Wolfgang Reitzle:Ende einer Ära

Linde AG

Reitzle wird den Posten des Linde-Verwaltungsratschefs im März 2022 aufgeben.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Der langjährige Linde-Chef hat den Münchner Konzern geprägt wie kein anderer und war seit der Fusion Garant, dass Linde nicht zu amerikanisch wird. Im kommenden Jahr geht er.

Von Caspar Busse

Man muss mit solchen Einschätzungen ja durchaus vorsichtig sein. Doch in diesem Fall ist es gerechtfertigt, vom Ende einer Ära zu sprechen. Wolfgang Reitzle, 72, in der Öffentlichkeit durchaus umstritten und immer wieder mit kontroversen Aussagen aufgefallen, hat den inzwischen deutsch-amerikanischen Gasekonzern Linde geprägt wie kaum ein anderer. Jetzt hat er angekündigt, Linde zu verlassen. Reitzle werde den Posten des Linde-Verwaltungsratschefs im März kommenden Jahres aufgeben, teilte das Unternehmen am Montagabend mit. Nachfolger werde der bisherige Konzernchef Steve Angel, 66. Die Nachfolge des Amerikaners wiederum tritt der gebürtige Inder Sanjiv Lamba, 57, an. Linde gehört neben SAP zu den wertvollsten Unternehmen im Deutschen Aktienindex (Dax).

"Linde könnte nicht in bessere Hände kommen", sagte Reitzle zu beiden Personalien. Mit Lamba und Angel bleibe die Balance von ehemaligen Linde- und Praxair-Managern an der Spitze des fusionierten Linde-Konzerns erhalten: Der Finanzfachmann Lamba hatte nach dem Studium in Kalkutta 1989 beim britischen Industriegase-Hersteller BOC begonnen, der 2006 von der damaligen Linde AG übernommen wurde. Bei Linde rückte er dann bis in den Vorstand auf. "Ich fühle mich wirklich geehrt, diese herausragende Firma in die Zukunft zu führen", wird Lamba zitiert.

Reitzle kam ursprünglich aus der Autoindustrie, hatte unter anderem bei BMW und bei Ford gearbeitet. 2002 wechselte er zu Linde und wurde 2003 Vorstandsvorsitzender. Er baute das Unternehmen grundlegend um, verkaufte viele Bereiche und verlegte die Zentrale von Wiesbaden nach München. 2014 schied er dann als Linde-Chef aus, nach der gesetzlich vorgeschriebenen Wartefrist kehrte er aber als Aufsichtsratsvorsitzender zurück. Er drückte dann gegen großen Widerstand und erst im zweiten Anlauf die Fusion mit dem amerikanischen Konkurrenten Praxair durch - und zwar als gleichberechtige Partner, obwohl Linde nach Umsatz größer war.

Der ehemalige Siemens-Chef Kaeser wird jetzt bei Linde aktiv

Der Name des neuen Konzern, der dadurch Weltmarktführer bei Industriegasen wurde, lautet zwar weiterhin Linde. Die Zentrale wanderte aber größtenteils in die USA ab, der offizielle Sitz ist in Irland beziehungsweise in Großbritannien. Die Führung übernahm der langjährige Praxair-Chef Angel. Reitzle wurde gut bezahlter Chef des Verwaltungsrats und galt immer als Garant dafür, das der neue Linde-Konzern auf seine deutsche Wurzeln Rücksicht nimmt.

Linde gab zudem bekannt, dass der ehemalige Siemens-Chef Joe Kaeser zum 1. November in den Linde-Verwaltungsrat einziehen wird. Er werde dort dem einflussreichen Nominierungs- und dem Vergütungsausschuss angehören, teilte der Konzern mit. Kaeser führt derzeit bereits den Aufsichtsrat von Siemens Energy und von Daimler Trucks.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB