Lebensmitteltechnik Süßer Turbo

Zucker hat einen schlechten Ruf, Ersatzstoffe versprechen ein gutes Geschäft - wie beim Leipziger Biotechnologie­unternehmen C-Lecta. Die Zulassung aus den USA liegt schon vor.

Von Elisabeth Dostert, Leipzig

Der Schatz der Firma C-Lecta ruht bei minus 80 Grad Celsius in einem fast raumhohen Tresor in den Laborräumen in Leipzig. Es sind Mikroorganismen, die jene Enzyme und Inhaltsstoffe produzieren, mit denen die Firma ihr Geld verdient. "Bei so tiefen Temperaturen fühlen sich auch die Mikroorganismen nicht besonders wohl, deshalb schwimmen sie in einem Puffer", erläutert Firmengründer Marc Struhalla. In dem Gefrierschrank gibt es Schubfächer für Mutterstämme, aus denen dann die Arbeiterstämme gezogen werden, die in Stahlbehältern Enzyme und Inhaltsstoffe produzieren. Der größte Kessel in den Laboren fasst 400 Liter, der kleinste nicht einmal einen Liter. Größere Mengen lässt C-Lecta bei Lohnunternehmen herstellen.

"Wir können aus großen Bibliotheken die richtigen Werkzeuge selektieren und optimieren", erläutert Struhalla. Die "Bibliothek" umfasse rund 6000 Mikroorganismen und noch sehr viel mehr Enzyme. Ihre DNA, also die Erbinformationen, sammle C-Lecta aus Proben in der Natur. Auf der Suche nach neuen Produkten werden die Bibliotheken durchmustert. Das geeignete Enzym wird dann optimiert. Die DNA eines Mikroorganismus wird mit der DNA des Enzyms genetisch so verändert, dass der Mikroorganismus künftig das Enzym produzieren kann.

Die Popstars der Biotechnologie betreiben rote oder auch medizinische Biotechnologie. Es gibt Firmen, die schon nach wenigen Jahren für viele Millionen oder gar Milliarden den Eigentümer wechselten. Sie entwickeln durch Anwendung von Gentechnik neue Medikamente, diagnostische und therapeutische Verfahren. C-Lecta betreibt weiße Biotechnologie, Abnehmer der Produkte, Enzyme und Verfahren ist die Industrie. Viele Jahre lang ist die Leipziger Firma nur langsam gewachsen. Mit einem Ersatzstoff für Zucker will die Firma nun deutliche Zuwächse erzielen.

"Wir waren wissenschafts- getrieben, wir hatten keine Produkte und keine Kunden."

Struhalla, den es schon zum Studium der Biochemie von Niedersachsen nach Leipzig verschlug, hat die Firma 2004 mitgegründet. "Es war eine klassische Ausgründung aus der Universität", sagt er. Der Name der Firma, im Original schreibt er sich mit einem kleinen c, gefolgt von einem Bindestrich und den Großbuchstaben LE, ist abgeleitet von dem Wort "Selektieren" und dem Kürzel für Leipzig. Schon an der Uni hatten Struhalla und sein Mitgründer Thomas Greiner-Stöffele, der vor einigen Jahren ausstieg, eine Methode gefunden, die Suche nach den Werkzeugen systematischer und effizienter zu gestalten. Zuerst werden Gruppen, sogenannte Cluster, getestet. Falls einer einen Treffer liefert, werden einzelne Enzyme des Clusters selektiert. Das Verfahren ließen sich die beiden Gründer patentieren und gründeten.

Ein Blick in das Labor von C-Lecta. Zwei Mitarbeiter kontrollieren Stahlbehälter für Mikroorganismen.

(Foto: Matthias Baumbach)

"Wir waren sehr wissenschaftsgetrieben. Wir hatten keine Produkte und keine Kunden. Das war ein wenig schwierig", erzählt Struhalla. Das zeigte sich schon bei der Suche nach Investoren. Wie für Biotech-Unternehmen nicht ungewöhnlich, hat sich C-Lecta erst einmal mit Dienstleistungen für die Industrie Geld verdient. Die Entwicklung von Enzymen gehörte dazu - für Waschmittel zum Beispiel oder für ein Medikament zur Behandlung von Diabetes. "Das mussten wir machen", erzählt Struhalla: "Es war nicht so richtig nachhaltig. Wir wurden für die Dienstleistung bezahlt, aber am Umsatz mit dem Produkt haben wir nichts verdient. Wir wollten eigene Produkte."

Der Wandel vom Dienstleister zum produzierenden Unternehmen sei nicht einfach gewesen. "Die Großen wollen gerne die volle Kontrolle haben", sagt Struhalla. Aber er hat es geschafft. Zu den Kunden, die das Unternehmen nennen darf, zählen BASF, Henkel, Symrise, Roche und viele andere mehr. Im vergangenen Geschäftsjahr hat C-Lecta mit 60 Mitarbeitern knapp fünf Millionen Euro umgesetzt. Künftig soll die Firma schneller wachsen. Gemeinsam mit einem Industriepartner hat C-Lecta einen Süßstoff entwickelt. Er basiert auf der Stevia-Pflanze. Sie enthält verschiedene Steviol-Glykoside, darunter Stevioside und die Rebaudioside A, D und M. Es gibt schon einige Produkte am Markt. Einige, sagt Struhalla, basieren auf Reb A, das in höheren Mengen in der Pflanze vorkomme, aber einen "bitteren metallischen Beigeschmack" habe. C-Lecta habe ein Verfahren entwickelt, in dem Reb A zu Reb M umgewandelt werde. Reb M habe den Beigeschmack nicht, komme in der Stevia aber nur in sehr geringen Mengen vor.

C-Lecta ist nicht die einzige Firma, die nach neuen Süßstoffen sucht, die Zucker in Lebensmitteln ersetzen sollen. Zucker aus Rüben oder Rohr ist in Verruf geraten. "Auf lukrativen Märkten gibt es immer Konkurrenz", sagt Struhalla: "Wir glauben, dass wir den Wettbewerb mit unserem Verfahren im Griff haben." C-Lecta produziere nicht das fertige Produkt, den Süßstoff, sondern die Enzyme und erhält eine Umsatzbeteiligung beim Süßstoff-Verkauf. In den USA sei der Zusatzstoff von der Zulassungsbehörde FDA bereits genehmigt worden. In Europa sei das Verfahren noch nicht abgeschlossen. C-Lecta gehe davon aus, dass der Stoff unter der gleichen E-Nummer für Lebensmittelzusatzstoffe läuft wie bereits zugelassene Stevia-Produkte, das wäre dann die Nummer E 960.

Reizwort Zucker

Nach einem Ersatz für Zucker in Getränken und Lebensmitteln suchen viele Firmen. Es ist ein lukrativer Markt, mehrere Milliarden schwer. Ein Beispiel: Im August 2016 schlossen sich der Biotech-Konzern Brain, dessen Tochterunternehmen Analyticon und Roquette, ein Spezialist für Lebensmittelinhaltsstoffe, zur Dolce-Allianz zusammen. "Wir haben mittlerweile in unserer Sweet-Box mehr als 60 Moleküle, die als Ersatz oder als Verstärker von Zucker in Frage kommen", sagt ein Brain-Firmensprecher. Sie stammen aus "Pflanzenmaterial", aber nicht aus Stevia rebaudiana, so lautet der botanische Name für das Süß- oder auch Honigkraut. Der Dolce-Allianz gehören mittlerweile auch zwei Getränkekonzerne an. Namen darf der Sprecher nicht nennen. Sie dürfen in der Sweetbox nach passenden Stoffen suchen. Zucker ist mittlerweile ein Reizwort. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, nicht mehr als sechs Teelöffel Zucker am Tag zu verzehren. Es gibt allerdings auch Kritik an den Alternativen. Birkenzucker, Erythrit und Zuckerersatz mit Steviasüße seien "nicht natürlich, sondern technologisch aufwändig hergestellt", ergab ein Marktcheck der Verbraucherzentrale Hessen: "Eine echte Alternative ist keiner der trendigen Süßmacher."

Struhalla will weder den Namen des Industriepartners nennen, noch die seiner Kunden. In der Fachpresse wird der börsennotierte Süßstoffhersteller Purecircle als Partner gehandelt, zu dessen Kunden wiederum Coca-Cola gehöre. Wie teuer bezogen auf die Menge das Reb-M-Produkt ist, darf Struhalla auch nicht sagen. "Der Preis für die Süße in einem Softdrink ist vergleichbar mit dem von Zucker, weil ich vom Zucker 300-mal so viel brauche, um die gleiche Süße zu erreichen."

Es gibt noch mehr Produkte. C-Lecta habe ein Enzym entwickelt, das die Bildung von Acrylamid verringern könne. Das Produkt sei an die Firma Novozymes lizenziert worden. Acrylamid entsteht, wenn kohlenhydratreiche Lebensmittel stark erhitzt werden, etwa beim Frittieren oder Grillen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat in einem wissenschaftlichen Gutachten bestätigt, dass Acrylamid das Krebsrisiko steigert. Erhöhte Werte finden sich in Kartoffelchips, Pommes, Kroketten, Spekulatius und in vielen anderen Lebensmitteln, schreibt die Verbraucherzentrale NRW auf ihrer Seite.

Eine Prognose, wie groß C-Lecta werden könnte, will Struhalla nicht geben. "2019 und 2020 werden wir voraussichtlich Verlust machen, weil wir kräftig investieren", sagt er. Seit der Gründung hat C-Lecta drei Finanzierungsrunden gemacht und etwa 16 Millionen Euro eingesammelt, allein acht Millionen im vergangenen Jahr. "Finanzierung war auf jeder Stufe schwer", sagt Struhalla. Zu den Investoren gehören Privatpersonen, der Hightech-Gründerfonds, die KfW sowie Fonds der Investmentgesellschaften Capricorn, BMT und SHS. Struhallas Anteil liegt nach seinen Angaben noch bei etwa zehn Prozent. "Wir arbeiten an der Entwicklung von mehr als zehn Produkten", erklärt Struhalla. Es gehe auch viel um Lebensmittelzutaten, zum Beispiel Präbiotika, um sie in Milchersatzprodukten einzusetzen.

Über Produkte redet Struhalla aber lieber als über Zahlen. C-Lecta habe ein Verfahren zur Produktion von Trehalose entwickelt, der Doppelzucker wird zum Beispiel eingesetzt, um Lebensmittel haltbarer oder Kosmetika wirksamer zu machen. In der Vitrine gleich am Eingang des Firmensitzes in Leipzig liegen ein paar Anwendungsbeispiele für das neue Produkt, darunter auch ein Donut. "Die Glasuren fangen irgendwann an zu glänzen, weil sie Wasser ziehen. Wenn man der Glasur Trehalose zusetzt, bleibt sie fest", sagt Struhalla: "Dann kann so ein Donut auch länger verkauft werden." Trehalose kommt in Insekten vor, sie bilden es, um sich vor Frost zu schützen. Für fast alle Produkte gebe es Vorbilder in der Natur, die C-Lecta kopiere oder umwandele. "Die Natur bietet für viele Probleme gute Lösungen", sagt Struhalla.