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Krisenkonzern:Luca de Meo wird neuer Renault-Chef

FILE PHOTO: SEAT President and CEO Luca de Meo poses during an interview at the SEAT car factory in Martorell

Luca de Meo: "Ich konzentriere mich auf die Veränderung der Mentalitäten."

(Foto: REUTERS)

Wochenlang haben sich die Franzosen mit Volkswagen um den Manager gestritten. Nun darf er tatsächlich seinen neuen Job antreten - aber VW stellt Bedingungen.

Er ist ein begehrter Mann. Wochenlang dauerte das Gezerre zweier großer Autohersteller um ihn - das dürfte Luca de Meo geschmeichelt haben. Dann, vergangene Woche, ließ Volkswagen-Chef Herbert Diess mit wortreichem Bedauern schon erkennen, dass er de Meo gehen lassen muss: Den bisherigen Lenker der Volkswagen-Tochter Seat zieht es zu Renault nach Paris. Ausgerechnet zum Krisenkonzern Renault. Die vielen Probleme, die ihn dort nach den Turbulenzen um den skandalträchtigen Ex-Chef Carlos Ghosn erwarten, scheinen ihn nicht zu schrecken. Ganz im Gegenteil.

Seine ausgeprägte Vorliebe für echte Herausforderungen dürfte den Verwaltungsrat des französischen Herstellers vollends überzeugt haben. Das Gremium kam am Dienstag zusammen, um de Meo zum Konzernchef zu bestellen. Wie sehr der 52 Jahre alte Italiener bei Renault aber gewollt wird, lässt sich daran erkennen, dass die Verwaltungsräte sogar eine kleine Abschieds-Gemeinheit von Volkswagen in Kauf nehmen: Der deutsche Konkurrent besteht französischen Medien zufolge auf eine Klausel, der zufolge der umworbene Manager noch warten muss, bis er den Job als Renault-Chef tatsächlich antreten darf. Erst am 1. Juli wird de Meo antreten. Bis dahin darf er die Renault-Konzernzentrale noch nicht einmal betreten. Dabei dauert die Hängepartie um den vakanten Chefposten schon viel zu lange an, zumal für einen Hersteller mit Besorgnis erregender Finanzlage. De Meo wird erwartet wie ein Wunderheiler, von dem man sich derart viel erhofft, dass man noch ein wenig länger zu leiden bereit ist.

Dem künftigen Renault-Chef eilt ein so guter Ruf voraus, wie ihn in der nicht mehr bestens angesehenen Autobranche nur noch wenige genießen. In den vier Jahren, die de Meo Seat steuerte, führte er die spanische Volkswagen-Tochter nicht nur aus den Verlusten und zu neuen Absatzrekorden. Er machte die Marke auch zum innovativen Anbieter für neue Mobilitätskonzepte. Er selbst erklärt sich den Erfolg vor allem mit seinem Talent als Motivator: "Ich konzentrierte mich auf die Veränderung der Mentalitäten in einem Unternehmen, das völlig zermürbt war", sagt der gelernte Marketingspezialist zur Wende bei Seat. Er wolle seine Mitarbeiter "zum Träumen ermutigen". Bei Renault kann man so einen Charismatiker, der einem den Glauben an sich selbst zurückgibt, gerade sehr gut gebrauchen.

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Neben allen technologischen Umbrüchen, denen die ganze Branche ausgesetzt ist, hält der Hersteller ein paar ganz eigene Herausforderungen bereit: Absatz und Gewinn sinken bedrohlich. Die Cash-Reserven schmelzen. Die Kosten müssen runter. Seit Ghosns Festnahme wegen des Verdachts auf Finanzbetrügereien im Herbst 2018 hat die Renault-Aktie die Hälfte ihres Werts verloren. Und vor allem hat die Zusammenarbeit mit dem japanischen Partnerkonzern Nissan, die für das Unternehmen von existenzieller Bedeutung ist, stark unter der Ghosn-Affäre gelitten. Dieses Verhältnis zu reparieren, wird de Meos vielleicht wichtigste Aufgabe. Da man bei Nissan Franzosen nach dem Skandal ziemlich misstraut, könnte es von Vorteil sein für de Meo, dass er Italiener ist. Und der erste ausländische Chef überhaupt in der 120-jährigen Renault-Geschichte.

Die Berufung de Meos ist auch so etwas wie ein Nach-Hause-kommen: Vor mehr als einem Vierteljahrhundert entschied er sich gegen seinen heimlichen Berufswunsch als Techno-DJ - und trat just bei Renault seinen ersten Job an. Seitdem ist er viel herumgekommen, de Meo hat schon in zwölf Ländern gelebt. Arbeitete für die Marken Toyota, Volkswagen, Audi. Rettete Seat. Bei Renault soll er Ähnliches vollbringen. Nur in größer.

© SZ vom 29.01.2020/vit
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