Süddeutsche Zeitung

Deutsche Lufthansa:Reise ins Ungewisse

Das Luftfahrtunternehmen steht vor einer entscheidenden Woche: Die Lufthansa-Aktionäre stimmen über den Staatseinstieg ab, doch nur gut ein Drittel hat sich zur Hauptversammlung angemeldet. Die Macht von Großaktionär Thiele wächst dadurch.

Von Jens Flottau

Kapitän Ulrich Neumann weiß, was er zu tun hat. Nach dem Start mit dem Airbus A350 auf 10 000 Fuß steigen, und dann geht es los mit dem großen Test, bei dem die Steuersoftware des neuen Flugzeuges zeigen soll, dass sie funktioniert. Erst 67 Grad nach rechts, bis der Computer eine weitere Neigung stoppt, dann 67 Grad nach links. Beschleunigen, die Nase des Flugzeuges schnell nach oben ziehen, die wenigen Passagiere werden mit doppelter Erdanziehungskraft in die Sitze gedrückt, anschließend die Nase nach unten, so, dass es einen leicht aus den Sitzen hebt.

Toulouse in Südfrankreich, Sitz des Flugzeugherstellers Airbus: Bevor Lufthansa das Geld für das Langstreckenflugzeug überweist, schickt sie Neumann, den technischen Piloten der A 350-Flotte, mit vielen Kollegen ins Werk, um die Maschine zu überprüfen. Die Systeme, die Flugeigenschaften vor allem. In Kabine und draußen am Rumpf sind auch an einigen Stellen grüne Streifen angebracht, die kleine Schönheitsfehler markieren. Alles soll perfekt sein, wenn Airbus die Maschine voraussichtlich am 2. Juli übergibt und Lufthansa sie nach München fliegt.

Die Zeit bis zum 2. Juli, das sind die gut eineinhalb Wochen, in denen sich auch das Schicksal der Lufthansa entscheiden wird. Der dramatische Höhepunkt könnte dieser Donnerstag sein, an dem die Aktionäre den staatlichen Rettungsplan absegnen sollen, bis zum vergangenen Freitag konnten sich die Anteilseigner registrieren lassen. "Seit heute Nacht wissen wir, dass unsere Aktionäre weniger als 38 Prozent des Kapitals für diese Hauptversammlung angemeldet haben", heißt es dazu am Sonntag in einem Schreiben von Konzernchef Carsten Spohr an die rund 138 000 Lufthansa-Mitarbeiter.

Nach den Abstimmungsregeln für die virtuell am 25. Juni stattfindende Hauptversammlung ist eine Zweidrittelmehrheit bei weniger als 50 Prozent Präsenz erforderlich. Nach den jüngsten Äußerungen von wichtigen Aktionären sei es nicht sicher, dass die Anträge zum staatlichen Rettungspaket eine Mehrheit fänden, warnte Spohr. Besonders das Ja des größten Einzelaktionärs Heinz-Hermann Thiele ist ungewiss. Der hält 15 Prozent, kann also eine Zustimmung blockieren, durch die niedrige Beteiligung steigt sein Einfluss. Spohr schrieb nun: "Für den Fall, dass die Hauptversammlung keine Zustimmung für die Stabilisierungsmaßnahmen des Bundes erteilt, haben wir umfangreiche Vorbereitungen getroffen, unter anderem, um ein Grounding zu verhindern." Ein sogenanntes Grounding ist die vollständige Einstellung des Flugbetriebs. Lufthansa würde dann die verbleibende Zeit bis zur Anmeldung einer Insolvenz nutzen, um mit der Bundesregierung weitere Optionen zu besprechen, so Spohr. Zudem würden jetzt die Gehaltszahlungen vorgezogen, um für Sicherheit zu sorgen.

Großinvestor Thiele wird laut Reuters in Berlin zu einem Krisentreffen mit der Bundesregierung zusammen treffen. Der 79-jährige Milliardär hatte sich am aus seiner Sicht großen staatlichen Einfluss und den finanziellen Lasten gestoßen, die die Bundesregierung der Lufthansa aufbürdet - die neun Milliarden Euro gibt es nicht umsonst, sie müssen mit (aus Unternehmenssicht zu hohen) Zinsen zurückgezahlt werden. Thiele hatte in einem Interview durchblicken lassen, dass er ein Schutzschirmverfahren für nicht ausgeschlossen hält, auch wenn er dann wohl mehrere hundert Millionen Euro verlieren würde, die er bislang in Anteile gesteckt hat.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) wies in der vergangenen Woche Thieles Wunsch, nachzuverhandeln, ziemlich barsch zurück. Thiele hatte selbst gesagt, er werde bei der Hauptversammlung "sicherlich nicht blockieren oder ausbremsen", ein Satz, an den sich die Mitarbeiter klammern. Schließlich hatte Lufthansa gewarnt, bei einer Ablehnung sei "zeitnah" mit einem "insolvenzrechtlichen Schutzschirmverfahren" zu rechnen. Zeitnah heißt in diesem Fall wohl: binnen Tagen, vielleicht ein oder zwei Wochen.

Thieles Pläne sind schwer zu durchschauen. Seine KB Holding kündigte am vergangenen Donnerstag an, Aktien im Wert von 700 Millionen Euro am Autozulieferer Knorr-Bremse zu verkaufen. Das Geld solle der Unterstützung anderer privater Investments Thieles dienen. Geld für noch mehr Anteile an Lufthansa?

Dies würde nur dann Sinn ergeben, wenn ein Schutzschirmverfahren vermieden würde, denn dabei würden die Altaktionäre vermutlich alles verlieren. Und für eine Zwischenfinanzierung unter dem Schutzschirm, die vielleicht später in Anteile umgewandelt werden würde, reichen die 700 Millionen Euro bei Weitem nicht aus. Auch dann wäre die Airline vermutlich in großem Stil auf staatliche Hilfen angewiesen - und Thiele müsste sich wieder mit Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) abstimmen.

An diesem Montag wird nicht nur verhandelt. Lufthansa muss nach 32 Jahren zudem den Dax verlassen. Und der Tag ist auch die Deadline für die Verhandlungen mit den Gewerkschaften über Kostensenkungen und Arbeitsplätze. Die Airline verhandelt mit den Gewerkschaften Vereinigung Cockpit (VC, Piloten), Ufo (Flugbegleiter) und Verdi (Bodendienste, Flugbegleiter) darüber, wie man die Sparziele ohne Entlassungen erreichen kann.

Angesichts der erbitterten Kämpfe, die die VC mit der Lufthansa in der Vergangenheit geführt hat, ist es vielleicht erstaunlich, dass eine Einigung mit den Piloten wohl am einfachsten zu erreichen ist, worauf es nach SZ-Informationen hinausläuft. Die Lufthansa-Piloten waren miteinander immer sehr solidarisch, daher werden sie sich aller Voraussicht nach verpflichten, für weniger Geld weniger zu fliegen, um alle Kollegen an Bord halten zu können. Sie können es sich angesichts sehr guter Gehälter auch leisten. Schwieriger wird es bei Flugbegleitern und Bodenmitarbeitern, die wesentlich weniger Geld verdienen.

Der Druck auf die Verhandlungen ist immens, denn die Mitarbeiter müssen den Aktionären ein möglichst attraktives Paket präsentieren. Die Gewerkschaften appellierten an die Investoren, der Rettung zuzustimmen. Zurück nach Toulouse: Wenn Lufthansa gekonnt hätte, hätte sie angesichts ihrer dramatischen finanziellen Lage ihre A350 wohl noch eine Weile stehen lassen. Doch als die Corona-Krise ausgebrochen ist, war das Flugzeug schon im Bau, Airbus ließ nicht mehr mit sich reden. Lufthansa muss den Jet übernehmen und die letzte Rate bezahlen, auch wenn neue Maschinen das Letzte sind, was sie im Moment gebrauchen kann. In Toulouse ist dann immerhin technisch alles gut gelaufen. Die kleinen Beanstandungen sind nicht der Rede Wert, der Jet sowieso das Beste vom Besten. Was fehlt, sind die Passagiere.

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Quelle:
SZ vom 22.06.2020/fued
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