Süddeutsche Zeitung

Gleichstellung:Die Wut als Motor

Die kollektive Erfahrung der Pandemie führt Frauen ihre gesellschaftlich gemachten Probleme vor Augen - und treibt sie an, sich für eine neue Solidarität einzusetzen.

Kommentar von Jagoda Marinić

Mit Beginn der Pandemie begannen auch die Warnungen: Es droht ein Rollback in Sachen Gleichstellung. Schnell sprachen die Vereinten Nationen gar von einer Schattenpandemie für Frauen. Das Befürchtete ist inzwischen eingetreten. In ärmeren Ländern etwa kehren Mädchen, die wegen Covid-19 zu Hause blieben, nicht mehr in die Schulen zurück, und auch in Deutschland vollzieht sich ein Rückfall in alte Rollenbilder. Selbst in Akademikerhaushalten lieferten die Männer seit den Lockdowns mehr wissenschaftliche Thesenpapiere ab, während die Frauen aus dem Publikationszirkus verschwanden.

Auch für den Status Quo einzutreten, bedeutet einen Rollback. Stillstand bedeutet für Frauen einen Rückschritt, weil die alte Ordnung sich weiter etabliert, weil die mächtigen Männer ihre Vorsprünge ausbauen, ihren Reichtum und Einfluss mehren, während Frauen damit beschäftigt sind, für den Erhalt des Status Quo zu kämpfen. Vielleicht hätte man von Beginn nicht nur vor einem Rollback warnen, sondern auch fragen sollen: Was sollten Frauen in dieser Krise fordern, um danach besser dazustehen? Mit wem sollten sie es fordern? Wie bringt man Frauen lautstark zusammen?

Natürlich erleben verschieden soziale Milieus die Pandemie anders, doch Corona ist eine kollektive Erfahrung für Frauen aller Schichten. Diese kollektive Erfahrung ermöglicht es ihnen, aus der Privatisierung ihrer gesellschaftlich gemachten Probleme herauszutreten und sich für eine neue Solidarität untereinander einzusetzen.

Im Leben fast jeder Frau kommt eines Tages der Moment, in dem sie sich fragt: "Warum lässt du das mit dir machen?" Plötzlich wird aufgerechnet und abgerechnet. Wenn diese Krise etwas Gutes gebracht hat, dann die Gleichzeitigkeit dieser Frage für sehr viele Frauen. Die jüngeren Feministinnen heute verstehen aufgrund der Vorarbeit der älteren die männliche Hegemonie schneller. Ihr Feminismus beschäftigt sich nicht mehr mit Frauenfragen allein, sie verkörpern die Wut, sie konfrontieren etwa die Verantwortlichen in der Wirtschaft mit Fragen der Nachhaltigkeit. Ihr Feminismus ist geboren aus der Krise, in die sie hineingeboren wurden, die durch die Ausbeutung des Planeten entstanden ist. Die jüngeren Feministinnen sind dabei die Anti-Tech-Gigantinnen: Sie kumulieren weder Macht noch Geld für ihre Konzerne, sie verbreiten Engagement und nutzen ihren Einfluss für das Allgemeinwohl.

Die Zeit ist reif ist für Sisterhood

Die Gleichzeitigkeit der großen Krisen der vergangenen 18 Monate ist jedoch auch eine Chance: Jüngere und ältere Feministinnen verlieren die Geduld. Sie wollen keine Männer mehr davon überzeugen, wie wichtig Feminismus auch für sie und alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ist. Kluge Männer sehen das schon selbst. Die Zeit ist reif ist für Sisterhood. Es ist Zeit für die Solidarität, die Frauen jahrzehntelang gefürchtet haben, weil sie Männern in Entscheidungspositionen nicht missfallen wollten.

Die Corona-Krise hat für die meisten Frauen offengelegt, wie bedingungslos diese Gesellschaft im Notfall auf weibliche Empathie und Verantwortung zugreift. Auf die Bereitschaft, für geliebte Menschen und jene, die uns nahe stehen, zu sorgen. Dabei presst sie Frauen notfalls eben zurück in ihre Rollen von vorgestern. Auch viele Männer sehen die weibliche Selbstaufgabe nach wie vor als Teil ihrer eigenen Karriereplanung. Aus diesem Übergriff erwächst endlich eine Wut in vielen Frauen und mit ihr der revolutionäre Gedanke: Frauen tun das Richtige, wenn sie sich selbst nahe stehen, wenn sie einander nahestehen. Die viel beschworene Empathie darf auch uns selbst gelten.

In welcher Gesellschaft wollen wir leben? In welche Zukunft wollen wir hineinaltern? Die Antworten darauf werden Frauen jetzt selbst geben, weil sie zu lange andere für sie gegeben haben. Der Rollback wird Frauen nicht nur in alte Rollen zurückpressen, er wird auch eine Wut freisetzen, die zum Motor für neue Veränderungen wird, weil Frauen endlich lernen, sich zu verschwistern. Sie denken dabei an soziale Ungerechtigkeiten, an ethnische und sexuelle Diskriminierungen, sie fordern gemeinsam eine Welt, in der Platz ist für ihre Bedürfnisse, für ihr "So-bin-ich". Nicht erst morgen, wenn die Krisen vorbei sind. Die Zeit der Frauen ist jetzt.

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