Charlotte Ritter trifft ihren Chef im Separee eines Nachtklubs. Er, dickbäuchig und leicht verschwitzt, will Informationen und vermutlich mehr. Sie, blitzgescheit und ziemlich nackt, nutzt die Gelegenheit, um ihre Karrierechancen zu verbessern. In Szenen wie diesen zeigt die Krimiserie "Babylon Berlin", warum Liv Lisa Fries eine der vielversprechendsten Fernsehentdeckungen dieses Jahres ist. Wie sie die so kluge wie frivole, so verletzliche wie knallharte Charlotte Ritter darstellt, jenseits aller Klischees, hat Millionen Zuschauer in ihren Bann gezogen.
Die Krimiserie ist ein opulentes Sittengemälde der Zwanzigerjahre. Liv Lisa Fries, 28 Jahre alt, spielt eine neugierige, ambitionierte Stenotypistin, die gemeinsam mit einem Kommissar Fälle löst. Mit einem Budget von 40 Millionen Euro ist die Serie die bislang teuerste deutsche Fernsehproduktion. Sie wurde 2017 auf dem Bezahlsender Sky gezeigt und erreichte erstaunliche Zuschauerzahlen, 2018 war sie in der ARD und der Mediathek zu sehen, mit Rekord-Abrufzahlen. Die Serie wurde in mehr als 90 Länder verkauft, die US-Rechte hat sich Netflix gesichert. Fries wurde für ein weltweites Publikum zum Gesicht der Goldenen Zwanziger. Ein Erfolg, den sie sich akribisch erarbeitet hat.
Als Liv Lisa Fries erstmals vor der Kamera stand, für Oskar Roehlers "Elementarteilchen", war sie 14. Ihre Rolle fiel dem Schnitt zum Opfer, aber egal, Fries nahm privaten Sprech- und Schauspielunterricht. Neben Götz George spielte sie dann in "Schimanski - Tod in der Siedlung" direkt die Hauptrolle. George sei ein Schauspieler, der seine Sache sehr ernst nehme, erzählte sie später. Wie ernst auch sie ihre Sache nimmt, zeigte "Babylon Berlin".
Sie vertiefte sich erst mal in Bücher, eine alte Gewohnheit aus ihrem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft. Sie las Schriftstellerinnen der Zwanziger, besuchte Ausstellungen über die Weimarer Republik, schaute Marlene-Dietrich-Filme, schrieb sogar mit den Regisseuren eine Textpassage für den Film. Ihr Schauspielkollege Volker Bruch, der den Kommissar Rath spielt, sagt: "Liv will und muss alles verstehen, damit sie sich dann am Set bedingungslos der Szene hingeben kann. Dann kann man sich als Partner von ihr überraschen lassen, bis man am Ende völlig vergisst zu spielen."
In Deutschland bekannt wurde Fries 2011 durch "Sie hat es verdient" von Thomas Stiller. Sie spielt eine Jugendliche, die eine Mitschülerin zu Tode quält. Später war sie Überlebende eines Amoklaufs in "Staudamm", die Freundin eines Mannes, der gerade sein Coming-out hatte, in "Romeos", eine Mukoviszidose-Erkrankte in "Und morgen Mittag bin ich tot". Für diesen Film hat Fries zehn Kilo abgenommen. Sie ist, durch einen Strohhalm atmend, Treppenhäuser auf und ab gelaufen, um das Gefühl von Atemlosigkeit zu verstehen. Liv Lisa Fries nimmt ihre Sache wirklich sehr, sehr ernst.
Nebenbei gelang ihr 2018 der Sprung nach Hollywood: In der Spionageserie "Counterpart" spielt sie Barkeeperin Greta an der Seite von Oscar-Preisträger J. K. Simmons. Für die Zwanzigerjahre wird Liv Lisa Fries aber noch eine Weile stehen; gerade entsteht die dritte Staffel "Babylon Berlin".
