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Lehman-Pleite:Warum sich ehemalige Lehman-Gläubiger doppelt betrogen fühlen

40 Prozent der Lehman-Opfer mit Prozess-Chancen

Ein Demonstrant mit Schild: So haben sich viele Lehman-Kunden 2008 nach der Bankpleite gefühlt.

(Foto: Marcus Brandt/dpa)
  • Aus Angst, sonst gar nichts mehr zu bekommen, ließen sich viele Bankkunden mit Lehman-Papieren auf diesen Deal ein: Die Bank zahlt 15 Prozent des ursprünglichen Wertes und bekommt im Gegenzug die Zertifikate.
  • Viele dieser Bankkunden waren schon älter als 65, deshalb wollten sie lieber das Geld, statt lange Gerichtsverfahren abzuwarten.
  • Viele gingen davon aus, dass von Seiten der Lehman-Bank kein Geld mehr fließen werde. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Von Lea Hampel, Hamburg

Im Herbst 2008 hat sich in Deutschland eine Protestbewegung formiert: Rentner demonstrierten vor Banken, mit Schildern, auf denen "Verraten und Verkauft" oder Ähnliches stand. Sie alle hatten Lehman Brothers Zertifikate gekauft. Bundesweit waren sie bald als "AD"-Kunden bekannt, eine Abkürzung, die bankintern kursierte und für "alt und doof" steht. Rund achteinhalb Jahre später dürften sich manche der Demonstranten von damals erneut doof vorkommen - nämlich jene, die ihre Zertifikate an die Banken zurückgegeben und dafür einen Fixbetrag erhalten haben. Denn nun stellt sich heraus: Sie haben finanziell nicht nur einmal, sondern zweimal verloren. Offenbar ist die Insolvenzmasse, aus der Lehman-Gläubiger entschädigt werden, größer als einst angenommen.

Eine der Demonstrantinnen war Marianne Meinberg, 67. Sie hatte 20 000 Euro gespart. Ein Jahr, bevor der Sparvertrag fällig wurde, rieten ihr Bankberater, das Geld ein weiteres Jahr anzulegen, in Lehman-Zertifikaten. Dass das ein Fehler war, ahnte sie im September 2008, als sie im Fernsehen sah, wie Banker ihre Habseligkeiten aus New Yorker Hochhäusern trugen. Nun sitzt sie in Hamburg-Eimsbüttel im Café Strauß und sagt: "Ich hätte mir viele Nerven sparen können." Bis heute ist ihr das unangenehm, ihren echten Namen will sie deshalb nicht in der Zeitung lesen. Sie ist nicht allein. Sie sitzt in einer Runde mit 13 älteren Damen und Herren in Kaschmirpullis und Cordhosen, die sich bei Kuchen und Suppe versammelt haben.

Die Gruppe ist eine Schicksalsgemeinschaft. Die meisten Geschichten in der Runde ähneln der von Meinberg. Manche investierten wenige Tausende, andere mehr als hunderttausend Euro. Weder ahnten die Senioren das Risiko, noch wussten sie, dass die Papiere von einer niederländischen Lehman-Tochter stammten. Halb im Witz sagt einer: "Alt und doof waren wir alle." Mit einem Unterschied: Manche bekamen mehr von ihrem Geld zurück als andere. Das liegt am Geschehen direkt nach Bekanntwerden der Insolvenz.

Es gab Hunderte Prozesse. Der große Präzedenzfall blieb aus

"Viele dachten damals, sie kriegen gar nichts mehr", sagt Niels Huurdeman. Er verwaltet für die Kanzlei Houthoff Buruma die Insolvenz der niederländischen Lehman-Tochter. Damals, sagt er, glaubten viele: pleite ist pleite. Abwegig war der Gedanke nicht. Eine Bankeninsolvenz in der Dimension war juristisches Neuland, viele Fragen offen: Wie viel Insolvenzmasse gibt es? Welche Gläubiger haben Ansprüche? Klar war nur: Die Abwicklung würde Jahre dauern - Zeit, die ältere Menschen oft nicht haben. Allein bei der damaligen Citi-Bank, heute Targobank, waren mehr als 80 Prozent der Kunden mit Lehman-Papieren älter als 65 Jahre, schätzt ein Anwalt.

Weil viele Menschen sich betrogen fühlen, gab es in den Jahren seit der Pleite Hunderte Prozesse. Manche gingen bis vor den Bundesgerichtshof, andere laufen noch. Der große Präzedenzfall blieb aus. Stattdessen gab es Kulanzregelungen und Einzellösungen: Manche Kunden erhielten bis zu 70 Prozent Entschädigung, andere weniger, viele behielten die Papiere. Vor allem anfangs aber gaben Kunden ihre Zertifikate zurück, häufig nach außergerichtlichen Einigungen und Vergleichen: In den Jahren direkt nach der Insolvenz war das ein beliebter Deal vor dem Landgericht Düsseldorf, wo viele Prozesse stattfanden. Und der sah oft so aus: Die Bank zahlt 15 Prozent des ursprünglichen Wertes und kommt im Gegenzug in den Besitz der Zertifikate.

Die Abwicklung der Bank dauert Jahre. So viel Zeit haben viele ältere Kunden nicht

Wie viele Papiere an die Banken gingen, ist unklar. Markus Feck, der für die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen Lehman-Fälle betreut hat, schätzt, dass die Hälfte der Kunden, die keine Kulanzregelung gewählt haben, sich für diese Lösung entschieden. Und mehrere Anwälte sagen: Mit jedem Jahr laufender Prozesse beharrten die Banken öfter darauf, gegen Geld Papiere zu erhalten. Die oft involvierte Targobank hält dagegen: Nur eine niedrige dreistellige Zahl Kunden habe Papiere zurückgegeben, auf eigenen Wunsch.

Eines ist klar: Viele Einigungen entstanden aus Pragmatismus. Oft wollten Senioren lieber das Geld, statt lange Verfahren abzuwarten. Oder sie wollten einen Schlussstrich wie Marianne Meinberg. Sie war mehrfach vor Gericht; wie viele in der Hamburg Runde schlief sie schlecht. Nach einer Krebserkrankung beschloss sie: Ruhe statt Reibereien, Geld statt Gerichtstermine. "Ich hatte keine Kraft mehr, zu kämpfen." 2015 einigte sie sich mit der Bank: 6 000 Euro, dafür gab sie die Zertifikate ab. Auch aus dem Gefühl heraus: Da kommt nichts mehr. Doch diese Annahme war falsch. Im Gegenteil, das Geld fließt weiter.

Deutsche Zertifikatehalter bekommen bis heute aus zwei Quellen Geld: Zum einen gab es Garantien für einige Zertifikate. An deren Besitzer fließt Geld von der amerikanischen Muttergesellschaft. Hinzu kommen Zahlungen, die der Anwalt Niels Huurdeman weiterleitet, aus Forderungen, die die niederländische Tochter an die Muttergesellschaft hat. Mittlerweile liegen die Beträge, die aus den Niederlanden geflossen sind, bei im Schnitt mehr als 30 Prozent von dem, was die Kunden einst für Papiere bezahlt haben; mit den Garantien aus den USA dürften Zertifikatehalter sogar auf rund 50 Prozent kommen.

"Man kann nicht ausschließen, dass die Banken so ein zweites Mal verdienen"

Weil aber die Banken die Zertifikate einiger Kunden zurückgekauft haben, bedeutet dies, dass sie nun diese Entschädigungen bekommen, für Zertifikate, die sie einst für viel Geld an ahnungslose Kunden verkauft haben. "Man kann nicht ausschließen, dass die Banken so ein zweites Mal verdienen", sagt Huurdeman. Das ist zwar legal, trotzdem ist es problematisch.

Erstens ist unklar, ob die Banken ahnen konnten, wie viel Geld fließen würde, als sie die Zertifikate übernahmen. "Vor allem anfangs war es kompliziert, abzuschätzen, was noch kommt", sagt Huurdeman. Andererseits hat die amerikanische Mutterfirma beispielsweise früh für Halter der niederländischen Papiere eine wahrscheinliche Insolvenzquote von 15,6 Prozent definiert. Verbraucherschützer Feck ist überzeugt: "Spätestens Ende 2013 war klar, dass ein Vergleich von unter 20 Prozent kein guter Deal war."

Zweitens wussten offenbar nur wenige Kunden, dass Forderungen sowohl in die Niederlande als auch in die USA gestellt werden konnten. Manche dürften die Höhe der Zahlungen unterschätzt haben. Verwunderlich ist das nicht. Huurdemann und seine Kollegen hatten anfangs mit zehn Jahren Verfahren gerechnet. Heute weiß er nicht, wie viel Geld noch kommt und wie lange das dauert.

Wahrscheinlich ist aber, dass es in Eimsbüttel noch mehr Nachmittage geben wird wie diesen: Marianne Meinberg hört zu, wie diejenigen, die ihre Papiere behalten haben, über Geld sprechen, das weiter kommt. Eine Dame spricht von "Trostpflaster". Dieser Trost bleibt für Meinberg aus, sie hat gut 9000 Euro verloren. Ihre Entscheidung bereut sie trotzdem nicht: "Immerhin kann ich nun besser schlafen."

© SZ vom 13.03.2017/dayk

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