bedeckt München 22°

Lebensmittelverschwendung:Unser täglich Brot

"Da finden wir Biofleisch, das originalverpackt ist, ebenso wie halbvolle Packerl Mehl." Dazu kommen noch bis zu sechs Prozent der Restmüllmenge, die aus zubereiteten Speisen besteht, sowie eine unbekannte Menge an Suppen, Saucen und Fetten, die über den Kanal entsorgt werden. Weiteres landet in der Biotonne und auf dem Kompost oder wird direkt an Haustiere verfüttert. "Viele Leute planen nicht gut. Sie kaufen am Wochenende groß ein und gehen dann doch spontan ins Restaurant. Dann verfallen oft die Lebensmittel und wandern in den Müll." Gravierende Verluste entstünden auf jeder Stufe der Wertschöpfungskette von der Produktion bis zum Endverbraucher, sagt Schneider.

Jedes fünfte Brot wird weggeworfen

Brot galt einmal als heilig. Heute wird ohne viel Aufhebens etwa jedes fünfte Brot weggeworfen. "Es wird wesentlich mehr produziert, als benötigt wird", stellt Peter Lechner, Chef des Wiener Uni-Instituts fest.

Wer für diese Situation verantwortlich ist, das ist schon fast eine philosophische Frage. Der Handel jedenfalls hat die Schuldigen längst gefunden: Die Verbraucher, die immer das volle Sortiment verlangten. "Regallücken", sagt Andreas Krämer, Sprecher von Rewe, "müssen unter allen Umständen vermieden werden".

Schließlich wolle der Kunde auch am Abend noch seinen Erdbeerjoghurt. "Wenn er das, was er wünscht, nicht mehr findet, ärgert er sich und geht vielleicht zur Konkurrenz." Auch ausgeklügelte Warenwirtschaftssysteme seien keine Patentlösung. Alle Planung habe ihre Grenzen, weil der Kunde, so der Handelsprofi, letztlich unberechenbar sei.

Leere Regale als Lösung?

Helmut Martell, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Großbäckereien, findet die Überproduktion von Brot "ärgerlich", verweist aber gleichfalls auf entsprechende Kundenwünsche "Leere Regale, das hatten wir ja schon mal. In den HO-Läden." Bliebe also nur der Weg, den Walter Bernhard von "Brot für die Welt" vorschlägt. Die allgemeine Wertschätzung für Lebensmittel müsse wieder steigen, dann würde auch weniger weggeworfen. "Wir brauchen einen Bewusstseinswandel", sagt Walter.

Ansätze für einen weniger verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln gibt es: Ein beliebiger Wochentag in der Münchner City. Vor dem Geschäft der Hofpfisterei in der Blumenstraße, einer Münchner Öko-Großbäckerei, hat sich eine lange Schlange gebildet. Hier stehen Hartz-IV-Empfänger, Schnäppchenjäger oder ältere Leute, die frisches Brot nicht vertragen, für "Gutes von gestern" an.

Den klassischen Pfister-Laib gibt es hier für zwei Euro je zwei Kilo. Frisch kostet das Brot mehr als viermal so viel. "Der Laden wird immer leergeräumt bis aufs letzte Brot", sagt die Sprecherin des Unternehmens. Ein ganz kleiner Rest werde an Öko-Bauernhöfe in der Umgebung geliefert. "Natürlich gehört es auch zu einer ökologischen Firmenpolitik, nicht auf Teufel komm raus zu produzieren."

Andere Großbäcker spendieren ihr überschüssiges Brot an Tierparks oder geben es einer der rund 800 Tafeln in Deutschland. Die eröffnen derzeit den wichtigsten Weg, Lebensmittelreste sinnvoller zu verwerten als über die Lebensmittelrecycler. Mehr als 100.000 Tonnen erhalten und verteilen die Tafeln pro Jahr an bedürftige Menschen; fast alle großen Lebensmittelhändler von Lidl bis Metro arbeiten mit den Tafeln zusammen. "Unsere Partner zeigen soziales Engagement und sparen dadurch schließlich auch Entsorgungskosten für Lebensmittel, die voll verzehrfähig sind", sagt Anke Assig vom Bundesverband Deutsche Tafel.

"Containern" - gegen den Willen der Händler

Manche Menschen greifen zur Selbsthilfe und wühlen in den Abfallbehältern der Supermärkte nach Essbarem. Das auch bei Öko-Aktivisten beliebte "Containern" ist bei Händlern nicht gerne gesehen, weil weggeworfene Lebensmittel offiziell für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet sind und womöglich komplizierte Haftungsfragen berührt werden könnten.

Im Internet im "autonomen container-blog" schildern die Müll-Revoluzzer ihre Erfahrungen und zeigen Bilder eines reich gedeckten Tisches: Bananen, Paprika, Radieschen, Bio-Basilikum im Töpfchen, Kartoffeln, Mais, Toastbrot, Milch, Joghurts, Nudeln - alles fand sich im Müllcontainer.

Zu einem besonderen Mittel, Lebensmittelabfälle zu vermeiden, haben vergangenes Jahr Restaurantbesitzer in Hongkong gegriffen. Sie drohten Kunden, die sich in den beliebten All-you-can-eat-Lokalen viel zu viel auf den Teller laden, mit Strafen für übriggelassene Speisen. Hongkong hat nämlich ein Platzproblem und weiß nicht, wohin mit dem Müll.

© SZ vom 19.07.2008/jkr
Zur SZ-Startseite