Lebensversicherungen Weicher Rückzug

Auf den Bermudas hat die Holding der Athora-Gruppe ihren Firmensitz. Athora will Rückversicherer werden.

(Foto: Horst Ossinger/dpa)

Lebensversicherer können künftig Altbestände loswerden, ohne ihren Ruf zu beschädigen. Die Frage ist aber, ob die Politik und Verbraucherschützer die Methode gutheißen.

Von Herbert Fromme, Frankfurt

Der Lebensversicherer Athora in Wiesbaden, früher als Delta Lloyd und zwischenzeitlich als Athene Leben unterwegs, hat große Pläne. Eigentlich hat sich Athora, die von Finanzinvestoren aus Nordamerika über eine Holding auf Bermuda kontrolliert wird, auf die Übernahme und Abwicklung von stillgelegten Beständen in der Lebensversicherung spezialisiert. In Europa wickelt die Gruppe neben den 275 000 Verträgen der alten Delta Lloyd und der Hamburger Leben auch große Bestände in Irland und Belgien ab.

Aber jetzt erweitert die Athora Leben ihr Geschäftsfeld und wird auch als Rückversicherer aktiv. Das Ziel in beiden Fällen: Mit ihren Milliarden übernehmen die Investoren die Risiken von anderen Versicherern, um damit Geld zu verdienen. Mit der Rückversicherungslösung wollen die Wiesbadener eine Alternative zum Bestandsverkauf bieten.

"Viele Versicherer haben Schwierigkeiten mit ihren aktuellen Beständen", sagt Deutschlandchef Christian Thimann, der seit Juni an der Spitze des Unternehmens steht. Vor allem für die alten und großen Bestände mit Zinsgarantien verlangt die Finanzaufsicht von den Gesellschaften viel Kapital. Aber gleichzeitig betreiben viele dieses Geschäft nicht mehr aktiv, sondern verkaufen heute nur noch fondsgebundene und ähnliche Policen.

Deshalb liegt es nahe, einen Käufer für die Bestände zu suchen. Der sogenannte externe Run-off wird immer populärer: Gerade hat die Generali ihren Münchner Lebensversicherer Generali Leben an den Abwicklungsspezialisten Viridium verkauft, vier Millionen Kunden sind betroffen. Die Aufsichtsbehörde Bafin muss noch zustimmen. Hinter Viridium stehen der Londoner Investor Cinven und die Hannover Rück. Zuvor hatte die Arag ihren Lebensversicherer an die Frankfurter Leben abgegeben, die von dem chinesischen Investor Fosun kontrolliert wird. Der Versicherer Axa hat in den vergangenen Monaten 522 000 Verträge mit deutschen Kunden an Abwicklungsspezialisten verkauft.

Doch bei vielen Verbraucherschützern und Politikern sind diese Bestandsverkäufe extrem unbeliebt. Sie fürchten, dass die Interessen der Kunden unter die Räder kommen, wenn internationale Finanzinvestoren die Bestände verwalten. "Das Problem ist die große Intransparenz", sagt Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten. "Wir befürchten, dass das neue Unternehmen alle Möglichkeiten und Tricks ausschöpfen wird, um die Kundinnen und Kunden möglichst schlecht mit Überschüssen zu bedienen." Auch der CDU-Politiker Ralph Brinkhaus ist misstrauisch. Die Verkäufe schadeten der Branche insgesamt, weil Vertrauen zerstört werde.

Den Versicherungskonzernen drohen Reputationsschäden. Hier setzt Athora-Chef Thimann an. Bei der Rückversicherungslösung gibt ein Versicherer die Bestände nicht in den externen Run-off, sie bleiben bei ihm. "Wir übernehmen nur die Risiken und die Kapitalanlagen als Rückversicherer", sagt er. "Damit reicht der Lebensversicherer das Risiko, dass er mit den Kapitalanlagen nicht die Garantiezinsen erwirtschaftet, an uns weiter." Dasselbe gelte für die Risiken, die aus der längeren Lebensdauer vieler Kunden entstehen. "Wir können das Kapital effizienter anlegen und eine höhere Rendite erwirtschaften." Im Gegenzug für die Übernahme der Risiken muss der Lebensversicherer eine Prämie an Athora zahlen. "Weil die Kapitalentlastung so groß ist, rechnet sich das", sagt Thimann. Allerdings dürfte die Finanzaufsicht kaum damit einverstanden sein, dass ein Lebensversicherer 100 Prozent seines Risikos an den Rückversicherer weitergibt. Zehn oder 20 Prozent dürften beim Versicherer bleiben.

"Im Markt ist das Interesse an der Lösung groß", berichtet er. In anderen Ländern sind solche Angebote üblich, vor allem in den USA und Großbritannien. In Deutschland gab es sie bislang kaum. Mit dem Eintritt der Athora in den Rückversicherungsmarkt könnte sich das ändern.

Noch ist nicht klar, ob Politik und Verbraucherschützer die weiche Rückversicherungslösung besser finden als den harten Run-off. Viel hängt davon ab, wie die künftigen Überschüsse verteilt werden zwischen den Versicherern, den Investoren in Gestalt von Rückversicherern und den Kunden.