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Lexikon Geldanlage Teil 6:Schulden  an der Börse verteilen

Erst mit der Euro-Einführung kam der Markt für Firmenanleihen in Schwung.

Wenn Unternehmen eine größere Investition planen, suchen sie normalerweise schnell den Kontakt zu ihrer Hausbank. In D-Mark-Zeiten war das Gespräch mit Bankern meist das erste und in der Regel auch das letzte. Schulden in erster Linie über den Kapitalmarkt aufzunehmen, wie das etwa in Nordamerika üblich ist, kam erst so richtig mit der Euro-Einführung in Mode. Denn ab diesem Moment war der vorher eng auf nationale Handelsplätze und Währungen beschränkte Handel mit den sogenannten Corporate Bonds ein großer Markt.

Heute hat der Markt, gemessen am wichtigen I-Boxx-Index für diese Anleihenkategorie ein Volumen von fast 1,2 Billionen Euro. Derzeit kommen jährlich neue Papiere, sogenannte Neuemissionen, über rund 350 Milliarden Euro hinzu. Viele hundert große und Tausende mittlere Unternehmen haben erkannt, dass der Anleihenmarkt für sie eine große Chance ist, ,,mehr Flexibilität und eine größere Streuung bei der Finanzierung zu erreichen", erklärt Jan Holthusen, Leiter des Anleihenresearch bei der DZ Bank, diese großen Summen. Vor etwas mehr als zehn Jahren, vor dem Ausbruch der Finanzkrise und den nachfolgenden Leitzinssenkungen, wagten Firmen gerade mal, Schuldpapiere im Wert von weniger als der Hälfte des jetzigen Volumens an den Markt zu bringen. Inzwischen gehören die Corporate Bonds unter den Zinsanlagen zu den begehrtesten Anlageformen. Die jahrelange Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank hat viele Profi-Investoren wie Fonds, Pensionskassen und Versicherer in Bedrängnis gebracht, da sie ein Mindestmaß an Rendite erwirtschaften müssen, um ihre Verpflichtungen gegenüber ihren Kunden zu erfüllen. Aber wer Rendite will, muss ins Risiko gehen, alleine mit Bundeswertpapieren vermehrt sich das Depot nicht mehr. Da liegen Unternehmenstitel im sogenannten investiven Bereich nahe, das sind alle Anleihen mit Ratings zwischen AAA und BBB. Diese bringen immerhin 0,9 bis 1,5 Prozentpunkte mehr Zinsen als ein vergleichbares Bundespapier. Die Bonitätsnoten der großen Agenturen Moody's, S & P und Fitch richten sich danach, wie leicht und zügig ein Unternehmen seine Schulden abtragen kann. Dabei kann die Kreditwürdigkeit eines Konzerns durchaus auch mal besser sein als die des Staates, aus dem die Firma kommt. So wird Italiens Gas- und Ölkonzern Eni etwa bei Fitch mit A- bewertet, der Versorger Enel hat immerhin ein BBB+, während der hoch verschuldete Staat Italien derzeit wegen der höher geplanten Neuverschuldung der Regierung um sein BBB bangen muss.