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Linda Scott:"Den Gorilla beim Namen nennen"

Linda Scott, 63, ist Professorin an der Said Business School in Oxford, wo sie Entrepreneurship und Innovation lehrt. Sie hat das Power Shift Forum gegründet und das Konzept Double X Economy entwickelt, so heißt auch ihr Blog.

Die Oxford-Ökonomin zu den volkswirtschatflichen Kosten der Diskriminierung von Frauen.

SZ: Frau Professor Scott, Sie fordern bessere Daten über Frauen als Akteurinnen in der Wirtschaft. Gibt es die nicht?

Linda Scott: Sie reichen längst nicht aus. Aussagekräftige, international vergleichbare Zahlen werden erst seit zehn, 15 Jahren erhoben. Sie zeigen ein schockierendes Muster der Ungleichheit über die ganze Welt hinweg. Deren Kosten sind immens.

Was wird noch nicht gemessen?

Frauen werden aus verschiedenen Gründen an Wirtschaftsaktivitäten gehindert. Der wichtigste: Sie sorgen für Kinder und Alte. Der volkswirtschaftliche Beitrag dazu wird nicht gemessen. Der zweitwichtigste, vielleicht sogar der wichtigste: Gewalt.

Was hat das mit Wirtschaft zu tun?

Häusliche Gewalt ist ein enormes Thema. Ökonomen beginnen gerade erst zu ermitteln: Was kostet das? Denn Angst vor Gewalt hält viele Frauen von Wirtschaftsaktivitäten ab. Der dritte Kostenblock betrifft Vorurteile. Frauen werden von Wirtschaftsprozessen ausgeschlossen, kommen in Jobs nicht voran oder steigen aus, weil ihr Umfeld sie nicht haben will.

Vorurteile kommen auch von Frauen.

Definitiv. Das muss sich ändern, denn die Folgen sind Mobbing, schlechtere Bezahlung, Sabotage. Das vierte Feld ist die finanzielle Beteiligung. Da geht es darum, dass Frauen gar nicht oder schlechter bezahlt werden, dass sie ihr Geld bei ihrem Ehemann abliefern müssen, dass sie kein eigenes Konto eröffnen können oder kein Risikokapital bekommen. Goldman Sachs hat ermittelt, dass in Entwicklungsländern kleine und mittlere Betriebe in Frauenhand 287 Milliarden Dollar weniger Kredite bekommen also solche von Männern.

Was muss geschehen, um die Wirtschaftsmacht von Frauen zu stärken?

Es mangelt nicht an der Ausbildung. Gerade an den Universitäten sind Frauen weit vorne, es gibt keine Geschlechterlücke mehr bei den Mathe-Ergebnissen. Aber diese Entwicklung schlägt sich nicht in der Beschäftigung von Frauen nieder.

Woran liegt das?

Am Arbeitsumfeld, gerade in männerdominierten Branchen. Wir können Mädchen das Programmieren beibringen oder das Konstruieren. Aber wenn sie sich nicht akzeptiert fühlen, wird sich nicht viel ändern.

Wie geht man da ran? Laut einer in der "Harvard Business Review" veröffentlichten Studie wirken Diversity Trainings oft sogar nachteilig.

Ja, Untersuchungen zeigen, dass solche Trainings manchmal erst dazu führen, Feindbilder aufzubauen. Man muss den Gorilla im Raum beim Namen nennen.

Viele Firmen verpflichten Führungskräfte deshalb zu unconscious bias trainings. Helfen die?

Vielleicht, aber oft ist es ja keine unconscious bias, also Vorurteile, die einem nicht bewusst sind, sondern eine unadmitted bias, also Vorurteile, die man nicht zugibt.

© SZ vom 19.07.2016
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