AltersvorsorgeAdieu, Lebensversicherung

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Die Koalition will die private Altersvorsorge reformieren, dabei sollen auch Fonds und ETFs gefördert werden.
Die Koalition will die private Altersvorsorge reformieren, dabei sollen auch Fonds und ETFs gefördert werden. Josep Rovirosa/IMAGO/Westend61

Sie war immer sehr beliebt in Deutschland, doch jetzt laufen Neobroker und Fondsanbieter dieser Sparform den Rang ab. Die Riester-Reform dürfte die Entwicklung beschleunigen.

Von Christian Bellmann, Herbert Fromme, Gunnar Herrmann und Jonas Tauber

Jahrzehntelang war die Lebensversicherung der Liebling der deutschen Sparer, wenn es um die Altersvorsorge ging. Jetzt steckt sie in der schwersten Krise in ihrer Geschichte. Die Zahl der Verträge geht zurück, die Branche hat einen schlechten Ruf, vor allem wegen zu hoher Kosten und unflexibler Verträge. IT-Systeme und Kundenbetreuung sind oft unzureichend.

Die Versicherer wissen, dass sie ein massives Problem haben. Beispiel staatlich geförderte private Altersvorsorge: Noch vor Kurzem hätten viele Anbieter geglaubt, ihnen könne niemand das Wasser abgraben, sagte Stefanie Schlick, Vorstandschefin der SV Versicherung Sachsen, bei einer SZ-Veranstaltung. Es kam anders: „Wir spielen eigentlich keine Rolle mehr“, sagte sie. Neue Wettbewerber, beispielsweise Neobroker wie Trade Republic, nähmen das Geschäft weg. Tatsächlich sagen mehr als zwei Drittel der Trade-Republic-Kunden, ihnen gehe es vor allem um die langfristige Altersvorsorge.

Und nicht nur Neobroker machen den Versicherern Konkurrenz. Bei klassischen Sparangeboten wenden sich mehr als 60 Prozent der Verbraucher lieber an Banken und Sparkassen, nur 42 Prozent an Versicherer. Das hat die Kölner Unternehmensberatung Valytics in einer repräsentativen Umfrage ermittelt. 80 Millionen gültige Lebensversicherungsverträge liegen in den Versicherungsordnern deutscher Haushalte. Vor 20 Jahren waren es noch 94 Millionen. Zum Gesamtbestand gehören zehn Millionen Berufs- und Erwerbsunfähigkeitspolicen sowie sieben Millionen Risikolebensversicherungen. Dabei fließt nur im Invaliditäts- oder Todesfall Geld. Mit rund 63 Millionen Lebensversicherungen sparen die Kunden an, darunter zehn Millionen Riester-Verträge. Doch seit rund 20 Jahren geht das Neugeschäft der Lebensversicherer zurück.  Die Deutschen sparen zwar insgesamt deutlich mehr, aber vom Zuwachs landet kaum etwas bei den Lebensversicherern.

Die von der Koalition geplante Reform der privaten Altersvorsorge wird die Krise verschärfen. Denn sie bricht mit einem Tabu: Bislang gibt es Geld vom Staat nur für Angebote mit einer lebenslangen privaten Zusatzrente. Das sind vor allem Riester- und Rürup-Verträge. Solche Leistungen können faktisch nur Versicherer anbieten. Kommt die Reform wie geplant, fördert Berlin künftig auch Aktienfonds, ETFs und andere Sparformen, solange die Anbieter ihren Kunden Auszahlungspläne bis mindestens zum 85. Lebensjahr zusichern.

Die Versicherer kritisieren, dass viele Menschen älter werden als 85 und dann dem Staat zur Last fallen. „Wer lebenslange Ausgaben hat, braucht auch lebenslange Einkünfte“, argumentiert Norbert Rollinger, Chef des Versicherers R+V und Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Echte Altersvorsorge muss bis zum Ende reichen.“

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Viele bezahlen mit ihrer Lebensversicherung Reisen und Hobbys

Das viel beschworene Alleinstellungsmerkmal der Versicherer, die lebenslange Rente, spielt in der Realität jedoch eine viel geringere Rolle, als sie behaupten. Eigentlich mache die lebenslange Auszahlung den Unterschied zu anderen Sparformen aus, sagt Reiner Will, Chef der Kölner Ratingagentur Assekurata. Aber: „Fällige Lebensversicherungen werden schon heute kaum verrentet.“ Laut einer GfK-Studie im Auftrag der Gothaer wird die Kapitalauszahlung einer Lebensversicherung zu 35 Prozent für den Erwerb oder die Renovierung einer Immobilie beziehungsweise für die Ablösung entsprechender Finanzierungen verwendet, in 30 Prozent der Fälle für Urlaub, Konsum und Hobbys, berichtet Will. Nur zu 25 Prozent fließt das Geld in die Sicherung des Lebensunterhalts oder wird zum Weitersparen verwendet, in zehn Prozent der Fälle erfolgt eine Anlage für Kinder und Enkelkinder.

Anders ist das nur bei der kleinen Zahl der fälligen Riester-Policen. Hier müssen 70 Prozent der beim Renteneintritt angesparten Summe verrentet werden. Aber ein Blick auf die genauen Zahlen ist ernüchternd: Nach Berechnungen des Bundesfinanzministeriums belief sich die durchschnittliche lebenslange Riester-Rente im Jahr 2023 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – auf gerade mal 136 Euro im Monat.

In der jetzigen Diskussion um die Riester-Reform in den Bundestags-Ausschüssen versuchen die Versicherer, das Schlimmste zu verhindern. Aber es ist unwahrscheinlich, dass sie die zunehmende Konkurrenz der Fonds noch verhindern können. Bei den Fondsanbietern dagegen ist die Freude über den Gesetzentwurf groß. „Das ist grundsätzlich ein tolles Ergebnis, womit wir in dieser Form auch nicht gerechnet haben“, sagt Stefan Vollmer, Vertriebschef für Deutschland beim Vermögensverwalter DWS. „Wir fiebern ja schon seit Jahren einer Riester-Reform entgegen.“ Unternehmen wie DWS haben zwar vom bisherigen Geschäft mit den Riester-Verträgen schon indirekt profitiert, weil sie auch Fonds verwalten, die Lebensversicherer mit ihren fondsgebundenen Policen verkaufen. Aber mit der neuen Regelung können sie Produkte nun gefördert und steuerlich begünstigt auch direkt an die Endkunden verkaufen.

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Unternehmen, die ein gefördertes Altersvorsorgedepot anbieten möchten, müssen dem Gesetzentwurf zufolge künftig ein einfaches Standardprodukt im Sortiment haben, für das es auch gesetzliche Vorschriften geben soll. So werden etwa die Gesamtkosten auf 1,5 Prozent der Ansparsumme pro Jahr gedeckelt. Anleger können auch vom Standardprodukt abweichen und zum Beispiel mit ETFs stärker auf Aktien setzen oder mit einer weniger renditestarken Lebensversicherung für eine sichere Leibrente sparen. Insgesamt sei der Vorteil des neuen Modells eben die Flexibilität, sagt Vollmer. „Es gibt da kein one size fits all. Welches Produkt das richtige ist, hängt ja von vielen Faktoren ab, etwa wie alt der Kunde ist, wie viele Risiken er eingehen möchte und welche Vermögenswerte er schon besitzt.“

Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des deutschen Fondsverbands BVI, hält die Argumente der Versicherer gegen die Auszahlungspläne für Angstmache. Das Standardprodukt werde Auszahlungen bis zum 85. Lebensjahr anbieten, das liege über der momentanen durchschnittlichen Lebenserwartung. „Die Dauer der Auszahlung lässt sich bei Bedarf auch problemlos ausweiten, auf 88 oder 90 Jahre oder mehr, je nach Wunsch des Kunden“, sagt Richter. „Und wenn am Lebensende etwas übrigbleibt, können sie es, anders als bei einer Versicherung, vererben.“

Verbraucherschützer hätten sich einen niedrigeren Kostendeckel oder sogar ein Provisionsverbot im neuen Gesetz gewünscht. Ein solches Verbot gibt es schon in den Niederlanden, Großbritannien und mehreren nordischen Ländern. Fondsbranche und Versicherer lehnen das ab: Sie müssten neben der Verwaltung des Vermögens auch den – meist durch Provisionen finanzierten – Vertrieb bezahlen, wenn das neue Modell sich flächendeckend verbreiten soll. „Ohne Gebühren gibt es keine Verbreitung“, glaubt Richter vom BVI. In der Fondsbranche rechnen die meisten allerdings damit, dass es durchaus Angebote unter der gesetzlichen Obergrenze geben wird. „Ein einfaches Standardprodukt wird sicher niedriger als 1,5 Prozent sein bei den Kosten“, sagt Vollmer vom DWS.

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Tatsächlich wird der Erfolg der geplanten Modelle maßgeblich davon abhängen, wie sehr die Kosten den Ertrag mindern. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Malmendier sagte bei der Anhörung im Finanzausschuss des Bundestags zu dem Gesetzesvorhaben: „Einen Kostendeckel von 1,5 Prozent halte ich für peinlich im internationalen Vergleich.“ Das ist schon heute eine der größten Schwächen: Jährlich zahlen die Lebensversicherer satte acht Milliarden Euro an Vertriebskosten aus, meistens Provisionen, an Vertreter, Makler, Banken und Großvertriebe wie DVAG und MLP. Die Effektivkosten betragen bei klassischen Lebensversicherungen heute meist zwischen 0,7 Prozent und 1,8 Prozent. Das heißt, wenn ein Versicherer drei Prozent mit dem Geld des Kunden erwirtschaftet und eine Effektivkostenquote von 1,2 Prozent hat, kommen beim Kunden nur 1,8 Prozent an. Die Vertriebsstrukturen der Branche sind im internationalen Vergleich übergroß: In Deutschland arbeiten 179 000 Versicherungsvermittler, in Frankreich sind es 70 000, für Großbritannien werden 30 000 bis 40 000 geschätzt.

Stoppen könnten den Aufstieg der Fondsanbieter Verwerfungen an den Kapitalmärkten, glaubt Julia Wiens, Chefin der Versicherungsaufsicht bei der Bafin. Derzeit spielten die Vorzüge der Lebensversicherung in der Debatte um die künftige Altersvorsorge kaum eine Rolle, nämlich der Risikoausgleich im Kollektiv und die lebenslange Rentengarantie, sagte Wiens, lange Jahre selbst Chefin eines Lebensversicherers. Die Diskussion drehe sich stattdessen vor allem um die Chancen am Aktienmarkt. Viele scheinen davon auszugehen, dass sich die Rekorde ungebrochen fortsetzen werden, so Wiens auf einer Veranstaltung in Berlin. „Das ist aber alles andere als ausgemacht.“ Es sei nur eine Frage der Zeit, bis es signifikante Korrekturen geben werde. „Oder etwas deutlicher: bis es auch an den Märkten knallt.“

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