Süddeutsche Zeitung

Flugschule Bremen:Lufthansa macht einen harten Schnitt

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Der Traum wird zum Albtraum: Die Flugschule der Lufthansa in Bremen empfiehlt 700 Anwärtern, ihre Ausbildung abzubrechen.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Für viele ist es weiterhin ein Traumjob - Pilot werden, die Welt kennenlernen, idealerweise bei Lufthansa, wo die Bezahlung weiterhin fürstlich ist und das Streckennetz attraktiv. Für 700 Anwärter, die derzeit bei der Lufthansa-Flugschule ihre Ausbildung machen, waren die vergangenen Monate eine einzige Hängepartie - die Kurse waren angesichts der Corona-Pandemie im Frühjahr gestoppt. Am Dienstag wurde der Traum für die meisten von ihnen endgültig zum Albtraum.

Die Flugschule Bremen empfahl den 700 per Videokonferenz am Dienstag, ihre Ausbildung abzubrechen, weil es auf Jahre hinaus bei Lufthansa und den Tochtergesellschaften keinen Bedarf an neuen Piloten geben werde. Wer darauf bestehe, könne die Ausbildung zwar beenden, doch damit gehen die Kandidaten ein großes finanzielles Risiko ein: Wer innerhalb von fünf Jahren keinen Job im Konzern gefunden hat, muss die gesamten Kosten auf einen Schlag bezahlen, statt sie später über viele Jahre in Raten vom Gehalt abgezogen zu bekommen. Ein Teil der Rest-Kurse soll an andere Flugschulen ausgelagert werden.

Viele Schüler sind nun konsterniert. Sie werfen der Fluggesellschaft vor, sich unmoralisch zu verhalten und Tarifflucht zu begehen. In Pilotenkreisen heißt es, in Wahrheit gehe es dem Unternehmen darum, den starken Korpsgeist der Piloten, der auch auf der gemeinsamen Ausbildung beruht, dauerhaft zu zerschlagen.

Im Jet oder in Propellermaschinen

Die Bremer Pilotenschule ist in zwei Sparten aufgeteilt, Kurse für die Multi-Crew Pilot License (MPL) führen in guten Zeiten in ein Cockpit der Kernmarke Lufthansa, die günstigeren für die Air Transport Pilot License (ATPL) versorgen andere Konzerngesellschaften mit Nachwuchs, vor allem Eurowings. Rund 350 Schüler sind derzeit in den MPL-Kursen, ungefähr ebenso viele in der ATPL-Ausbildung. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden besteht darin, dass die MPL-Schüler einen Teil der praktischen Ausbildung auf Jets in Bremen absolvieren, während die ATPL-Kollegen auf Propellermaschinen in Rostock geschult werden. Diese sind viel billiger, zumal für die MPL-Fluglehrer noch alte, teure Tarifverträge gelten.

Eine ursprünglich für September vorgesehene Entscheidung, MPL-Kurse in Bremen künftig gar nicht mehr anzubieten, verzögert sich. Es gibt noch interne Rückfragen, zudem kämpft die Stadt Bremen für den Erhalt der Lehrgänge, ebenso die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) . Allerdings müssten wohl auch die Fluglehrer, von denen viele zeitweise auch auf normalen Lufthansa-Linienflügen eingesetzt werden, auf einen Teil der liebgewonnenen guten Bedingungen ihres aktuellen Tarifvertrages verzichten, um Lufthansa noch umzustimmen. Die Bundeswehr hat einen Auftrag zur Pilotenausbildung neu ausgeschrieben - auch die anstehende Entscheidung trägt zur Unsicherheit bei.

Kostenloser Ausstieg

Die Flugschule hat den 700 nun erst einmal angeboten, aus den Ausbildungsverträgen kostenlos auszusteigen. Sie müssen auch 20 000 Euro, die sie in guten Zeiten als Prämie für die Unterschrift unter die Papiere erhalten haben, nicht zurückzahlen. Allerdings dürften etliche Schüler darauf bestehen, die Ausbildung dennoch zu beenden, denn einigen fehlen nur noch ein paar Flugstunden. Um die Verpflichtungen gegenüber diesen Schülern noch zu erfüllen, wird die Flugschule im Januar noch einmal eröffnet.

Dann jedoch wird die Ausbildung bis auf Weiteres gestoppt. Sie soll wiederaufgenommen werden, wenn Lufthansa Bedarf an Nachwuchskräften hat. Wann das ist, kann niemand vorhersagen. Allerdings muss die Airline mit gehörigem Vorlauf planen, denn es dauert normalerweise zwei Jahre, bis Piloten ihre Lizenz bekommen. Die International Air Transport Association (IATA) geht derzeit davon aus, dass der Verkehr 2024 wieder auf dem Niveau von 2019 sein wird. Lufthansa will dauerhaft 150 Flugzeuge weniger betreiben und hat deswegen viel zu viele Piloten an Bord. Es wird also lange dauern, bis so viele von ihnen in Rente gegangen sind, dass die Airline wieder Neueinsteiger brauchen wird.

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