Luftfahrt Milliardenrisiko für Versicherer

Die Gesellschaften, die Boeing oder die betroffenen Fluggesellschaften versichern, müssen hohe Lasten tragen.

Von Herbert Fromme, Köln

Ralph Nader ist seit Langem im Ruhestand. Jahrzehntelang war der heute 85 Jahre alte Jurist eine Schlüsselfigur der Verbraucherbewegung in den USA. Er sorgte durch seine scharfe Kritik an unsicheren Autos oder Elektrogeräten für bessere Sicherheitsvorschriften und kandidierte mehrfach für das Präsidentenamt.

Jetzt äußert sich Nader zum ersten Mal seit Langem wieder öffentlich. Er verlangt, dass nach dem Absturz zweier Boeing 737 Max 8 diese Maschinen nie wieder fliegen dürfen. Boeing wirft er vor, die "Arroganz der Algorithmen" habe die Piloten handlungsunfähig gemacht. "Das sollte die Behörden dazu bringen, wegen möglicher grober Fahrlässigkeit zu ermitteln".

Nader ist persönlich betroffen. Seine Großnichte Samya Stumo, 24, starb bei dem Absturz einer Maschine der Ethiopian Air am 10. März 2019, zusammen mit 148 weiteren Passagieren und acht Besatzungsmitgliedern. Die Gesundheitsexpertin war für ein Hilfswerk in Afrika unterwegs.

Stumos Familie hat mit Naders Hilfe Klage gegen Boeing eingereicht. Es wird nicht die einzige bleiben. Auch die Fluggesellschaften müssen mit hohen Ansprüchen von Angehörigen rechnen.

Andere Airlines bereiten juristische Schritte gegen Boeing vor. Denn nach dem Absturz - dem zweiten einer Boeing 737 Max 8 innerhalb von fünf Monaten - haben die Behörden weltweit alle Maschinen stillgelegt. Die Einnahmeausfälle belaufen sich auf Hunderte Millionen Dollar.

Boeing hat eine Police über 2,5 Milliarden Dollar für Produkthaftungsschäden, also Schäden, die auf Fehler des Herstellers zurückzuführen sind, berichtet die Londoner Fachzeitung Insurance Insider. Boeing kommentiert die Zahl nicht. Davon sollen 500 Millionen Dollar auf die Haftung für Ausfälle durch stillgelegte Maschinen entfallen. "Das könnte der größte Schaden außerhalb von Kriegszeiten für die Luftfahrtversicherer werden", kommentiert das Maklerunternehmen Willis Re.

Wie viel Boeings Versicherer zahlen müssen, hängt davon ab, welches Verschulden die Kläger dem Unternehmen nachweisen können. Bei den Versicherern der Flugzeuge ist das anders: Sie müssen auf jeden Fall für Ansprüche der Angehörigen aufkommen, vor allem für den Einkommensausfall, der Familien trifft. Der kann je nach Herkunft der Passagiere Millionensummen ausmachen. Dabei ist unerheblich, ob die Fluggesellschaft verantwortlich für den Schaden ist oder nicht. Es handelt sich um eine sogenannte verschuldensunabhängige Haftung.

Die Rückversicherung Munich Re rechnet mit einer Belastung von bis zu 120 Millionen Euro

Allerdings könnten die Versicherer der Flugzeuge versuchen, ihrerseits von Boeing beziehungsweise seinen Versicherern Schadenersatz zu erstreiten.

Wie hoch der Schaden insgesamt wird, stellt sich erst in ein, zwei Jahren heraus. Er dürfte mehr als eine Milliarde Dollar betragen, erwarten die Experten von Willis Re.

Boeing wird von Gesellschaften unter Führung von Global Aerospace in London versichert. Das ist ein Pool, der von der Munich Re federführend verwaltet wird. Munich-Re-Vorstand Torsten Jeworrek beziffert die Belastung für sein Unternehmen auf 100 Millionen Euro bis 120 Millionen Euro. Der Talanx-Konzern, zu dem die Hannover Rück gehört, rechnet mit zehn Millionen Euro.

Diese hohen Summen könnten nach Jahren sinkender Preise in der Luftfahrtversicherung für eine Trendwende sorgen. "In den vergangenen Jahren ist die Luftfahrt immer sicherer geworden", sagt Stephanie Deml, die bei der Munich Re den Bereich Luftfahrtversicherung Direkt leitet. "2017 war ein Jahr ganz ohne Todesopfer." In den Jahren 2018 und 2019 habe es die beiden Boeing-Abstürze gegeben. "Wir glaubentrotzdem, dass der Trend in Richtung mehr Sicherheit weitergeht." Trotz dieses Trends sei aber aktuell eine Erhöhung der Preise in der Luftfahrtversicherung zu beobachten. "Natürlich bringen so große Ereignisse wie die beiden Boeing-Schäden den Markt in Bewegung", sagt Deml.