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Getränke:Schöne Schorle

Ein Kiosk an der KVB Haltestelle Barbarossaplatz Köln 01 09 2017 Foto xC xHardtx xFuturexImage

Kiosk in Köln: Wer hier und in Supermärkten im Regal steht, hat es geschafft.

(Foto: Christoph Hardt/imago/Future Image)

Bionade, Fritzkola und Club Mate haben es vorgemacht, viele Start-ups ziehen jetzt mit kreativen Ideen nach. Aber lohnt sich das Geschäft mit neuen Bio-Brausen und Hipster-Limos?

Von Frida Preuss

Mit schwerem Rucksack auf dem Rücken laufen Boris und Phillip Anders durch den James-Simon-Park am Hackeschen Markt. "Hey, kennt ihr schon Tealer?", fragen sie die Menschen, die sich auf der Wiese sonnen. "Wir sind der neue Eistee aus Berlin!" Seit zwei Jahren sind die Brüder hier unterwegs. Zehn Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Nach dem Abitur suchten die Zwillinge nach einer Herausforderung, beim Sport kam ihnen die Idee für ein zuckerarmes Erfrischungsgetränk. Die damals 18-Jährigen schnappten sich ein Eistee-Rezept ihrer Mutter und investierten in eine Abfüllmaschine. Wenig später standen sie mit versiegelten Plastikbechern an der WM-Fanmeile in Berlin.

Die Anders-Brüder sind nicht die einzigen, die dem großen Traum vom eigenen hippen Getränk nachjagen. Wer sich in Bars und Kneipen umschaut, trifft immer wieder auf neue Bio-Limos, Eistees und Schorlen aller denkbaren Geschmacksrichtungen. Birne-Rosmarin, Rhabarber, Estragon-Ingwer, Honigmelone. Die Auswahl ist enorm, der Markt hart umkämpft.

In den Neunzigern nahm es Bionade - unbestritten der Pionier unter den alternativen Bio-Limonaden - als einer der ersten mit Coca-Cola, Fanta und Sprite auf und wurde bald zum Kultgetränk. Nach einer Preiserhöhung um etwa 30 Prozent zogen einige Kunden nicht mehr mit, Umsatzeinbußen waren die Folge. Von 2009 an wurde Bionade schrittweise von der Radeberger-Gruppe aufgekauft. Das einstige Underdog-Image war hinüber, viele sahen bereits das Ende des einstigen Hypegetränks. Doch seit der Übernahme durch die Hassia-Mineralquellen im Jahr 2018 ist Bionade mit neuen Sorten zurück.

Für junge Start-ups ist es nicht einfach, in der Branche Fuß zu fassen, sagt Detlef Groß, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung alkoholfreie Getränke. Groß hat oft Kontakt zu Gründern und merkt dabei vor allem eines: Viele steigen zu blauäugig in das Geschäft ein. "Nur ein geringer Bruchteil ist in der Lage, sich wirklich dauerhaft zu etablieren", sagt er. Von fünf Start-ups, die sich bei ihm melden, habe meist nur eines ein gutes Konzept. "Einige Start-Ups machen sich keine Vorstellung, wie viele komplexe Rechtsvorgaben zu beachten sind."

Der Lebensmitteljurist weiß, wie tückisch die richtige Rezeptur, Verpackung und Kennzeichnung für Einsteiger sein kann. "Das stellt tatsächlich viele Gründer auf die Probe." Steht das Produkt, wartet mit logistischen Fragen die nächste Hürde. Allein das Pfandsystem verlangt gute Planung und ausreichend Kapital. Mehrwegflaschen stehen mitunter wochenlang in Cafés, Kneipen oder heimischen Kühlschränken und es vergeht viel Zeit, bis der Hersteller sie neu befüllen kann. Ein großer Flaschenbestand ist deshalb wichtig, um Produktion und Abfüllung dauerhaft am Laufen zu halten. Das alles kostet eine Menge Geld.

Und dann der wichtige Sprung in die Gastronomie und den Handel. Auch Boris und Phillip Anders wollen nicht ewig mit ihren Eistees durch Berlin laufen. Tealer gibt es mittlerweile in einem Café und einem Kreuzberger Feinkostladen. Darauf möchten die Brüder aufbauen, sie wollen Hotels für sich gewinnen und das Getränk dort anbieten. "Es ist für Start-ups eine ganz große Herausforderung, einen ordentlichen Vertrieb aufzubauen", sagt Branchenverbands-Chef Groß.

Von seinen Besuchen bei großen Handelsketten weiß er, wie wenige der zahlreichen neue Getränke es letztendlich in die Supermärkte schaffen. "Wenn ein Produkt wie Blei im Regal steht, dann wird es ganz schnell wieder aus dem Sortiment genommen." Joris Van Velzen hat es mit seiner Bio-Brause Wostok geschafft. Seit 2009 ist er im Geschäft, die Verkaufsschlager sind skurrile Sorten wie Tannenwald und Pflaume-Kardamon. Das Getränk im Indie-Look ist längst nicht so bekannt wie Bionade, Club-Mate und Fritz-kola, doch van Velzen ist mit dem Image zufrieden. "Wir sind zu exzentrisch, nischig und schräg für den Mainstream", sagt der gebürtige Niederländer.

"Unser Platz ist in der Feinschmecker-Ecke, dort hat Wostok einen Nerv getroffen." Zwei Millionen Flaschen hat das Unternehmen 2019 abgefüllt, 2020 hätten es 3,5 Millionen sein sollen, wäre die Pandemie nicht dazwischen gekommen. Van Velzen beobachtet die Trends in der Branche genau, doch mitziehen wollte er bisher nicht. Von ihm werde es kein Kokoswasser geben, keine Rhabarberschorle, keinen probiotischen Kombucha-Tee. "Die Welt braucht auch nicht noch mehr Mate", sagt er. "Jeden, der jetzt noch damit ankommt, halte ich für naiv." Wenn van Velzen auf Fachmessen unterwegs ist, wird er schnell skeptisch. "Spätestens wenn eine ganze Halle voller bärtiger Typen Ingwer-Kurkuma Shots verkauft, bin ich überzeugt, dass das nichts wird."

Im Szeneviertel unterstützt man lieber den Underdog von nebenan als den Weltkonzern

Auch Branchengrößen wie Coca-Cola hatten zuletzt auf neue Getränke gesetzt. Mit Fuze Tea hat Coca-Cola 2018 eine Antwort auf den Eistee-Hype gegeben. Auch die beliebte Smoothie-Marke Innocent gehört mittlerweile zu Coca-Cola. Doch auch bei diesem Konzern schlägt die Corona-Krise durch: 4000 der 700 000 Beschäftigten werden gehen müssen - und man will sich wieder auf die starken Marken konzentrieren. Das passt zum Urteil von van Velzen: Es falle den Konsumenten auf, wenn Konzerne hip sein wollten. Als ernsthafte Konkurrenz empfindet er sie daher nicht: "Die Großen kriegen es nicht hin, authentisch cool zu sein, und die Kleinen sind häufig zu naiv."

Wer also heute noch mit seiner Limonade groß rauskommen will, sollte sich wohl vor allem sympathisch und nahbar geben - oder das bestenfalls sogar sein. Im Szeneviertel unterstütze man lieber den Underdog von nebenan als den Weltkonzern. Wer dann eine originelle Idee habe, nicht blauäugig an die Sache herangehe und sich Hilfe von größeren Kooperationspartnern hole, glaubt Detlef Groß, der habe auch heute noch gute Chancen.

© SZ vom 29.08.2020
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