Locomore:Ausgeträumt

Locomore wollte Stuttgart und Berlin auf eine neue Art verbinden - mit Biokost im Themenabteil. Nun hat der Bahn-Konkurrent Insolvenz angemeldet: Dumm gelaufen für die Crowd-Investoren und wohl auch für viele Fahrgäste zum Kirchentag.

Von Michael Bauchmüller und Michael Kuntz, Berlin/München

Die schöne neue Welt der Eisenbahn war orange lackiert: Mit aufgepeppten Gebrauchtwaggons wollte das Berliner Start-up Locomore mit der Deutschen Bahn konkurrieren. Das rollende Material war aus den Siebzigerjahren, dafür aber war das Angebot während der Reise neu: Fahrgäste bekamen Biokost am Platz serviert und sie durften sich einen Platz in Abteilen suchen mit vorgegebenen Themen für anregende Gespräche mit anderen Reisenden: "Englisch" oder "Fotografie" oder "Start-up Networking".

Nach dem Insolvenzantrag von Locomore am Donnerstag wird nun "Start-up Networking" lebhaft diskutiert, allerdings nicht mehr im Themenabteil des Fernzuges zwischen Stuttgart und Berlin. Denn der steht vorerst still. Am Freitag teilte Locomore mit, der Betrieb müsse "leider vorläufig unterbrochen" werden. Die Verbindungen über das Wochenende bis einschließlich Montag wurden gestrichen.

Zeitweise hatte Locomore bereits vor der Insolvenz ihr anfangs tägliches Angebot auf Wochenendfahrten reduziert. Der Zug startete fahrplanmäßig morgens in Stuttgart und fuhr nachmittags von Berlin dorthin zurück. Für die jeweils sechseinhalb Stunden dauernde Fahrt lag der Preis bei 22 bis 65 Euro, also meistens unter dem der Deutschen Bahn.

Locomore, das war auch Teil eines Traums: Der Staatskonzern sollte endlich ernsthaft Konkurrenz im Fernverkehr bekommen. Denn Wettbewerb gibt es bisher allenfalls im Regionalverkehr. Doch der wird von den Ländern oder Verkehrsverbünden ausgeschrieben - wer hier den Zuschlag erhält, hat ein recht krisensicheres Geschäft. Im Fernverkehr dagegen sind die Risiken weitaus höher.

Zu wenig Passagiere und Einnahmen, um den Fernzug kostendeckend zu betreiben

Was das bedeutet, bekommt nun zunächst die Kundschaft zu spüren. So ist offen, ob Locomore wie geplant Anreisepartner beim Evangelischen Kirchentag sein kann. Das Protestanten-Treffen findet vom 24. bis 28. Mai in Berlin und Wittenberg statt. Teilnehmer der Großveranstaltung konnten bis zum 1. April für 79 Euro eine Hin- und Rückfahrt von jedem Locomore-Bahnhof nach Berlin und zurück buchen. Und nicht nur für den Kirchentag verkaufte Locomore Tickets, von denen derzeit unklar ist, was sie noch wert sind. Der Online-Ticketverkauf bei Locomore ist vorerst unterbrochen worden.

Dabei hatte sich das Problem schon angebahnt. Mitte März macht Locomore "ein unschlagbar günstiges Angebot für Stammgäste": Ein 5er-Ticket Südwest für 13 Euro pro Fahrt zwischen Stuttgart, Vaihingen/Enz, Heidelberg, Darmstadt und Frankfurt. Als Grund hieß es: "Zwischen Frankfurt und Stuttgart sind wir mit unserer Auslastung noch nicht zufrieden."

Ähnlich liest sich die Mitteilung nach dem Insolvenzantrag beim Berliner Amtsgericht Charlottenburg. "Sowohl die Anzahl der Fahrgäste als auch die Einnahmen pro Fahrgast sind zwar kontinuierlich angestiegen, aber nicht schnell genug, um vollständig kostendeckend zu arbeiten." Schließlich habe am Mittwoch dann noch ein Investor abgesagt, "dessen Engagement die Insolvenz abgewendet hätte". Gespräche mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter Rolf Rattunde und potenziellen Investoren seien angelaufen, hieß es am Freitag, verbunden mit ein bisschen Zuversicht: "Locomore hofft, den Betrieb so bald wie möglich wieder aufnehmen zu können und entschuldigt sich bei allen betroffenen Fahrgästen von ganzem Herzen!"

Nach Informationen aus Branchenkreisen war Locomore zuletzt chronisch unterfinanziert. Das Unternehmen hatte nahezu alle Leistungen an Subunternehmer weitergegeben, von der Anmietung der Züge bis zu deren Betrieb. "Entsprechend hoch waren die Fixkosten, die jeden Monat erwirtschaftet werden mussten", sagt ein Brancheninsider. Auch war ein zentrales Kalkül nicht aufgegangen: Locomore war kurz vor Weihnachten an den Start gegangen, der erste Zug startete am 14. Dezember um 6.21 Uhr von Stuttgart aus nach Berlin. Doch nach Weihnachten flaute das Geschäft offenbar ab: Die Züge, die stark auch Gelegenheits-Reisende ansprechen sollten, fuhren von der Weihnachts- in die Saure-Gurken-Zeit. Außerdem gab es laut Medienberichten technische Probleme. Am Freitag kehrte der Zug aus Berlin erst einmal nicht zurück nach Stuttgart.

Betreiber boten an, "uns mit Nachrangdarlehen zu unterstützen"

Im Insolvenzverfahren geht es nun nicht nur um die Weiterführung des Fernzugs und Ansprüche von Fahrgästen mit Tickets, sondern auch darum, ob die Investoren noch etwas von ihrer Geldanlage wiedersehen. Die Betreiber von Locomore hatten per Crowdfunding im Internet mehr als 600 000 Euro Startkapital gesammelt.

Noch zwei Monate vor der Insolvenz suchten die Bahn-Betreiber "weiter Unterstützung, um unserer Angebot zu stabilisieren und auszubauen". Sie boten nochmals die Möglichkeit, "uns mit der Zeichnung von Nachrangdarlehen zu unterstützen". Wer das machte, der besitzt nun eher schlechte Karten: Nachrangige Darlehen gehören zu den Finanzinstrumenten, die im Falle der Liquidation oder Insolvenz im Rang hinter andere Forderungen zurücktreten. Fachleute sprechen von Mezzanine-Kapital. Es werden also erst alle anderen Gläubiger bezahlt.

Etwas besser dran als andere sind Investoren, die bereits möglichst viel von ihrem Kapitalertrag abgefahren haben. Denn wer sich für eine Verzinsung in Fahrguthaben entschied, der bekam den Zins ein Jahr im Voraus ausbezahlt. Direkt nach Geldeingang konnte das Fahrtguthaben für Fahrten im Locomore genutzt werden.

Locomore ist nicht der erste Konkurrent auf der Schiene, der gegen die Bahn im Fernverkehr erfolglos bleibt. So wurde der Interconnex zwischen Leipzig und Rostock 2014 wieder eingestellt. Auch der komfortable Metropolitan Express zwischen Hamburg und Köln verkehrte nur von 1999 bis 2004. Andere, wie der Hamburg-Köln-Express HKX, sind dagegen immer noch gut unterwegs.

© SZ vom 13.05.2017
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