Die Qual sei eine unvermeidliche Tatsache, sie zu ertragen oder nicht, bleibe jedoch dem Läufer überlassen. Damit habe man im Grunde einen Hauptaspekt des Marathonlaufens umrissen, schreibt der japanische Schriftsteller Haruki Murakami in „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“. Mit dem Buch versucht er, jenen Menschen den Zauber des Joggens zu vermitteln, die sich angesichts der gleich folgenden Zahlen fragen: Warum wollen die sich das antun?
1,1 Millionen Läuferinnen und Läufer haben sich für den diesjährigen London-Marathon anzumelden versucht, fast drei Mal so viele wie noch vor drei Jahren. Nur jeder zwanzigste von ihnen wird am 26. April mitlaufen dürfen. Das urbane Massenevent verträgt nun mal nicht mehr als etwa 57 000 Starterinnen und Starter. Keine Chance. Außer natürlich, man veranstaltet es zweimal.
Dieser Tage wurden Überlegungen publik, die traditionelle Sonntagsveranstaltung von kommendem Jahr an zu einem Wochenendfestival zu machen. Zwei Läufe, Sonntag plus Samstag, macht zusammen 100 000 Läufer. Das freut viele Hobby-Athleten, die sich endlich auf 42,195 Kilometern verausgaben dürfen. Und das freut viele Läden in der City, die mit noch mehr Einnahmen rechnen können. Kein Wunder, dass Bürgermeister Sadiq Khan die Idee gefällt.
Städte auf der ganzen Welt heißen einfliegende Jogger willkommen, die ökonomischen Effekte sind groß, die internationale Laufmasche ist zum Milliardengeschäft geworden. Für den Berlin-Marathon etwa kamen 2024 mehr als 70 Prozent der 74 082 Teilnehmer aller Wettbewerbe angereist, sie wurden von mehr als 200 000 Mitreisenden begleitet. All diese Menschen müssen irgendwo schlafen, Nudeln essen und Blasenpflaster kaufen. Eine Studie hat ergeben, dass die Veranstaltung der Region fast eine halbe Milliarde Euro einbringt. Chicago verbucht gar mehr als 650 Millionen Euro an Wertschöpfung. Das Rennen in Tokio, an dem sich Murakami regelmäßig versucht hat, hat der Stadt immerhin mehr als 300 Millionen Euro gesichert.
Fast 100 Millionen Euro für wohltätige Zwecke
Der London-Marathon hat dem Vereinigten Königreich vergangenes Jahr mehr als 270 Millionen Euro an wirtschaftlicher Gesamtwirkung beschert. Allerdings sind andere Zahlen noch beeindruckender, der Lauf gilt schließlich als die größte einmalige Spendensammlung der Welt. 87,3 Millionen Pfund, ziemlich genau 100 Millionen Euro, sind für wohltätige Zwecke eingenommen worden. Seit 1981 sind 1,6 Milliarden Euro zusammengekommen.
Es gibt nämlich zuvorderst zwei Möglichkeiten, an dem begehrten Rennen teilzunehmen. Entweder bewirbt man sich um einen der Startplätze, die den vielen teilnehmenden Wohltätigkeitsorganisationen vorbehalten sind. Die Samaritans erwarten für einen „charity place“ aber mindestens 2800 Euro an Spenden. Oder man wird bei der Lotterie der Veranstalter ausgelost. Diese Glücklichen werben dann oft freiwillig und privat Spenden ein.
Wer sich nun immer noch fragt, warum man sich das antut, wer also immer noch nicht Murakamis „persönliche Erfahrungen, die ich durch körperliche Bewegung erlangt habe und die mir zu der Erkenntnis verholfen haben, dass Leiden nur eine Option ist“, teilen mag, für den hat London auch weniger anstrengende Möglichkeiten im Angebot. In Wimbledon etwa gibt es ein Lauf-Event – man kann zwischen 10 Kilometer und einem Halbmarathon wählen –, das Geld für benachteiligte Kinder sammelt. An jeder Verpflegungsstation wird das Produkt des Sponsors gereicht. Es ist eine Craft-Bier-Marke. Wer schon einmal durstig daran teilgenommen hat, kann zumindest über den nächsten Tag sagen: Die Qual ist eine unvermeidliche Tatsache, sie zu ertragen oder nicht, bleibt jedoch jedem selber überlassen.
