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Lockdown:Einzelhandel fordert Öffnungsperspektiven

Corona-Krise

Alles dicht: Modegeschäft in Berlin. Immer mehr Händler wollen eine Lockerung der Lockdown-Maßnahmen erzwingen.

(Foto: dpa)

Auch wenn viele Einzelhändler heute digitaler unterwegs sind als noch vor der Pandemie: Der Lockdown macht ihnen schwer zu schaffen, viele fürchten um ihre Existenz.

Von Thomas Fromm und Silvia Liebrich

Eigentlich sollte der neue Showroom des Modelabels Riani längst eröffnet sein. Eigentlich. Doch dann kam Corona. Wenn die Chefinnen Mona und Martina Buckenmaier durch die große verglaste Front ihres Büros im schwäbischen Schorndorf blicken, haben sie den Stillstand direkt vor Augen: Auf dem vorgesehenen Bauplatz auf der anderen Straßenseite erstreckt sich noch immer eine große Wiese. Seit Monaten kämpfen Tochter und Mutter gegen den Niedergang in der Branche, auch mit juristischen Mitteln. Vor dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim wollen sie die Wiederöffnung von Geschäften und die Gleichbehandlung mit Friseuren erzwingen. Doch noch sei nichts entschieden, wie ein Gerichtssprecher am Montag mitteilte.

Dabei ist die Lage dramatisch. Die Modebranche kann ihre Winterkollektion längst einpacken, ohne zu wissen, ob es sich überhaupt lohnt, die Frühlingsmode in die Auslagen zu stellen. "Wenn Mode- und Warenhäuser sowie Schuh- und Lederwarengeschäfte nicht zeitnah noch im März wieder öffnen dürfen, werden Tausende Läden für immer geschlossen bleiben", befürchten die deutschen Modehandelsverbände. Nach Frühjahr/Sommer 2020 und Herbst/Winter 2020/21 wäre dies dann die dritte Verlust-Saison in Folge. "Das werden viele Mode- und Schuhhäuser, und zwar aller Umsatzgrößen, nicht überleben", prognostiziert Siegfried Jacobs, Geschäftsführer der Handelsverbände BTE (Textil) und BDSE (Schuhe). Die Riani-Geschäftsführerinnen befürchten, dass das dicke Ende für die Branche erst noch kommt. Die Pandemie werde erst auf die diesjährige Bilanz so richtig durchschlagen. "Da reden wir von einem Minus beim Umsatz von 40 bis 50 Prozent", sagte Martina Buckenmaier vor Kurzem in einem Interview mit der SZ.

Es gab Zeiten, da bedeuteten angestrahlte Kaufhausfassaden nur Gutes

Die Lage ist dramatisch, deshalb werden jetzt auch Städte rot angeleuchtet. Es gab ja durchaus Zeiten, da bedeuteten farbige Schaufenster und angestrahlte Kaufhausfassaden nur Gutes. Kunstinstallationen am Bau, Stadtfeste, solche Dinge. In diesen Zeiten sind rot leuchtende Schaufenster weniger festlich gemeint. Händler und Geschäftsinhaber fürchten um ihre Existenz, wenn nicht bald wieder Menschen zu ihnen kommen können, und überall da, wo Geschäfte und Einkaufszentren an der Aktion "Das Leben gehört ins Zentrum" teilnehmen, lautet die Botschaft wohl: Alarmstufe Rot!

Was Ketten wie der Schuhhändler Deichmann, die Buchhandelskette Thalia, das Bekleidungsgeschäft S. Oliver und viele andere fordern, kurz vor der Ministerpräsidentenkonferenz am Mittwoch: Perspektiven, dass es wieder los- und weitergeht. Einen Plan zur schnellen Öffnung des Einzelhandels, von dem auch das Robert-Koch-Institut sagt, dass hier das Infektionsrisiko "niedrig" sei.

Es ist ein großes Dilemma. Kleine und mittelständische Händler, das zeigt eine Umfrage des Handelsverbandes Deutschland (HDE), bauten ihre digitalen Vertriebswege während des Lockdowns aus. Eine HDE-Umfrage unter 1300 Handelsunternehmen ergab: 84 Prozent der Händler sind mittlerweile digital unterwegs. Das ist notwendig, auch um das Geschäft in Zukunft nicht komplett den Profiteuren der Plattformökonomie zu überlassen, allen voran Amazon. Andererseits: Wenn es so ist, dass das Leben ins "Zentrum" gehört, dann wäre es nicht schlecht, wenn es da noch etwas gäbe außer geschlossener Geschäfte, bei denen man sich nicht so sicher ist, ob sie überhaupt jemals wieder aufmachen. Der kleine Buchläden, die Schuhboutique, das Kaufhaus, die Kaffeebar, das Restaurant Poseidon in der Fußgängerzone - irgendwie hängen alle miteinander zusammen, weil sie alle Teil dieses Systems sind, das Stadtzentrum heißt und in dem die Überlebenden gerade die roten Laternen angezündet haben.

Douglas will mehr Präsenz im Netz - und die Zahl der Filialen abbauen

Die Drogeriekette Douglas, deren Läden ja seit jeher zu den Innenstadt-Klassikern gehören, will nun ihr E-Commerce-Geschäft ausbauen und im Gegenzug die Zahl der Filialen abbauen. Diese könnten nur überleben, wenn sie mehr Beratung und Service anböten, sagte Douglas-Chefin Tina Müller. Die Läden müssten aber auch Teil des E-Commerce-Netzes werden. "Den Shift von Offline auf Online können wir nicht verhindern", sagte Müller. Fast schon tragisch bei all dem ist ausgerechnet eine Positivmeldung, die Hoffnung machen sollte. Ausgerechnet jetzt hellt sich die Verbraucherstimmung auf, erstmals seit dem vergangenen Oktober ist das HDE-Konsumbarometer wieder gestiegen. Unter den Konsumenten, so der HDE am Montag, setze sich "ein leichter Optimismus" durch. Verbraucher wollen also wieder mehr verbrauchen. Aber wenn die Geschäfte geschlossen sind, nutzen sie dafür womöglich andere Kanäle, womit man wieder bei der Frage wäre: Was soll nur aus den Stadtzentren werden?

Coronavirus - Celle

Nur mit Maske: Schaufensterpuppe in Celle/Niedersachsen.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Es ist die Zeit der offenen Briefe. "Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin", beginnt der stationäre Spielwareneinzelhandel seinen Appell an die Regierungschefin, "der mittlerweile fast drei Monate andauernde Lockdown im Einzelhandel kostet die betroffenen über 3000 Spielwaren-Händler täglich sehr viel Geld, für immer mehr Unternehmer ist die Entwicklung existenzgefährdend". Es entstehe ein "gesamtgesellschaftlicher Schaden, der nicht hinnehmbar ist". Und auch Deutschlands Elektronikhändler schreiben an die gleiche Berliner Adresse: "Für immer mehr Unternehmer ist die Entwicklung existenzgefährdend." Unterschrieben ist der Brief unter anderem von den Chefs von Conrad Electronic, Euronics, Media Markt und Saturn. Sie alle verkaufen Smartphones, Kabel oder TV-Geräte, die man natürlich auch online bestellen kann. Aber damit wäre den Stadtzentren auf Dauer vermutlich auch nicht geholfen.

© SZ
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