Lilium:Senkrecht starten, horizontal fliegen

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Lilium: Das technische Konzept des Lilium Jet steht. Jetzt geht es um die Zulassung und die Produktion.

Das technische Konzept des Lilium Jet steht. Jetzt geht es um die Zulassung und die Produktion.

(Foto: Lilium)

Bei Airbus hat Klaus Roewe die erfolgreichsten Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge aller Zeiten entwickelt. Jetzt soll er mit dem Lilium Jet eine kleine Elektromaschine zur Marktreife führen. Flüge zu Taxipreisen sind vorerst kein Thema mehr.

Von Jens Flottau, Oberpfaffenhofen

Die Kommunikation zwischen Flugtestingenieur und Pilot ist routiniert. "Beschleunige sanft auf 95 Knoten", hört man den Testleiter sagen. Ein paar Augenblicke später schwebt der Lilium Jet mit der angeforderten Geschwindigkeit über den scheinbar endlosen Olivenhainen der andalusischen Ortschaft Villacarrillo. Die schwenkbaren Motoren des großen Flügels sind schon in die Horizontale geklappt, und nun folgen auch noch die zwölf kleinen Triebwerke am kleineren Vorderflügel. Der Übergang zum Reiseflug, bei dem der Auftrieb nur noch aerodynamisch an den Tragflächen und nicht mehr direkt durch den Schub erzeugt wird, ist erstmals geschafft.

Der Test, vollendet am vergangenen Freitag und nun von Lilium per veröffentlichtem Video dokumentiert, ist für das Programm ein wichtiger Erfolg. Denn der Übergang vom Senkrechtstart des elektrischen Flugzeugs in den horizontalen Flug ist technisch äußerst anspruchsvoll. Und Klaus Roewe, der neue Chef des Start-ups, verweist auf einen weiteren Aspekt: Das Fluggerät hat sich genauso verhalten wie in den Computersimulationen vorhergesehen. Die Leute in der Entwicklungsabteilung am Flughafen Oberpfaffenhofen haben also offenbar in dieser Hinsicht gut gearbeitet.

Übergang ist ein Thema, das nicht nur die aktuellen Flugtests des Lilium Jet gut beschreibt, sondern auch die derzeitige Phase des Unternehmens. Im August ist Roewe in die Lilium-Verwaltung im Gebäude 335 eingezogen und wird, sobald die Aktionäre ihn bestätigt haben, neuer Vorstandschef und damit Nachfolger des Unternehmensgründers Daniel Wiegand. Dieser hatte sich von der Spitze zurückgezogen, bleibt aber Anteilseigner und im Vorstand für künftige Projekte zuständig. Wiegand, 37 und Absolvent der Technischen Universität München, war der, der die Vision vom elektrischen Fliegen gehabt und Lilium mit Ex-Kommilitonen gegründet hatte.

Nun geht Lilium in eine neue Phase. Das technische Konzept des Lilium Jet steht grundsätzlich - sechs Sitze, elektrischer Senkrechtstarter mit einer Reichweite von 175 Kilometern. Doch jetzt geht es um die Zulassung und die Produktion, die in einem Jahr anlaufen soll, damit der erste Lilium Jet 2025 ausgeliefert werden kann. Richten soll es mit Klaus Roewe ein Branchenveteran, der mehr als 30 Jahre bei Airbus zuständig war und unter anderem als Programmchef die Entwicklung der A320neo-Familie geleitet hat, immerhin das erfolgreichste Kurz- und Mittelstreckenflugzeug aller Zeiten.

Der Jet soll in mehreren Versionen fliegen

Seit zwei Monaten arbeitet sich Roewe ein: "Es hat keine bösen Überraschungen gegeben", sagt er. "Wenn ich vor der Zusage gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich die gleiche Entscheidung getroffen." Überzeugt haben ihn vor allem zwei Dinge. Der ehemalige Airbus-Chef Tom Enders, mit dem er vor allem in der A320neo-Zeit intensiv zusammengearbeitet hat, steht nun dem Lilium-Aufsichtsrat vor. "Wenn Tom seinen Namen für etwas hergibt, dann ist das keine verrückte Sache", sagt Roewe. Und dann war da die Chance, noch einmal ein Flugzeug zu entwickeln, der Traum eines jeden Luft- und Raumfahrtingenieurs: "Das hier erinnert mich sehr an die gute alte A320neo-Zeit. Kein Tag ist wie der andere."

Das gilt insbesondere für den Lilium Jet, ein Projekt, das mit teilweise großer Skepsis verfolgt worden ist. Zu komplex die Technik, zu weitgehend die Zusagen in Sachen Reichweite, zu fragwürdig die Marktaussichten, dabei zu viel Hype um ein Nischenprodukt, das wenig bis nichts zur Dekarbonisierung der Luftfahrt beiträgt, weil es derzeitige Flugzeuge nicht ersetze, so die Kritik.

Roewe ist der Erste, der eingesteht, dass noch lange nicht alle Schwierigkeiten überwunden sind. Phoenix 2, die Maschine, die derzeit über den Olivenhainen Andalusiens ihre Kreise dreht, ist ein Prototyp, der noch lange nicht dem Serienmodell entspricht, die Zulassung der European Union Aviation Safety Agency (Easa) ist aufwendig, der Zeitplan eng. Auch wenn gegenüber der Lilium-Zentrale schon die nächste Halle für die Montage der Maschinen entsteht, ist es noch ein sehr langer Weg, bis der erste Kunde seinen Lilium Jet übernimmt.

Apropos Kunden: Seit neuestem strebt Lilium zumindest in der ersten Phase mehr reiche Privatleute oder Manager an, die kurze Geschäftsreisen unternehmen, und verspricht nicht mehr Flüge zu Taxipreisen. Die Nachfrage für das Elektroflugzeug als Business Jet sei extrem hoch, die Preise für Lilium seien attraktiv, so Roewe. Was die Marktprognosen angeht, plädiert er für "Demut", denn niemand wisse heute, welches Segment sich am besten entwickele. Auf jeden Fall aber stellt er sich den Lilium Jet als Familienkonzept vor: Es könne größere Versionen geben oder auch einen elektrischen Frachter und auch militärische Anwendungen.

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