bedeckt München 23°
vgwortpixel

Lidl: Billigtextilien:Das verkaufte Gewissen

Die Textilien bei Lidl aus Bangladesch sind spottbillig. Doch Verbraucherschützer werfen dem Discounter vor, das Personal vor Ort werde ausgebeutet. Der Discounter sieht das laut Werbung anders.

Die schöne, bunte Kinderwelt: Ein Mädchen im rosa T-Shirt, mit dem Teddy in der Hand; ihr Bruder daneben, im gleichen Aufzug, nur in Blau und mit Spiderman-Aufdruck. Beworben werden "coole Outfits für Kids", Anfang des Monats waren sie im Angebot beim Discounter Lidl. T-Shirt und kurze Hose im Paket kosten 4,99 Euro; Caprihosen oder Jeans 5,99 Euro; leichte Mädchenschuhe 4,99 Euro.

Ob Regenjacken für Kleinkinder, Strickjacken oder Sneakers für Damen - man findet wenig im Bekleidungsangebot von Lidl, das mehr kostet als zehn Euro. Und die Käufer sollen deswegen kein schlechtes Gewissen haben: Lidl, heißt es auf der eigenen Webseite, leiste einen Beitrag "zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Entwicklungs- und Schwellenländern".

Speziell sei Lidl seit 2008 an einem Projekt beteiligt "zur Sicherstellung von sozialen Mindeststandards" bei mittlerweile 73 Produzenten in China und Bangladesch. Lidl kooperiere mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ); Ziel sei eine "vertrauensvolle" Kommunikation zwischen Managern und Arbeitern in den Betrieben.

Kaum bezahlte Mehrarbeit

Vor wenigen Wochen hat die Verbraucherzentrale Hamburg den Lidl-Konzern mit dem konfrontiert, was sich wirklich abspielt bei einigen Herstellern von Billigtextilien, die an dem Pilotprojekt teilnehmen.

Die Berliner Menschenrechtsorganisation ECCHR und das Netzwerk Clean Clothes Campaign hatten mehrere Lidl-Zulieferer in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, untersuchen lassen. Die Ergebnisse dieser Studie sind erschreckend: Die Angestellten, überwiegend Frauen, klagen darüber, dass sie regelmäßig und über Monate Überstunden leisten müssen; oft werde für diese Mehrarbeit kaum bis gar nichts gezahlt.

Die Gehälter entsprächen zwar meist den örtlichen Mindestlöhnen, also um die 30 Euro im Monat, dies reiche den Mitarbeitern zufolge aber oftmals nicht aus, um eine Familie zu ernähren.

Auch würden Mitarbeiter immer wieder mit Lohnabzügen bestraft, wenn sie sich weigerten, Überstunden zu leisten. In den untersuchten Betrieben dürften sich die Arbeiter nicht gewerkschaftlich organisieren.

Schlägertrupps

Wer es versuche, werde entlassen, an den Pranger gestellt oder müsse Schlägertrupps fürchten. Diskriminierung gehöre zum Alltag: gegen Schwangere, Kranke, ganz allgemein gegen Frauen.

In allen Firmen werde von sexuellen Belästigungen berichtet; Mädchen würden zum Teil gezwungen, sexuelle Beziehungen mit den Vorgesetzten einzugehen.

Nun tritt die Verbraucherzentrale Hamburg gegen Lidl an. Sie wirft dem Discounter vor, die Verbraucher zu täuschen. Die Werbung des Unternehmens sei irreführend und damit unlauter. Denn Lidl suggeriere, bestimmte Sozialstandards bei der Produktion sogenannter "Non-Food-Waren" einzuhalten. In Wahrheit aber würden diese Maßstäbe, wie die Untersuchung in Bangladesch belege, keineswegs beachtet.

Lidl entgegnet auf Anfrage der SZ, das Unternehmen sei sich "der Verantwortung bei der Herstellung seiner Waren bewusst" und lehne "Kinderarbeit oder Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen in den Produktionsstätten ab".