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Lehman-Pleite:Die Abwicklung der Bank dauert Jahre. So viel Zeit haben viele ältere Kunden nicht

Wie viele Papiere an die Banken gingen, ist unklar. Markus Feck, der für die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen Lehman-Fälle betreut hat, schätzt, dass die Hälfte der Kunden, die keine Kulanzregelung gewählt haben, sich für diese Lösung entschieden. Und mehrere Anwälte sagen: Mit jedem Jahr laufender Prozesse beharrten die Banken öfter darauf, gegen Geld Papiere zu erhalten. Die oft involvierte Targobank hält dagegen: Nur eine niedrige dreistellige Zahl Kunden habe Papiere zurückgegeben, auf eigenen Wunsch.

Eines ist klar: Viele Einigungen entstanden aus Pragmatismus. Oft wollten Senioren lieber das Geld, statt lange Verfahren abzuwarten. Oder sie wollten einen Schlussstrich wie Marianne Meinberg. Sie war mehrfach vor Gericht; wie viele in der Hamburg Runde schlief sie schlecht. Nach einer Krebserkrankung beschloss sie: Ruhe statt Reibereien, Geld statt Gerichtstermine. "Ich hatte keine Kraft mehr, zu kämpfen." 2015 einigte sie sich mit der Bank: 6 000 Euro, dafür gab sie die Zertifikate ab. Auch aus dem Gefühl heraus: Da kommt nichts mehr. Doch diese Annahme war falsch. Im Gegenteil, das Geld fließt weiter.

Deutsche Zertifikatehalter bekommen bis heute aus zwei Quellen Geld: Zum einen gab es Garantien für einige Zertifikate. An deren Besitzer fließt Geld von der amerikanischen Muttergesellschaft. Hinzu kommen Zahlungen, die der Anwalt Niels Huurdeman weiterleitet, aus Forderungen, die die niederländische Tochter an die Muttergesellschaft hat. Mittlerweile liegen die Beträge, die aus den Niederlanden geflossen sind, bei im Schnitt mehr als 30 Prozent von dem, was die Kunden einst für Papiere bezahlt haben; mit den Garantien aus den USA dürften Zertifikatehalter sogar auf rund 50 Prozent kommen.

"Man kann nicht ausschließen, dass die Banken so ein zweites Mal verdienen"

Weil aber die Banken die Zertifikate einiger Kunden zurückgekauft haben, bedeutet dies, dass sie nun diese Entschädigungen bekommen, für Zertifikate, die sie einst für viel Geld an ahnungslose Kunden verkauft haben. "Man kann nicht ausschließen, dass die Banken so ein zweites Mal verdienen", sagt Huurdeman. Das ist zwar legal, trotzdem ist es problematisch.

Erstens ist unklar, ob die Banken ahnen konnten, wie viel Geld fließen würde, als sie die Zertifikate übernahmen. "Vor allem anfangs war es kompliziert, abzuschätzen, was noch kommt", sagt Huurdeman. Andererseits hat die amerikanische Mutterfirma beispielsweise früh für Halter der niederländischen Papiere eine wahrscheinliche Insolvenzquote von 15,6 Prozent definiert. Verbraucherschützer Feck ist überzeugt: "Spätestens Ende 2013 war klar, dass ein Vergleich von unter 20 Prozent kein guter Deal war."

Zweitens wussten offenbar nur wenige Kunden, dass Forderungen sowohl in die Niederlande als auch in die USA gestellt werden konnten. Manche dürften die Höhe der Zahlungen unterschätzt haben. Verwunderlich ist das nicht. Huurdemann und seine Kollegen hatten anfangs mit zehn Jahren Verfahren gerechnet. Heute weiß er nicht, wie viel Geld noch kommt und wie lange das dauert.

Wahrscheinlich ist aber, dass es in Eimsbüttel noch mehr Nachmittage geben wird wie diesen: Marianne Meinberg hört zu, wie diejenigen, die ihre Papiere behalten haben, über Geld sprechen, das weiter kommt. Eine Dame spricht von "Trostpflaster". Dieser Trost bleibt für Meinberg aus, sie hat gut 9000 Euro verloren. Ihre Entscheidung bereut sie trotzdem nicht: "Immerhin kann ich nun besser schlafen."

© SZ vom 13.03.2017/dayk

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