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Lebensversicherer:Der Manndecker bittet zum Rapport

Erstmals müssen die Lebensversicherer ihre wahre Lage nach neuen Regeln melden. Etwa die Hälfte der rund 90 Lebensversicherer in Deutschland dürfte wohl Probleme mit der Solvenzquote haben.

"Manndeckung" gehört zu den Lieblingswörtern von Felix Hufeld, wenn er über notleidende Banken, Bausparkassen oder Versicherer spricht. Der Präsident der Finanzaufsicht BaFin soll dafür sorgen, dass trotz historisch niedriger Zinsen kein Kunde Geld verliert, weil es einem Geldhaus oder Versicherer schlecht geht.

Vorstände und Aufsichtsräte einer Reihe von Lebensversicherern finden Hufelds Bezug zum Fußball nicht mehr lustig. Denn sie haben Post bekommen. In den Briefen teilt die BaFin mit, wie die Manndeckung konkret aussieht. Alle drei Monate müssen Versicherer ihr berichten, welche Fortschritte sie bei der Überwindung ihrer Probleme machen. Noch schlimmer: Diese Berichte müssen sie regelmäßig von ihren Wirtschaftsprüfern bestätigen lassen. Die aber achten penibel darauf, dass es sich um realistische Annahmen handelt.

Dass die BaFin so präzise Anforderungen stellt, hängt mit Solvency II zusammen, den neuen EU-Aufsichtsregeln für Versicherer. Sie sind am 1. Januar 2016 in Kraft getreten. Solvency II misst die Fähigkeit eines Versicherers, Risiken wie Katastrophenschäden oder Zusammenbrüche an den Kapitalmärkten auszuhalten. Vereinfacht gilt: Wer als Versicherer hohe Risiken eingeht, entweder bei der Risikoübernahme oder am Kapitalmarkt, benötigt mehr Kapital als ein Rivale mit weniger Risiken. Am Ende läuft alles auf eine Kennzahl hinaus: die Solvenzquote, im Branchenjargon Solvency Capital Requirement (SCR). Liegt sie bei 100 Prozent, erfüllt der Versicherer die Anforderungen. Liegt sie bei unter 100 Prozent, muss er nachbessern, sieht es ganz düster aus, nimmt ihn die BaFin in Manndeckung.

Probleme hat etwa die Hälfte der rund 90 Lebensversicherer in Deutschland

Die Versichererlobby hat eine lange Übergangsfrist von 16 Jahren durchgesetzt. In der Zeit können die Versicherer deutliche Erleichterungen in Anspruch nehmen und kommen mit dieser Stützung fast immer über 100 Prozent.

Nicht alle tun das. Allianz und Munich Re nebst Tochter Ergo sind so kapitalstark, dass sie und ihre Töchter ohne Erleichterungen auskommen. Andere Gesellschaften müssen zumindest für einzelne Tochtergesellschaften die Übergangsregeln nutzen. Dazu gehören laut Branchenkreisen auch die prominenten Anbieter Talanx, Debeka und Signal Iduna. Probleme hat etwa die Hälfte der rund 90 Lebensversicherer in Deutschland. Von ihnen seien etwa 20 in der engen Aufsichtsbegleitung, eben der Manndeckung, heißt es in der Branche. Bestätigen will das niemand.

Alle Lebensversicherer leiden unter der Kombination aus hohen Zinsgarantien, die sie in der Vergangenheit abgegeben haben, und den heutigen niedrigen Zinsen.

Die Gesellschaften mit Übergangsvorschriften haben jetzt 16 Jahre Zeit, die Lücken zu schließen. Immo Querner, Finanzchef beim Versicherer Talanx, listet die Möglichkeiten auf. Die Unternehmen könnten die Überschussbeteiligung der Kunden in der Lebensversicherung senken, die Provisionen reduzieren, die übrigen Kosten angehen oder die Produktstrategie ändern. "Aber die Magic Bullet gibt es nicht", sagt Querner auf einer Veranstaltung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Querner , Vorsitzender des GDV-Ausschusses Risikomanagement, verteidigt die Übergangsmaßnahmen, sie ermöglichten erst die Einführung des neuen Systems. Versicherer mit einer SCR-Quote unter 100 Prozent seien nicht automatisch pleite, man möge die zu erwartenden starken Schwankungen nicht überbewerten. Es ist kein Zufall, dass der GDV die Offensive zum Thema Solvency II sucht. In diesen Tagen müssen die Versicherer erstmals ihre SCR-Quoten an die Aufsicht melden - sowohl mit als auch ohne Übergangsmaßnahmen. Veröffentlichen müssen sie die Zahlen aber erst ab 2017. Einige Gesellschaften haben ihre Zahlen bereits vorgelegt, andere zögern. Die SCR-Zahl wird künftig ein machtvoller Wettbewerbsfaktor und von vielen Kunden als Maßstab der Stabilität von Gesellschaften gesehen. Da sehen nicht alle gut aus.