Luftfahrt Ryanair am Boden

Maschinen von Ryanair auf dem Flughafen Weeze in Nordrhein-Westfalen.

(Foto: REUTERS)

Streiks zwingen den irischen Billigflieger zu Verhandlungen über Tarifverträge. Der Starrsinn des Chefs könnte für den Konzern teuer werden.

Von Jens Flottau und Christian Rost, Memmingen

Sie wollen weg und sie sind spät dran. Hastig wuchten Urlauber auf dem Parkplatz vor dem Terminal des Allgäu Airport Memmingen ihr Gepäck aus dem Kofferraum. Sie eilen im Nieselregen zur Abflughalle. Memmingen ist der kleinste der drei Verkehrsflughäfen in Bayern. An diesem Freitagvormittag ist noch weniger los als sonst. Der irische Fluggesellschaft Ryanair hat wegen des Streiks der Piloten sechs Flüge nach und von Thessaloniki, Sevilla oder Warschau mit jeweils etwa 190 Passagieren gestrichen. Wie es aussieht, haben alle rechtzeitig per Mail davon erfahren. Ryanair ist der wichtigste Billiganbieter am Flughafen Memmingen.

Nebenan am Schalter des ungarischen Billigfliegers Wizz-Air hat sich eine lange Schlange gebildet. Für Sara und Arnold Klein aus Augsburg geht es erst einmal nach Kiew. Sie machen eine Studienreise durch Osteuropa. Das Paar ist auch schon oft mit Ryanair geflogen. Es hat keine schlechten Erfahrungen mit der Gesellschaft gemacht. Von den "rabiaten Methoden" der Unternehmensführung haben sie gehört. Arnold Klein hat Verständnis für den Streik des Personals. Es gebe schließlich auch andere Gesellschaften, die günstige Flüge anböten und dennoch "ordentlich mit ihren Leuten umgehen", sagt Sara Klein. Sie würde für einen Flug "lieber 20 Euro mehr bezahlen", wenn das Betriebsklima stimme. Ohnehin seien die Lockangebote der Billigflieger nur Augenwischerei, weil saftige Aufschläge - vor allem fürs Gepäck - den Ticketpreis deutlich erhöhten. Für ihren Flug nach Kiew zahlten Sara und Arnold Klein letztlich je 190 Euro.

Die Botschaft der Gewerkschaften ist klar: Wandel oder Ärger

Rund tausend Ryanair-Passagiere fehlen an diesem Tag in Memmingen. Am Imbissstand am Terminal laufen die Geschäfte trotzdem. Am Schalter des Autovermietern langweilen sich die Mitarbeiter. "Heute ist es deutlich ruhiger", sagt eine junge Frau bei Hertz. Zehn Reservierungen für Fahrzeuge standen für diesem Tag im Computer. Nach den gestrichenen Flügen bei Ryanair sind nur zwei übrig geblieben. Der Betreiber des Memminger Flughafens sieht den Streik gelassen. Dort ist man Kummer gewöhnt, weil immer wieder Flüge ausfallen wegen schlechten Wetters. "Morgen läuft alles wieder normal", sagt die Flughafen-Sprecherin.

In Hamburg fielen am Freitag wegen des Pilotenstreiks bei Ryanair ein Dutzend Flüge aus. "Die Lage ist extrem ruhig", sagt eine Sprecherin des Flughafens der Nachrichtenagentur dpa. "Die Passagiere waren sehr gut informiert und sind gar nicht erst zum Flughafen gekommen."

42 000 Passagiere betroffen

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"Wir wollen eine ganz klare Botschaft nach Dublin senden: Ryanair must change", sagte Ingolf Schumacher, Tarifvorstand der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC). Die beiden Seiten verhandeln sowohl einen neuen Mantel- als auch einen Vergütungstarifvertrag. Cockpit zufolge hat sich Ryanair bislang kaum bewegt und will nur die aktuellen Bedingungen festschreiben. Ryanair werde aber höhere Personalkosten akzeptieren müssen, erwartet Schumacher. Die Fluggesellschaft hält den Streik für "unnötig" und hofft auf Tarifabschlüsse im Herbst.

In Deutschland wollen auch die Flugbegleiter demnächst ihre Forderungen "nach Dublin" schicken. Die Unabhängige Flugbegleiter-Organisation (UFO) erklärte ihre "uneingeschränkte Solidarität" mit den Piloten. "Ryanair muss endlich akzeptieren, dass die Zeit der Schreckensherrschaft und Willkür endet", fordert UFO. Die Kabine werde "harte, aber konstruktive Tarifverhandlungen" führen. Das Ryanair-Management betont, die Entscheidung, Gewerkschaften anzuerkennen, sei freiwillig gewesen. Die Umstände legen den Verdacht nahe, dass Konzernchef Michael O'Leary schlicht nichts mehr anderes übrig blieb, als Ende vergangenen Jahres das zu führen, woran die Konkurrenz seit Jahrzehnten gewöhnt ist: Tarifverhandlungen.

Im Herbst 2017 war die Besetzung der Flugzeuge bei Ryanair völlig außer Kontrolle geraten. Bis Oktober musste der Konzern Tausende Flüge streichen, weil er nicht genügend Piloten hatte - offiziell wegen eines Fehlers in der Urlaubsplanung. Noch im September 2017 schrieb O'Leary, man werde nicht auf anonyme Forderungen, Gewerkschaften an Verhandlungen zu beteiligen, eingehen. Diese seien von Konkurrenten und deren Piloten gestreut worden, um Ryanair zu schaden. Die Kapitäne an wichtigen Standorten wie Frankfurt oder Dublin versuchte Ryanair mit einem Bonus von 10 000 Euro zu besänftigen. Das half wenig. Die irische Pilotengewerkschaft Ialpa nutzte die Schwäche des Konzerns und forderte die Piloten kurz vor Weihnachten zum Streik auf.

O'Leary, der Mann der großen Sprüche, der sich gern über Konkurrenten lustig macht und vielen die baldige Pleite prognostiziert hat, stand mit dem Rücken zur Wand. Gewerkschaften anzuerkennen sei eine "signifikante Veränderung für Ryanair, aber wir haben uns schon vorher radikal gewandelt." Damit meinte O'Leary die Initiative "Always Getting Better". Das heißt übersetzt: "Immer besser werden." Ein besserer Service für die Passagiere ließ die Buchungen wieder steigen. Für das Personal blieb allerdings alles beim Alten.

250 Flüge

fielen am Freitag allein in Deutschland durch den Streik der Piloten des irischen Billigfliegers Ryanair aus. Ein Chaos blieb aus. Der Konzern hatte die Passagiere per Mail informiert. In Europa waren insgesamt 400 Flüge betroffen. Auch in den Niederlanden, Belgien, Irland und Schweden hatten Gewerkschaften zum Ausstand aufgerufen. Betroffen waren Ryanair zufolge rund 55 000 Passagiere.

Zwischen Oktober 2017 und März 2018 musste der Konzern 25 Flugzeuge aus dem Verkehr ziehen, 18 000 Flüge streichen und Hunderttausende Passagiere umbuchen oder den Flugpreis erstatten.

Nun versuchen Gewerkschaften, sich europaweit von Ryanair zu holen, was sie über mehr als 30 Jahre nicht bekommen haben. In fünf Ländern streikten am Freitag die Piloten, die Flugbegleiter werden womöglich folgen - 2019 könnte für Ryanair ähnlich katastrophal werden wie das Jahr 2016 für Lufthansa, als dort ständige Streiks den Flugplan durcheinanderbrachten. Die Frage ist, warum O'Leary und seine Leute so lange damit gewartet haben, auf Mitarbeiter und Gewerkschaften zuzugehen. Womöglich glaubte O'Leary, er könne sich wieder einmal durchsetzen.

Die Verhandlungen führt ein deutlich konzilianterer Manager

In den vergangenen Tagen ist O'Leary kaum mehr öffentlich aufgetreten. Die Verhandlungen mit den Gewerkschaften führt der deutlich konziliantere Manager Peter Bellew, der seit dem vergangenen Jahr für das Tagesgeschäft zuständig ist. Das ist nur eine kleine Abweichung vom harten Kurs. Gerade erst hat Ryanair gedroht, sechs der 30 in Dublin stationierten Flugzeuge mitsamt den Besatzungen nach Polen zu verschieben, wenn die irische Gewerkschaft auf ihren Forderungen besteht. "Mitarbeiter zu verärgern, ist nie eine gute Idee," findet Bernstein Research-Analyst Daniel Roeska. "Ryanair scheint zu versuchen, zu den eigenen Bedingungen zu verhandeln. So sind aber weder das Arbeitsrecht noch Tarifverträge irgendwo sonst in Europa konstruiert." Die Drohungen widersprechen seiner Ansicht der "Mitarbeiter-Freundlichkeit", die Ryanair seit einem halben Jahr proklamiert.

Die Folgen des Starrsinns könnten für Ryanair gravierend sein. Europas größte Billigfluggesellschaft betreibt derzeit eine Flotte von rund 440 Flugzeugen, 135 weitere sind fest bestellt. Das sind im Vergleich zu anderen Anbietern gar nicht einmal so viele zusätzliche Maschinen. Wenn der Konzern zu den früheren Wachstumsraten von zehn Prozent oder mehr zurückkehren will, braucht er Tariffrieden in Schlüsselländern wie Deutschland, auch wenn er dort mit etwa 40 Maschinen nach eigener Einschätzung im Vergleich zu Ländern wie Italien, Spanien oder Großbritannien unterrepräsentiert ist. Konkurrent Lufthansa hat den Markt weitgehend dichtgemacht. Teure Tarifabschlüsse, die ihr jetzt flächendeckend drohen, kann sich Ryanair zwar angesichts der enormen Renditen locker leisten, sie dürften aber die Investoren vergrätzen und den Aktienkurs belasten. Die Ryanair-Aktie hat in diesem Jahr schon zwölf Prozent ihres Wertes verloren. Analyst Roeska etwa prognostiziert für die nächsten beiden Jahre geringere Margen. Frühestens 2021 sei mit Besserung zu rechnen. Das sei für Investoren doch ein etwas langer Zeitraum. Vielleicht geht ihnen irgendwann die Geduld mit O'Leary aus.

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