Lebensmittel:Warum Zucker 70 Prozent teurer ist als vor einem Jahr

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Eckig, aber bei der Preisbildung doch ein komplexes Gebilde: Würfelzucker. (Foto: Torsten Schon/imago images/Shotshop)

Die Preise in Deutschland steigen, aber ein Produkt treibt es auf die Spitze: Zucker. In Europa ist sein Preis mittlerweile viel höher als auf dem Weltmarkt. Daran ist die EU zum Teil selber schuld.

Von Michael Kläsgen

Ein Gutes haben die monatlichen Inflationszahlen vielleicht doch. Man lernt ein bisschen, wie Märkte funktionieren, in dem Fall der des Zuckers. Denn der ist für Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland in all seinen Arten im Durchschnitt um mehr als 70 Prozent im Jahresvergleich teurer geworden. Die Zahl ist noch auffälliger, da die durchschnittliche Inflationsrate im März sogar gesunken ist: auf 7,4 Prozent. Nur Lebensmittel verteuern sich weiterhin im Durchschnitt um mehr als 20 Prozent, besonders krass ist der Anstieg bei Eiern (+34,6) und Gemüse (+27,3). Bei Zucker notierte das Statistische Bundesamt sogar ein Plus von 70,9 Prozent.

Carlos Mera, Agrar-Experte der Rabobank in London, sieht mehrere Gründe für den Anstieg. In Europa gebe es im Wesentlich zwei Herstellerländer: Frankreich und Deutschland. Vor allem in Frankreich sei die Zuckerrübenernte wegen mehrere Hitzewellen schlecht ausgefallen. Hinzu komme das geplante Verbot eines Pflanzenschutzmittels in Frankreich, das durch ein anderes Produkt ersetzt werden müsse. Dadurch seien Ernteerträge entweder gefährdet oder fielen wegen der Umstellung höhere Kosten an.

Der Krieg in der Ukraine verursacht ebenfalls höhere Produktionskosten, weil Energie teurer geworden ist. Eine Sprecherin der deutschen Zuckerverbände in Berlin sagt, die Rübenpreise seien deutlich angehoben worden, "um höhere Kosten für Treibstoffe, Düngemittel und Dienstleistungen auszugleichen". Die Preise für Zuckerrüben seien zudem gestiegen, weil andere Agrarrohstoffe wie Weizen oder Raps teurer geworden seien. Damit Landwirte sich für den Rübenanbau entscheiden, müssten die Preise mit anderen Kulturen mithalten können.

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Das ist auch eine Folge der Wegfalls der Zuckerquoten in der EU 2017. Die Zuckermarktordnung garantierte fast 50 Jahre lang Produktionsquoten und Mindestpreise für Zuckerrüben. Nun konkurrieren Zuckerhersteller in Europa mit dem Weltmarkt, etwa mit lange Zeit günstigerem Zuckerrohr aus Brasilien.

Für Firmen wie Lambertz wird die Herstellung teurer

Doch auch Importe sind im Moment schwierig, heißt es vom Aachener Printen-Hersteller Lambertz. Zucker macht bei ihm etwa 30 Prozent seiner Zutaten aus. Professor Hermann Bühlbecker, Alleingesellschafter der Lambertz-Gruppe, sagt, die Stärke der brasilianischen Währung schrecke die Zuckerproduzenten in Brasilien derzeit vor Exportverkäufen ab. Indien wiederum habe seinerseits die Zuckerexporte zurückgefahren, weil die Produktion niedriger als erwartet ausgefallen ist. Ähnlich ist es in Thailand.

Professor Hermann Bühlbecker, Alleingesellschafter der Lambertz-Gruppe. (Foto: Marius Becker/dpa)

Schließlich ermutigten die erhöhten Ethanol-Preise die Zuckerrohrproduzenten dazu, ihre Ernten lieber für die rentablere Beimischung von Biokraftstoff einzusetzen statt für die Herstellung von Zucker. Ohnehin seien hohe Steuern und Zölle für den Import von Zucker aus vielen Nicht-EU-Ländern fällig. Kurz: Die EU ist in einer besonders misslichen Lage. Die Zuckerpreise sind hier im Schnitt derzeit etwa doppelt so hoch wie auf dem Weltmarkt. Denn das Angebot ist gesunken und teurer geworden, die Nachfrage der Verbraucher nach dem Ende der Corona-Pandemie jedoch gestiegen.

Für Süßwarenproduzenten wie Lambertz bedeutet das enorme Kostensteigerungen, die zumindest teilweise an die Verbraucher weitergegeben werden. Zuckerhersteller wie Südzucker aus Mannheim haben die Gewinnprognose hingegen schon zum zweiten Mal für dieses Jahr kräftig erhöht.

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