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Locomore:Nächster Angriff auf die Deutsche Bahn

Der kleine Zuganbieter hat vor drei Monaten Insolvenz anmelden müssen. Jetzt startet er noch einmal durch - mit Hilfe einer Fernbus-Firma und einem tschechischen Unternehmen - das ziemlich große Pläne hat.

Die neuen Mitarbeiter sind schon in grün gehüllt, an den Waggons kleben kleine Logos: So sieht das aus, wenn Deutschlands größter Fernbusanbieter Flixbus ins Bahngeschäft einsteigt. Sonst hat sich optisch recht wenig geändert seit der Rettung von Locomore. Vor drei Monaten hatte der Zugbetreiber Insolvenz anmelden müssen, seine Zukunft war lange unklar. Doch jetzt, 14:19 Uhr an Gleis 15 des Bahnhofs Berlin-Lichtenberg, beginnt die Geschichte noch mal neu. Diesmal mit Flixbus und dem tschechischen Unternehmen Leo Express. Gemeinsam wollen sie der Deutschen Bahn auf der Strecke zwischen Berlin und Stuttgart Konkurrenz machen.

Dass das nicht leicht ist, zeigt nicht nur die Pleite von Locomore, sondern auch das restliche Marktumfeld: Mit dem Hamburg-Köln-Express (HKX) operiert auf der Fernstrecke lediglich ein weiterer privater Anbieter auf deutschen Schienen - zumindest bis Oktober. Dann soll der HKX eine zweimonatige Betriebspause einlegen.

Die Retter von Locomore geben sich dennoch kämpferisch - gerade wegen der Kombination von Bus und Bahn: Über das eigene Busnetz und das zugehörige Vertriebssystem könnten künftig mehr Kunden in die Züge finden, sagt Flixbus-Netzplaner Michael Mittag. Kunden könnten beim Unternehmen nun auch eine Reise mit Umstieg zwischen Straße und Schiene buchen. Die Preise sollen dabei deutlich unter denen des Staatskonzerns Bahn liegen.

Der Wettbewerb ist hart. Das liegt nicht zuletzt an den hohen Fixkosten. Züge müssen angeschafft und unterhalten, Lokführer engagiert werden. Hinzu kommen Abgaben für die Nutzung von Schienen und Bahnhöfen. Auch die behördlichen Hürden sind hoch, ehe ein Unternehmen Fernzüge losschicken darf, von der Aufnahme in den Fahrplan ganz zu schweigen. Außerdem weigert sich die Deutsche Bahn, Tickets von Mitbewerbern im Fernverkehr über ihr eigenes Vertriebsnetz zu verkaufen. Man ist schließlich Konkurrent.

Der erste Zug Richtung Stuttgart ist zum Start noch mäßig befüllt. Aber das soll sich schnell ändern

Derek Ladewig ist überzeugt, dass die hohen Kosten auch sein Unternehmen Locomore in die Pleite trieben: "Die Erlöse und Passagierzahlen sind kontinuierlich gestiegen - leider war unsere Kapitaldecke zu dünn, um bis zur Gewinnzone weiterzumachen." Die neuen Betreiber brächten nun ein "viel breiteres finanzielles Kreuz" mit, um die Herausforderungen zu meistern, so Ladewig. Ihm ist die Erleichterung anzusehen, dass seine Vision von mehr Wettbewerb im Schienennetz nun fortgeführt wird.

Nicht ganz so glücklich dürften die privaten Anleger sein, die Locomore mittels Crowdfunding mehr als 600 000 Euro zur Verfügung gestellt hatten. Zwischen 3,5 und 4,15 Prozent Zinsen sollten sie ursprünglich für ihr Investment bekommen. Nicht nur diese Rendite ist jetzt verloren, sondern wahrscheinlich auch das investierte Geld. Bei der Rettung von Locomore übernahm Leo Express nämlich nicht das gesamte Unternehmen, sondern kaufte nur bestimmte Teile davon. Flixbus erstand gar nichts, sondern kümmert sich als Kooperationspartner lediglich um Vertrieb, Marketing und Kundenservice auf der Zugstrecke.

Ob weitere Zugstrecken geplant sind, will Flixbus noch nicht sagen. Man konzentriere sich auf die bestehende Kooperation und das Busnetz, teilt das Unternehmen mit. Peter Köhler, Chef von Leo Express, hat deutlichere Visionen: Er wolle einen europäischen Eisenbahnmarkt schaffen. "Zurzeit sind wir auf der Suche nach neuem Wagenmaterial und weiteren Mitarbeitern", sagt er. Bisher ist sein Unternehmen vor allem in Tschechien und Polen aktiv, überwiegend mit Fernbussen.

Der erste Zug Richtung Stuttgart ist zum Start noch mäßig befüllt. Rund dreißig Passagiere sind in Berlin-Lichtenberg zugestiegen. Während der Fahrt soll die Auslastung laut Flixbus jedoch auf 70 Prozent steigen. Auf die Minute pünktlich rollt der Locomore-Zug los. Ob er wie das Personal bald auch in grün statt in orange daherkommen wird, wollte Flixbus nicht verraten.