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Libor-Manipulation:Anklage gegen den Rain Man

Bei der Bank UBS war es irgendwann normal, den Referenzzins Libor zu manipulieren. Jetzt haben britische Behörden einen der Meistertrickser angeklagt. Er gilt als sozial inkompetent - aber als brillant, wenn er für seine Chefs Millionen verdienen soll.

Sie nannten ihn Rain Man. Tom Hayes ist hochintelligent, verfügt über exzellente mathematische Fähigkeiten, aber spricht nur mit leiser Stimme und wirkt seltsam unsicher im Kontakt mit anderen Menschen. Deshalb gaben ihm seine Kollegen den Spitznamen der sozial gestörten, aber genialen Filmfigur Dustin Hoffmanns. Hayes war Trader bei der UBS, einer der Banken, die mit Libor-Tricks unlauter Millionen verdient hatte. Nun ist er die erste Einzelperson, gegen die britische Behörden Anklage erhoben haben - wegen Betrugs in acht Fällen.

Er soll eine der zentralen Figuren in der Manipulation des Referenzzinses Libor sein, an dem sich Finanzprodukte im Wert hunderter Billionen Euro orientieren. Am Donnerstag muss er vor dem Richter erscheinen.

Die Libor-Manipulation funktionierte, weil die Banken selbst ohne Kontrolle von außen den Zinssatz festlegen konnten: Sie sollten den Zinssatz, zu dem sie sich selbst Geld liehen, jeden Tag zur selben Zeit in London melden. Nur konnten die Mitarbeiter, die dafür zuständig waren, die Zahlen mehr oder weniger erfinden. So konnten Banken nicht nur verschleiern, wie schlecht es um das Vertrauen stand, dass sie genossen. Je höher der Zins, den Kreditgeber verlangen, umso geringer ihr Vertrauen in den Schuldner.

Trader wie Hayes konnten sich von den zuständigen Mitarbeitern Libor-Sätze wünschen, mit denen sie die Chance erhöhten, dass ihre Wetten auf den Derivat-Märkten aufgingen. Ein Millionengeschäft für die Trader und ihre Arbeitgeber. Hayes soll in Tokio, von wo aus es regelmäßig zu Manipulationen kam, einer der berühmtesten Trader gewesen sein. Er brachte seinem Unternehmen über die mutmaßlich manipulierten Zahlen hohe Gewinne ein.

Seit 2012 gehen Finanzaufseher weltweit gegen die Manipulatoren vor. Die Banken RBS, UBS und Barclays wurden zu historisch hohen Strafen verurteilt - insgesamt etwa zwei Milliarden Euro. Die deutsche Aufsicht Bafin untersucht Manipulationen der Deutschen Bank.

Der Brite Hayes kooperiert mit den Behörden. Nachdem er im Dezember verhaftet worden war, ist er auf Kaution frei. Mit seiner Hilfe wollen die Ermittler das Netzwerk der Libor-Trickser offenlegen. Öffentlich geäußert hat er sich nicht - bis auf eine etwas kryptische SMS an einen Reporter, die impliziert, dass auch höherrangige Banker von seinem Spiel wussten: "Das hier geht sehr sehr hoch über mich hinaus." Als Citigroup ihn 2009 mit fünf Millionen Dollar von der UBS weglocken wollte, warnte ein UBS-Manager dem Wall Street Journal zufolge in einer E-Mail: "Seine starken Verbindungen mit denen in London, die den Libor festsetzen, sind unbezahlbar."

Die Auswirkungen der Tricks mussten den Händlern bekannt sein: Trader außerhalb des Libor-Kartells waren im Nachteil, zudem könnten Hausbesitzer und Anleger auf der ganzen Welt zu hohe Zinsen gezahlt haben, die sich aus dem Libor ableiteten.

Trotzdem gingen die Trader in den Handelsräumen offen mit ihren Manipulationen um. Hayes soll sogar auf seiner Facebook-Seite gepostet haben, in welcher Höhe er sich den Libor an dem entsprechenden Tag wünschte. Eine Kollegin von Hayes' nahm in einem Gespräch mit dem Wall Street Journal in Schutz: Den Libor zu manipulieren sei in der Branche völlig normal gewesen: "Es war wie Kinder den Hintern versohlen in den 70ern - es war nichts Schlimmes."