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Luftfahrt:Lufthansa gerät noch tiefer in die Krise

Die Lufthansa rechnet damit, dass die Geschäfte erst 2024 wieder normal laufen.

(Foto: CHRISTOF STACHE/AFP)

Die Fluggesellschaft macht einen Rekordverlust von drei Milliarden Euro im ersten Halbjahr. Jetzt soll es auch betriebsbedingte Kündigungen geben.

Von Caspar Busse

Europas größte Fluggesellschaft Lufthansa kommt nicht aus der Krise. Am Donnerstag teilte der Konzern mit, eine nachhaltige Erholung der Geschäfte werde noch länger dauern als bisher erwartet. "Wir erleben eine Zäsur des globalen Luftverkehrs", erklärte Lufthansa-Chef Carsten Spohr. "Vor 2024 rechnen wir nicht mehr mit einer anhaltenden Rückkehr der Nachfrage auf das Vorkrisenniveau." Insbesondere bei Langstreckenverbindungen werde es keine schnelle Erholung geben. Genau damit hatte Lufthansa zuletzt immer besonders viel Geld verdient.

Im abgelaufenen Quartal war der Umsatz um 80 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro zurückgegangen. Gut liefen nur das Cargo-Geschäft und die Technik-Abteilung, die sich um stillgelegte Flugzeuge kümmert. Im ersten Halbjahr ergibt sich insgesamt ein Rekordverlust von drei Milliarden Euro. Lufthansa teilte mit, auch im zweiten Halbjahr sei trotz des wieder zunehmenden Luftverkehrs mit einem deutlichen Verlust zu rechnen. Trotz der schlechten Zahlen und des düsteren Ausblicks stieg der Wert der Lufthansa-Aktie am Donnerstagmorgen, offenbar war mit noch schlechteren Zahlen gerechnet worden.

Lufthansa will angesichts der Krise insgesamt 22 000 Vollzeitstellen abbauen. Zum 30. Juni 2020 war im Vergleich zum Vorjahreszeitpunkt die Mitarbeiterzahl bereits um knapp 8300 auf aktuell 129 400 Mitarbeiter gesunken, hieß es. Bisher sollten betriebsbedingte Kündigungen nach Möglichkeit vermieden werden. Doch das hat sich nun geändert. Jetzt seien auch Kündigungen möglich, teilte Lufthansa mit. Hintergrund sind offenbar die stockenden Verhandlungen mit den Gewerkschaften über den Personalabbau. In einem Brief an die Mitarbeiter hatte der Unternehmensvorstand bereits die "fehlenden Krisenvereinbarungen mit den Gewerkschaften" kritisiert. Es sollen insgesamt 100 Maschinen der Lufthansa-Flotte langfristig stillgelegt werden. Bereits bekannt sind die Schließungspläne für Germanwings und die deutsche Tochter des Joint Ventures mit Turkish Airlines, Sun-Express. "Die Verhandlungen laufen noch. Sich jetzt festzulegen darauf, auf betriebsbedingte Kündigungen nicht zu verzichten, ist konträr", sagte der Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC), Janis Schmitt, am Donnerstag. Auch die Flugbegleitergewerkschaft UFO warnte die Lufthansa vor "Torschlusspanik".

Lufthansa erhält angesichts der Krise bereits massive Staatshilfe, der Bund beteiligt sich direkt mit etwa 20 Prozent an dem Unternehmen und gibt parallel auch Staatskredite. Seit Anfang Juli seien dem Konzern bereits 2,3 Milliarden Euro aus dem Stabilitätspaket zugeflossen, teilte die Fluggesellschaft mit. Die Liquidität sei ausreichend und liege inklusive aller Hilfen bei mehr als elf Milliarden Euro. Einige Konkurrenten hatten angesichts der Krise bereits Insolvenz anmelden müssen, anderen Airlines wie KLM-Air France half ebenfalls der Staat. Ein Teil des Hilfsgeldes nutzt Lufthansa aber, um Kunden die Kosten für ausgefallene Flüge zu erstatten. Im Juli zahlte der Konzern knapp eine Milliarde Euro aus, hieß es. Insgesamt habe der Konzern 2020 bislang rund zwei Milliarden Euro an Kunden erstattet.

Vor allem bei Langstreckenverbindungen wird es weiter Einschränkungen geben

Die Corona-Krise mit weltweiten Reisewarnungen trifft die gesamte Luftfahrt. Als "überraschend schwach" hatte zuvor schon der internationale Branchenverband IATA die aktuelle Entwicklung bezeichnet. Es werde wohl bis 2024 und damit ein Jahr länger dauern als bislang angenommen, bis das Vorkrisenniveau wieder erreicht sei. Gründe seien die Verbreitung des Krankheitserregers in den USA und in Schwellenländern sowie schwächere Aussichten bei den Geschäftsreisen. Viele Unternehmen haben bereits angekündigt, künftig auf teure und zeitaufwendige Flugreisen zu verzichten und mehr auf Videokonferenzen zu setzen. Aber auch der Tourismusbereich zieht nicht so an wie erwartet.

Lufthansa will das Flugangebot in den kommenden Monaten langsam wieder hochfahren. Wichtige Langstreckenverbindungen könnten aufgrund anhaltender Reiserestriktionen aber nicht mehr wie zuvor angeboten werden, hieß es. Das betrifft vor allem Flüge in die USA und nach Asien, wo Lufthansa vor der Krise besonders stark war. Spohr sagt, die Luftfahrt müsse sich an "eine neue Normalität" anpassen und sich "neu kalibrieren". Das bedeute laut Spohr: "Das Gewohnte infrage zu stellen und statt nach 'Wachstum um jeden Preis' zu streben, nachhaltig und verantwortungsvoll Werte zu schaffen." Auch das sind sehr neue Töne.

© SZ
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