Süddeutsche Zeitung

Inflation:Arbeitnehmer haben weniger Geld

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Wegen der Inflation sinken die Löhne im ersten Halbjahr 2022 um durchschnittlich 3,6 Prozent, ermitteln Ökonomen. Die Debatte um weitere Entlastungen durch die Politik dürfte das anheizen.

Von Benedikt Peters

Inmitten von Preissteigerungen und Energiekrise sinken die Löhne der Arbeitnehmer in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Auf dem Papier steigen die Löhne demnach zwar: Betrachtet man die derzeit gültigen und für dieses Jahr geschlossenen Tarifverträge, liegt der Zuwachs im Schnitt bei 2,9 Prozent. Berücksichtigt man aber die im Jahr 2022 stark gestiegene Inflation, steht unter dem Strich ein Minus. Ökonomen sprechen von einem "Reallohnverlust", der dem WSI zufolge bei 3,6 Prozent liegt.

Die Zahlen dürften die Debatte um weitere Entlastungen für die Bürger anheizen. Um die Folgen der Inflation abzumildern - sie ist derzeit so hoch wie seit etwa 40 Jahren nicht mehr -, hat die Bundesregierung bereits mehrere Pakete auf den Weg gebracht, sie beinhalten etwa eine Senkung der Einkommensteuer und einen Energiebonus von bis zu 300 Euro. Ein Teil der Teuerung wird dadurch aufgefangen, im Durchschnitt etwa 60 Prozent, ermittelten Forscher des Instituts für Makroökonomie im Juli. Doch die Belastungen für viele Bürger werden im Herbst und Winter voraussichtlich weiter steigen, etwa durch die Gasumlage. Bundeskanzler Olaf Scholz hat deshalb ein weiteres Entlastungspaket angekündigt, über dessen Inhalt wird noch diskutiert.

Die WSI-Studie untermauert, worauf Gewerkschafter und Arbeitgeber in den vergangenen Monaten immer wieder hingewiesen haben: Die Tarifpolitik allein kann die Folgen der durch den Ukraine-Krieg verursachten Energiekrise nicht ausgleichen. Eine Ursache dafür ist den Forschern zufolge, dass viele der gültigen Tarifverträge vereinbart wurden, bevor sich die hohe Inflation abzeichnete. Dazu zählen zum Beispiel der Einzelhandel oder der öffentliche Dienst. Im Schnitt kommen diese Beschäftigtengruppen, die insgesamt etwa elf Millionen Arbeitnehmer umfassen, gerade einmal auf ein nominales Lohnplus von 2,5 Prozent. Wegen der Inflation haben sie also deutlich weniger Geld im Portemonnaie.

In einigen Branchen können die neuen Abschlüsse die Inflation ausgleichen

Im Jahr 2022 zeichnet sich zwar ein Trend zu etwas höheren Abschlüssen ab. Gewerkschafter fordern nun stärkere Lohnzuwächse, die Arbeitgeber sind tendenziell auch eher bereit, sie zu gewähren. Aber auch die 2022 geschlossenen Tarifverträge gleichen die Teuerung von derzeit 7,5 Prozent nicht aus, die Lohnsteigerungen liegen im Schnitt bei 4,5 Prozent. "Nachdem die Tariflöhne in den 2010er-Jahren real relativ deutlich zugenommen haben, drohen 2022 für viele Beschäftigte im zweiten Jahr in Folge Reallohnverluste", sagt WSI-Forscher Thorsten Schulten.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen. Im Hotel- und Gaststättengewerbe etwa wurden in manchen Bundesländern Abschlüsse von 7,5 bis 9 Prozent erzielt, die damit die Inflation ausgleichen. Eine ähnliche Entwicklung gibt es bei den Gebäudereinigern (ab Oktober durchschnittlich plus 9,7 Prozent). Diese Beschäftigten bekommen nicht nur auf dem Papier, sondern auch tatsächlich eine Gehaltserhöhung. Auch das Lufthansa-Bodenpersonal bekommt nach einem Streik im Juli künftig mehr Geld, die Steigerungen liegen je nach Grundgehalt bei etwa 8 bis 19 Prozent mehr, Geringverdiener profitieren am meisten. Den WSI-Forschern zufolge sind die Erhöhungen dort besonders stark, wo Fachkräftemangel herrscht.

In den kommenden Monaten dürften weitere komplizierte Auseinandersetzungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern folgen. Mit der Metallindustrie und dem öffentlichen Dienst stehen zwei besonders große Tarifrunden an, es geht um die Löhne von mehr als sieben Millionen Arbeitnehmern. Die zuständigen Gewerkschaften haben hohe Lohnforderungen in Aussicht gestellt. Die IG Metall fordert für ihre Beschäftigten acht Prozent mehr Lohn. Verdi hat signalisiert, dass mindestens die Inflation ausgeglichen werden müsse. Die Arbeitgeber wiederum warnen davor, dass zu viele hohe Tarifabschlüsse die Teuerung weiter anheizen könnten. Die Firmen könnten wegen höherer Lohnkosten ihrerseits die Preise für ihre Produkte erhöhen, was dann wiederum in höheren Forderungen der Gewerkschaften münden könnte. Ob diese sogenannte Lohn-Preis-Spirale tatsächlich droht, ist unter Wirtschaftswissenschaftlern allerdings umstritten.

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