett Uniklinikum Dresden Ein Intensivbett in einer Intensivstation der Uniklinik Dresden. Links neben dem Bett s

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