Leroy SanéDer Unbekümmerte

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John Thys/AFP

Wahrscheinlich hat Jogi Löw selbst nicht verstanden, warum er Leroy Sané nicht zur WM mitnahm. Egal: Nun trägt der Stürmer von Manchester City die Hoffnungen auf eine bessere deutsche Fußball-Zukunft.

Von Philipp Selldorf

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Viele Kenner waren mehr als nur erstaunt, als der Bundestrainer Anfang Juni den deutschen Kader für die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland bekannt machte. Womöglich hat sich Joachim Löw über sich selbst gewundert, als er die Liste zusammenstellte - nicht wegen der 23 Spieler, die er für das Turnier auserlesen hatte, sondern wegen dieses einen Spielers, für den er plötzlich keinen Platz mehr fand. Dass der anerkannt hochbegabte und vielseitig wertvolle Angreifer Leroy Sané, 22, nicht mitfahren durfte, das schien also sogar der Cheftrainer, der dies beschlossen hatte, für unerklärlich zu halten: Schließlich hatte Sané im zweiten Jahr beim englischen Meister Manchester City einiges beigesteuert zum Saisonertrag, als Stammspieler und Flügelstürmer 49 Partien bestritten, dabei 15 Tore geschossen und 19 Torvorlagen gegeben. Die Liga kürte ihn zum Aufsteiger des Jahres. Und dennoch hatte der Bundestrainer seine Entscheidung bei wachem Verstand und aus freiem Willen getroffen, niemand hatte ihn bedroht oder unter Drogen gesetzt. Sané sei "irgendwie noch nicht angekommen" in der Nationalmannschaft, versuchte Löw zu erklären.

Niemand weiß, ob die DFB-Elf mit Sané in Russland erfolgreicher gewesen wäre. Sicher ist lediglich, dass sie, wenn er mitgespielt hätte, kaum weniger erfolgreich hätte abschneiden können. Sie schied in der Vorrunde aus. Und zumindest Löw kennt jetzt noch eine zweite gesicherte Erkenntnis: dass es niemandem nutzt, Hypothesen aufzustellen oder im Nachhinein zu beklagen, was zuvor womöglich versäumt wurde. Das Thema der Nichtnominierung sei "Schnee von gestern", befand der Bundestrainer im November in Gelsenkirchen, nachdem Sané beim Länderspiel gegen die Niederlande eine glänzende Leistung geboten hatte. Vermutlich wird Löw trotzdem noch häufig auf die Sache angesprochen werden.

Gemäß den Berechnungen des Datendienstleisters "transfermarkt.de" ist Leroy Sané zurzeit der teuerste (und damit beste) deutsche Fußballspieler. Gemäß der inoffiziellen, aber auch nicht unseriösen Einschätzung des Portals beträgt der Marktwert des Angreifers 100 Millionen Euro, er ist somit teurer als Toni Kroos (80 Millionen) oder Timo Werner (65 Millionen). Bei seinem Klub schätzt man sich glücklich, bis 2021 mit Sané vertraglich verbunden zu sein, und wirbt bereits jetzt öffentlich darum, das Arbeitsverhältnis zu verlängern. Manchester City ist einer der finanziell am besten ausgestatteten Vereine der Welt und beschäftigt einen der besten Trainer, die es gibt; doch selbst die vielen Millionen Pfund Gehalt und die schönsten Komplimente des charmanten Pep Guardiola bieten keine Garantie, dass dem Gepriesenen die Offerten von Real Madrid oder Paris St. Germain nicht noch besser gefallen könnten.

Die schnellen Beine hat er vom Vater geerbt, die Athletik von der Mutter

Sané selbst sagt zu solchen Dingen nichts, und es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass er sich darüber auch nicht allzu viele Gedanken macht. Seine Weltsicht ist, obschon er mittlerweile Vater wurde, noch ziemlich unbekümmert. Er befindet sich mitten in dem Leben, von dem er immer geträumt hat - dem eines Fußballers. Für ihn war "von vornherein klar", dass er diesen und keinen anderen Beruf anstreben würde: "Ich habe schon als ganz kleines Kind mit meinen Freunden immer Fußball gespielt, und mein Vater war ja früher auch Fußballprofi. Mit dem habe ich zu Hause im Garten und auf dem Bolzplatz gekickt", erzählte er vor ein paar Jahren, als er bei Schalke 04 gerade das Dasein als Profi kennenlernte.

Fünfjährig war er von seinem Vater Souleymane bei dessen Ex-Verein Wattenscheid 09 eingeschult worden, im Alter von acht Jahren wechselte er dann in den Schalker Nachwuchs. Er habe sich, so berichtete Sané Junior, "auf jedes Training und jedes Wochenende gefreut, an dem wir ein Spiel hatten. Das konnte ich gar nicht abwarten. Ich war auch nie auf Partys mit 16 oder 17, das habe ich überhaupt nicht vermisst. Hobbys hatte ich auch nicht, nur den Ball."

Mit seinem Lieblingsspielzeug hat sich Leroy Sané während der Gelsenkirchener Lehrjahre bestens vertraut gemacht. Außer den extrem schnellen Beinen (vom Vater geerbt) und einer außerordentlichen Athletik (von der Mutter geerbt, der Olympiaturnerin Regina Weber) besitzt er auch ein hochgradig entwickeltes Ballgefühl. Letzteres verleitet ihn manchmal zum Übermut. Es könnte sein, dass ihn Löw im Mai im Südtiroler Trainingslager just in einer Phase antraf, in welcher der Übermut überhandgenommen hatte. Auch Pep Guardiola in Manchester hat seinem Schüler immer wieder demonstrative Lektionen erteilt, um Sané anzutreiben. Der Erfolg gab seinen Methoden recht.

Jogi Löw hatte frühzeitig erkannt, welche außergewöhnlichen Talente Sané besitzt. Schon im Herbst 2015 legte er fest, dass er den Schalker Angreifer - damals noch ein besserer Geheimtipp - mit zur Europameisterschaft im nächsten Sommer nehmen werde. Das hat er dann zwar auch gemacht, zum Einsatz brachte er Sané allerdings kaum. Das Verschmähen hat sozusagen Tradition. Dafür ist der Bundestrainer kritisiert worden, doch das ist, wie er sagen würde, Schnee von gestern. Heutzutage ist Sané Stammspieler in Löws Nationalelf, und während der Trainer sagt, der Spieler habe "aus der Nichtnominierung gelernt", sagt der Spieler über den Trainer: "Der Jogi macht das sehr gut. Er hat einen klaren Plan." Womöglich geht diese wechselhafte Beziehungsgeschichte jetzt geradewegs auf ihr Happy-end zu.

© SZ vom 31.12.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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