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Lebensversicherer:Nicht zu viel versprechen

Den Lebensversicherern fällt es immer schwerer, hohe Renditen am Kapitalmarkt zu erwirtschaften und die Versprechen gegenüber ihren Kunden zu erfüllen. Viele wollen Garantien absenken oder Bestände verkaufen. Die Allianz hat den ersten Schritt vollzogen, von einem Verkauf will der Versicherer aber nichts wissen.

Von Friederike Krieger und Nina Nöthling, München

Eine nicht enden wollende Niedrigzinsphase plus Belastungen durch die Corona-Krise - manch ein Lebensversicherer denkt in dieser Situation darüber nach, Altverträge mit hohen Garantiezins-Lasten an einen externen Abwickler zu verkaufen. Beim Marktführer Allianz werde das niemals geschehen, betonte Vorstand Andreas Wimmer auf dem bayerischen Finanzgipfel der Süddeutschen Zeitung in München. "Unter normal denkbaren Bedingungen werden wir das nicht machen", sagte er. "Wir halten fest an unserem Geschäftsmodell."

In Deutschland sei die Allianz gut aufgestellt, verfüge über genug Reserven und ein starkes Versicherungskollektiv. Auch Kapitalanlage und Regulatorik seien vernünftig gestaltbar. "Wir wollen auch in Zukunft Teil des Drei-Säulen-Systems sein", sagte Wimmer. Damit meint er den Dreiklang aus gesetzlicher Rente, privater und betrieblicher Altersvorsorge. Das gehe nur, wenn die Allianz an ihren Altbeständen festhalte.

In anderen Ländern ist der Versicherer weniger zimperlich. So hat er einen Bestand mit 95 000 klassischen Lebensversicherungen in Belgien an den Abwickler Monument Re verkauft. Verbraucherschützer sehen solche Schritte kritisch, sie befürchten eine Benachteiligung der Kunden. Entsprechend groß war der Aufschrei, als die italienische Generali vier Millionen Verträge der deutschen Tochter an den Abwickler Viridium weitergegeben hat.

Sorgen, dass die Allianz ähnliches planen könne, kamen auf, als der Versicherer vor gut zwei Wochen die Schließung seiner Pensionskasse für das Neugeschäft ankündige. Mit der Nachricht kam ein weiterer Tabubruch: Die Allianz will ab kommendem Jahr bei ihren Lebensversicherungsverträgen nicht mehr den Erhalt der Beiträge in voller Höhe garantieren, sondern nur noch wahlweise 90, 80 oder 60 Prozent. Das bedeutet, dass Kunden theoretisch auch Geld verlieren können. Dass es soweit kommt, kann sich Wimmer allerdings nicht vorstellen. "Das wird nicht passieren."

Die abgesenkten Garantien sollen dem Versicherer mehr Freiräume bei der Kapitalanlage ermöglichen - und dem Kunden höhere Renditechancen. Denn die althergebrachte Anlageklasse der Versicherer, die festverzinslichen Wertpapiere, werfen kaum mehr etwas ab. Das wird auch so bleiben, glaubt Wimmer. Statt nur "lower for longer" werde es "zero for longer" heißen, sagte er. Der Versicherer will verstärkt auf alternative Kapitalanlagen wie Infrastruktur-Investitionen setzen.

Das Niedrigzinsumfeld ist und bleibt für Versicherer das Kernproblem, sagte auch Felix Hufeld, Chef der Finanzaufsicht Bafin. Obwohl viele dem Vorbild der Allianz gefolgt sind und Garantien gesenkt haben, macht er sich Sorgen, dass einige Anbieter ihren Kunden immer noch mehr versprechen als sie am Finanzmarkt erwirtschaften können. Sie kalkulieren mit dem Höchstrechnungszins von 0,9 Prozent der Sparbeiträge. Er wird vom Bundesfinanzministerium festgelegt und markiert die maximale Garantie, die Gesellschaften ihren Kunden im Neugeschäft geben können.

Zurzeit sind bei der Bafin 20 Lebensversicherer und 36 Pensionskassen unter intensiverer Aufsicht, weil sie möglicherweise auf lange Sicht ihre vertraglichen Verpflichtungen nicht erfüllen können, berichtete Hufeld. "Daher appellieren wir an die Versicherer, sehr genau die Garantiehöhe abzuwägen, und zwar unabhängig davon, ob und wann der Verordnungsgeber den Höchstrechnungszins ändert", betonte er. "Der Höchstrechnungszins ist keine Verpflichtung - auch nicht im Wettbewerb."

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