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Frauen in der Wirtschaft:Auch wenn es nervt

Frauen verdienen weiter gut ein Fünftel weniger als Männer

Mehr als die Hälfte der großen börsennotierten Unternehmen in Deutschland keine Frau im Vorstand.

(Foto: picture alliance/dpa)

Frauen fehlen als Führungskräfte und Gründerinnen. Es gibt einiges zu tun, damit sich das ändert. Auf Einsicht zu hoffen, bringt nichts.

Kommentar von Kathrin Werner

Wer denkt, dass der Markt alles schon irgendwie regelt und die Wirtschaft einer gewissen inneren Logik folgt, sollte sich die Sache mit den Frauen anschauen. Beziehungsweise den fehlenden Frauen.

In etlichen Studien ist nachgewiesen, dass Frauen im Top-Management zu besseren Gewinnen führen, dennoch haben mehr als die Hälfte der großen börsennotierten Unternehmen in Deutschland keine Frau im Vorstand. Genauso ist aus wissenschaftlicher Sicht eindeutig, dass Frauen gute Start-ups gründen. Gründerinnen erwirtschaften laut einer Studie von Boston Consulting pro investiertem Dollar 78 Cent, Gründer schaffen dagegen gerade einmal 31 Cent. Und dennoch liegt der Anteil von Frauen unter allen deutschen Gründern nur bei 15,7 Prozent. Und die Frauen, die gründen, bekommen deutlich weniger Kapital.

Wirtschaftliche Logik und deutsche Realität klaffen auseinander. Das ist nicht nur unfair, sondern ein Problem für die Zukunftsfähigkeit dieses Landes. All die Ideen, die verloren gehen, weil Frauen das Gefühl haben, für sie gebe es keinen Platz in der Gründerszene. All die potentiellen Weltmarktführer, die nie genug Wagniskapital bekommen haben. All die Gewinne, die den Investoren entgehen, weil sie die Start-ups in ihren Portfolios mit den immer gleichen Christians und Thomassen besetzen. Deutschland kann sich diesen unprofessionellen und leichtsinnigen Umgang mit Innovationen nicht leisten. Die Wirtschaft verändert sich rasant - weg von der männergetriebenen Schraubenwindenoptimierungskultur, in der die Deutschen so gut waren, hin zu einer digitaleren, sozialeren, schnelleren Unternehmenswelt. Im internationalen Wettbewerb hat dieses Land nur eine Chance, wenn alle mitmachen.

Im EU-Vergleich liegt Deutschland im unteren Drittel beim Top-Managerinnen-Anteil. In den USA werden 41 der 500 größten Börsenunternehmen von Frauen geführt. In Deutschland ist es eines von 30 und das auch erst seit Kurzem. Es ist ein Jammer.

Nun ist es nicht so, dass alle Investoren, Chefs, BWL-Professoren, Mentoren und die anderen Männer, die zu den Entscheidern der deutschen Wirtschaft gehören, schlimme Sexisten sind. Wenn man sie fragt, sagen sie, dass sie natürlich gern mehr Frauen in der Führung hätten oder sich ganz sicher für ihre Töchter/Frauen/Schwestern gerechte Chancen in der Wirtschaftswelt wünschen. Sie stellen die weiblichen Nachwuchsführungskräfte oder Unternehmerinnen nicht bewusst kalt oder beißen sie bewusst weg. Das Problem ist in den meisten Fällen etwas, das man Unconscious Bias nennt, unbewusste Voreingenommenheit.

"Kaum etwas ist so schwierig, wie gegen unbewusste Voreingenommenheit anzugehen", hat die amerikanische Verfassungsrichterin Ruth Bader Ginsburg gesagt, die im Alter von 87 Jahren im vergangenen Herbst viel zu früh verstorben ist. Es ist meist diese unbewusste Unvoreingenommenheit, wenn Chefs einen Nachfolger aufbauen, der so aussieht wie sie, eine ähnliche Herkunft hat und an den gleichen Stellen lacht. Es ist meist unbewusste Unvoreingenommenheit, wenn Risikokapitalgeber lieber Christian Geld geben, der die blauen Hemdsärmel dynamisch hochgekrempelt hat, als Christiane, die schwanger werden könnte, als zu emotional gilt oder vielleicht einfach nicht laut genug "Ich" schreit. Unbewusste Voreingenommenheit führt zu schlechten, wirtschaftlich unlogischen Entscheidungen.

Man kann versuchen, mit Regulierung dagegen anzukommen, mit einer Frauenquote etwa. Aber auch da sind die deutschen Beharrungskräfte stark. Gerade hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das große, paritätisch mitbestimmte Börsenunternehmen verpflichtet, mindestens eine Frau im Vorstand zu haben. Ewig wurde diskutiert und weiter verwässert, bis die neue Regel kaum noch Unternehmen betrifft. Und viele Dinge lassen sich schlicht nicht per Gesetz regeln. Es wäre ein doch sehr starker Eingriff in die unternehmerische Freiheit, Wagniskapitalgebern vorzuschreiben, ihr Geld nur an gemischt geführte Gründerteams zu vergeben.

Auf Einsicht zu hoffen bringt allerdings auch nichts. Dazu war der Fortschritt in den vergangenen Jahren zu langsam. Die einzige Hoffnung liegt in guten Netzwerken, in strategischen Partnerschaften. Ein Beispiel hat sich gerade erst gegründet: das Investorinnen-Netzwerk Encourage Ventures um die Multi-Aufsichtsrätinnen Ina Schlie und Simone Menne. Frauen müssen einander unterstützen und die wohlgesonnenen Männer hinzuholen. Und sie müssen gemeinsam, laut und immer wieder über die Ungerechtigkeiten und deren wirtschaftliche Absurdität sprechen - auch wenn es nervt.

© SZ
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