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Lobbyistin Marie-Christine Ostermann:Liebling der Medien

Das Mädchenhaft-Freundliche täuscht: Trotz ihrer jungen Jahre ist Marie-Christine Ostermann bereits Chefin eines Unternehmens. Und: Sie steht an der Spitze des Bundesverbandes Junger Unternehmer.

Marie-Christine Ostermann fällt auf. Lange, blonde Haare, strahlendes Lächeln, sportlich schlanke Figur, die durch den geblümten Rock und das rosa Shirt noch betont wird. Sie strahlt etwas so Mädchenhaft-Freundliches aus, dass mancher Besucher, der ihr in der Zentrale des Lebensmittelgroßhändlers Rullko zufällig über den Weg läuft, sie vermutlich für eine Studentin halten würde, die hier ein Praktikum absolviert.

Marie-Christine Ostermann fällt es nicht schwer, sich zu Wort zu melden. Im Fernsehen ist sie gern gesehener Gast der Polit-Talkrunden, schon allein, weil sie eine Frau ist.

(Foto: Die Jungen Unternehmer - BJU)

Stutzig machen könnten ihn lediglich die hochhackigen Schuhe, mit denen die junge Frau die Treppen zu ihrem Büro mit einer Selbstverständlichkeit hochläuft, als trüge sie Turnschuhe, und der freundliche, aber durchaus respektvolle Umgangston, mit denen ihr andere hier im Haus begegnen - und sie ihnen. Spätestens da dürfte dem Besucher klar werden, dass Marie-Christine Ostermann hier nicht irgendeine Praktikantin ist. Bei Rullko ist sie die Chefin.

Seit vier Jahren leitet die 32-Jährige gemeinsam mit ihrem Vater, Carl-Dieter Ostermann, den Lebensmittelgroßhandel Rullko in Hamm, dort, wo sich das Ruhrgebiet in das mit Familienunternehmen gespickte Westfalen verwandelt. Rullko beliefert Großküchen von Krankenhäusern und Altenheimen, macht 75 Millionen Euro Umsatz im Jahr und beschäftigt 150 Mitarbeiter.

Kaffee aus eigener Rösterei

Mit ihrem Vater, dessen Büro direkt neben ihrem liegt, trifft sich Marie-Christine Ostermann jeden Morgen um halb neun zur Frühbesprechung und zum Frühstück - eine Tasse Rullko-Kaffee aus eigener Rösterei inklusive. "Das mit dem Kaffee ist ein bisschen Nostalgie", sagt sie. "Wir rösten unseren eigenen Kaffee seit der Unternehmensgründung im Jahr 1923."

Marie-Christine Ostermann hält 30 Prozent an Rullko. Angefangen hat sie mit 16 Prozent. Über diese Unternehmensnachfolge in Raten ist sie froh. "Viele Unternehmer kümmern sich zu spät um die Nachfolge. Sie können nicht loslassen." Ihr Vater war 60, als sie ins Unternehmen kam. "Dass er noch ein paar Jahre im Betrieb bleibt, finde ich optimal. Sonst könnte ich den Verbandsvorsitz auch nicht parallel machen."

Mit "Verband" meint Ostermann den Bundesverband "Die Jungen Unternehmer - BJU". Seit November 2009 ist sie dessen Vorsitzende, als zweite Frau überhaupt nach Karoline Beck, die den Verband von 2004 bis 2006 leitete. Mitglied des BJU ist sie seit 2006. Ihr Vater hatte ihr dazu geraten. Carl-Dieter Ostermann war in den 80er Jahren selbst einmal Bundesvorsitzender.

Einflussnahme bei wichtigen Themen

Durch die Arbeit für den BJU habe sie erst richtig gemerkt, wie direkt die Politik ihre Unternehmertätigkeit beeinflusse, sagt Ostermann. Jetzt kann sie selbst Einfluss nehmen, vor allem bei den Themen, die ihr wichtig sind: Generationengerechtigkeit, Unternehmensnachfolge, Bildung, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie - "Ich möchte ja auch mal Kinder haben. Deshalb bin ich für dieses Thema besonders sensibilisiert.

Und natürlich es gibt noch viele andere Reformbaustellen. Das ist für mich das Faszinierende an dem Verband - dass man die Möglichkeit hat, die Stimme zu erheben und die Politik zu überzeugen."

Es fällt ihr nicht schwer, die Stimme zu erheben. Die Medien reißen sich um Marie-Christine Ostermann, wahrscheinlich, weil sie gut aussieht, wahrscheinlich aber auch, weil sie nicht so spricht, als hätte sie eine Pressemitteilung auswendig gelernt.

Zum Beispiel am Donnerstagabend in der Sendung von Maybrit Illner, wo sie sich zum Thema Mindestlohn und Arbeitnehmerrechte gegen alte Kämpen wie Oskar Lafontaine, Gewerkschaftschef Franz-Josef Möllenberg oder den stellvertretenden Unionsfraktionschef Michael Fuchs durchsetzen musste. Sie ließ sich nicht beeindrucken, verteidigte den Niedriglohnsektor auf 400-Euro-Basis, weil er "für viele Menschen eine Chance auf Festanstellung ist".

Nicht einmal ein Zimmer in Berlin

Ganz in die Politik wechseln will sie aber nicht. Dazu sei sie zu sehr Unternehmerin, sagt sie. In Berlin habe sie trotz der häufigen Pendelei nicht einmal ein Zimmer. "Das Unternehmen ist das Allerwichtigste, das steht an erster Stelle. Und das ist eben in Hamm." Dort ist sie, wie in Berlin, bereits die zweite Frau an der Spitze.

Elly Rullkötter übernahm 1963 nach dem Tod ihres Mannes Carl, der Rullko 1923 gegründet hatte, die Gesamtleitung. Anders als ihre Urgroßmutter hatte Marie-Christine Ostermann genug Zeit, sich zu überlegen, ob sie das Familienunternehmen weiterführen will. Ihr Vater habe sie nie dazu gedrängt, betont sie. "Er stand nie vor mir und sagte 'Du musst die Firma weiterleiten'." Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie schon mit 16wusste, dass sie genau das machen möchte - und sich sehr gezielt darauf vorbereitete.

Sie machte eine Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Commerzbank, studierte Betriebswirtschaft an der Schweizer Eliteuniversität Sankt Gallen. Dann legte sie noch ein Jahr Trainee-Programm bei Aldi in München ein: Kassieren, Regale einräumen, putzen, erst dann folgte die Verwaltung. Heute spricht sie von "wertvollen Erfahrungen in einem anderen Umfeld". Denn: "Zu Hause wäre ich ja immer nur die Tochter vom Chef gewesen."

Im Kühlhaus bei extremen Minustemperaturen

An ihren ersten Tag bei Rullko kann sie sich noch gut erinnern. "Mein Vater hat mich direkt ins kalte Wasser geworfen und gesagt: Schön, dass du da bist - mach mal." Da war sie 27 Jahre alt. Und sie machte. Durchlief alle Stationen, wie bei Aldi, nur mit dem Unterschied, dass sie nun wusste, worauf es ankommt. "Ich bin genauso mit den Hubwägen rumgefahren und habe angepackt wie die anderen."

Im firmeneigenen Kühlhaus verlud sie acht Stunden lang Ware bei extremen Minustemperaturen, in Schutzkleidung, die an einen Astronautenanzug erinnert. Der Logistikchef zollt ihr für diesen Einsatz immer noch Respekt. "Hat sie gut gemacht, ohne Murren."

Marie-Christine Ostermann freut das. Sie siezt ihre Mitarbeiter, und auch umgekehrt ist sie "Frau Ostermann." Wie wird es sein in zwei, drei Jahren, wenn ihr Vater sich ganz zurückzieht? Sie überlegt kurz. "Ich denke, dass ich es allein schaffe - und auch gut machen werde."