Täglich werden nach Schätzungen weltweit rund 5,3 Milliarden Fotos geknipst, das sind 61 400 in der Sekunde, gut 95 Prozent davon mit dem Smartphone. Die Kamera ist längst das wichtigste Feature moderner Handys. Und mal ehrlich: Telefoniert eigentlich noch jemand? Wenn das Smartphone ohnehin die Kamera für alles geworden ist, liegt der nächste Schritt nahe: Warum sollte ein Kamerahersteller nicht selbst ein Handy bauen?
Genau das macht jetzt Leica Camera. Die im hessischen Wetzlar ansässige Firma, deren Ursprünge bis ins Jahr 1869 zurückreichen und die 1925 mit der ersten Kleinbildkamera Fotogeschichte schrieb, bringt nun, 101 Jahre später, ihr erstes international erhältliches Smartphone auf den Markt: das Leitzphone. Es soll ein Gerät sein, das nicht so tut, als wäre Fotografieren nur eine Nebenfunktion, sondern es ins Zentrum stellt.
Äußerlich orientiert sich das Gerät, das die Firma zusammen mit dem chinesischen Tech-Hersteller Xiaomi entwickelt hat und in China produziert, an einer Kleinbildkamera. Und zwar an einer, mit der man zur Not auch telefonieren kann. Die Rückseite ist aus schwarzer Glasfaser mit Metallrahmen und kleinem rotem Logo, im Mittelpunkt steht aber ein silberfarbener mechanischer Kameraring. Mit ihm lassen sich Zoom, Belichtungswert, ISO und Verschlusszeit stufenlos steuern – ganz wie zu klassischen Kamera- und Fotografiezeiten.
Im SZ-Interview sagte Leica-Camera-Vorstandschef Matthias Harsch: „Die ursprüngliche Angst, das Smartphone könnte die klassische Kamera verdrängen, ist schon lange gewichen. Im Gegenteil: Wir sehen das Smartphone als Einstiegskamera. Die Qualität der Mobiltelefone können wir mit unserem Kamera-Know-how heben – und zwar signifikant.“
Das Handy kostet 1999 Euro
Im Inneren des Leitzphones arbeitet ein Triple-Kamerasystem mit einem großen 1-Zoll-Sensor sowie einer speziellen Technologie für einen erweiterten Dynamikumfang und einer 200-Megapixel-Periskopkamera für Teleaufnahmen.
Doch das Interessante am Leitzphone ist vielleicht weniger die Technik als die Haltung dahinter. Dieses Smartphone soll seine Nutzer nicht dazu bringen, noch mehr Fotos zu machen, sondern weniger – und damit auch bessere, zumindest nach Maßstäben von Leica. Ein sogenannter Essential Mode erlaubt es, die Bilder klassischer Leica-Kameras digital nachzuempfinden: den farblich leicht melancholischen „M9-Look“ oder einen monochromen Schwarz-Weiß-Look. Und wer ein ganz großer Fan ist, kann sogar einen Rahmen mit Firmenlogo um seine Bilder machen.
Zur Achtsamkeit soll auch die vorinstallierte Software erziehen. Auf der Benutzeroberfläche des Handys zeigen Mini-Programme kuratierte Bilder aus der Leica-Fotocommunity oder berechnen anhand von Standort und Wetter die „goldene Stunde“, also jene beiden Momente am Tag, in denen das Licht wirklich optimal zum Fotografieren sein soll. Dann, so die implizite Aufforderung, sollte man rausgehen und ein Bild machen – nicht tausend, die man sich dann doch nie wieder ansieht.
Zusätzlich versieht ein Sicherheitschip die Fotos mit kryptografisch gesicherten Metadaten gemäß C2PA-Standard, macht ihre Herkunft nachvollziehbar und will so eine Antwort auf die wachsende Skepsis gegenüber manipulierten Bildern sein.
Das Leica-Handy mit einem Terabyte Speicherplatz kostet 1999 Euro und damit mehr als die günstigste Leica-Kamera. Damit liegt das Handy preislich etwa gleichauf mit dem neuesten iPhone, das auch von Foto-Enthusiasten für seine Kamera-Features geschätzt wird. Verkauft wird es – ähnlich wie der Apple-Konkurrent – nur über ausgewählte Kanäle: in den Leica-Stores einiger Großstädte, im Onlineshop und bei wenigen Händlern wie in Deutschland und Österreich der Telekom. Im Karton liegen für die rund 2000 Euro noch eine Schutzhülle, eine Objektivkappe und eine Handschlaufe. Also fast alles wie bei einer echten Kamera.
