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Arbeitsmigranten:Der streitbare Herr Pfarrer

Sozialpfarrer berät Arbeitsmigranten

Pfarrer Peter Kossen ist ein Mann des klaren Wortes. Unerschrocken setzt er sich für Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen ein.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Er protestiert vor Werkstoren und vergleicht Unternehmer mit Sklavenhaltern: Pfarrer Peter Kossen setzt sich für Arbeitsmigranten ein und scheut dabei keine Konflikte. Manchen geht er dabei zu weit.

Von Hans von der Hagen

Wenn Peter Kossen in der Kirche nicht den gewohnten Ton trifft, wird es heikel. So wie Pfingsten 2017, als der Pfarrer den Besuchern des Gottesdienstes in Lengerich bei Osnabrück mit Worten kam, die zwischen Kyrie und Glaubensbekenntnis in dieser Form keiner erwartet hatte. Von skrupellosen Geschäften war die Rede, von Gier und Ausbeutung. Der heute 51-Jährige sprach von Menschen, die wie Konsumgüter gebraucht und weggeworfen würden - als Leiharbeiter oder als Beschäftigte in Werkverträgen. Kossen holte ziemlich aus, verschonte kaum eine Branche.

So etwas gefällt an Pfingsten nicht allen. Kossen merkte das auch - allerdings erst nach dem Gottesdienst, als ein aufgebrachter Mann zu ihm in der Sakristei eilte. Es war ein Unternehmer, der drei Viertel seiner Mitarbeiter über Personaldienstleister beschäftigte. Er fühlte sich angegriffen, obwohl ihn Kossen weder näher kannte noch gemeint hatte. Sein Argument: Er werde als Unternehmer so häufig kontrolliert, dass er es sich gar nicht leisten könnte, irregulär zu handeln. Auch wenn die harschen Worten nicht so gut ankamen, wovon der Pfarrer sprach, war natürlich allen klar.

Es ist ja eine Gegend mit vielen Arbeitsmigranten. In Lengerich mit seinen 23 000 Einwohnern wohnen rund 1100 Menschen aus Osteuropa, vorwiegend kommen sie aus Rumänien und Bulgarien. Etwas weiter nördlich, im Oldenburger Münsterland mit den vielen Schlachtereien sind es knapp 15 000 Personen aus diesen Ländern. Sie erledigen das, was sonst oft keiner mehr machen will, wohnen für viel Geld meist beengt, und nicht wenige Arbeitgeber sind ziemlich findig darin, den Mindestlohn auszuhebeln. Kurzum: Viele arbeiten so, wie es sich kein hiesiger Arbeitnehmer gefallen lassen würde.

Kossen weiß das aus Gesprächen mit Betroffenen, mit Gewerkschaftern - und mit seinem Bruder, der als Arzt viele Arbeitsmigranten behandelt. Im Gottesdienst geht er allerdings nicht so oft darauf ein, Pfingsten war eine Ausnahme. Er will nicht, dass die Leute sich irgendwann gegenseitig zuflüstern: Jetzt kommt er wieder mit seinem Tick. "Es kann ja auch nerven, wenn vorne immer einer davon redet, dass der eigene Lebensstil nur auf Kosten anderer funktioniert."

Gerade jetzt aber hätte er natürlich wieder viel zu erzählen. Seit Wochen warnt er davor, dass das Coronavirus unter den Arbeitsmigranten besonders leichtes Spiel haben könnte. Nun sind Hunderte von ihnen erkrankt - in Baden-Württemberg, in Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein. Unternehmer begründen die hohe Zahl von Erkrankungen schon mal mit der Feierfreudigkeit der Betroffenen. Doch Kossen meint, es liege eher daran, dass die beengt lebenden und körperlich ausgelaugten Arbeiter dem Virus nicht viel entgegenzusetzen hätten.

Kossen regt vieles auf. Umso erstaunlicher ist es, dass er dabei so unaufgeregt wirkt. In den Gesprächen, die Corona-bedingt am Telefon stattfinden müssen, bewegt sich seine Stimme kaum. Wütend sei er zwar schon manchmal, sagt Kossen, aber das spiegele sich bei ihm eher in der Schärfe der Wortwahl wider. Bei seinem Bruder, dem Arzt, sei das anders. Was der in seiner Praxis erlebe - verätzte Körperteile, Schnittverletzungen, hartnäckige Atemwegserkrankungen und Totalerschöpfung - mache diesen dermaßen wütend, dass er seine Sätze mitunter gar nicht mehr zu Ende sprechen könne. So etwas passiert Kossen nicht. Es scheint, als wisse er in jedem Moment, was er drei Sätze später sagen will. Er ist wie ein sprechendes Schienenfahrzeug. Dass er als solches eben auch manchmal Menschen überfährt, liegt nicht zuletzt an Worten wie Sklaverei, die Kossen ganz gerne mal einsetzt.

Sklaverei? Wirklich? "Ja", sagt Kossen. Das, was viele Arbeitsmigranten erlebten, sei eine Variante moderner Schuldsklaverei. Schon weil die Betroffenen oft lange gegen die Beträge anarbeiteten, die ihnen in Rechnung gestellt würden - für die Vermittlung nach Deutschland, für die Unterbringung, für den Transport zur Arbeit. Er habe gelernt, dass man die Dinge beim Namen nennen müsse, wenn man etwas erreichen wolle. "Das Drumherum-Reden ist ermüdend für alle Beteiligten." Kossen ist nicht der Don Camillo von Lengerich - "schon weil ich zu klein bin, um mal jemandem eine reinzuhauen". Aber er tut in seiner Heimat manchen Menschen trotzdem ziemlich weh.

Kossen wuchs in der Gegend von Vechta auf. Seine Vorfahren waren in der Landwirtschaft tätig. Nicht als Bauern auf eigenem Boden, sondern "eher am unteren Rand" - als Heuerleute: Diese pachteten Land und bezahlten mit ihrer Arbeitskraft. Hat ihn die eigene Geschichte bei dem, was er jetzt macht, beeinflusst? "Schon", sagt Kossen. Aber das Thema Gerechtigkeit wurde ihm auch später während seines Theologiestudiums wichtig. Personen wie der Priester Adolph Kolping haben ihn beeindruckt. Kolping, einer der Wegbereiter der katholischen Sozialbewegung, habe Menschen stark gemacht aufzubegehren, sagt Kossen. Das gefiel ihm. "Das ist eben immer die Frage: Reicht Wohltätigkeit oder muss man nicht auch das System ändern, das Not verursacht?" Für zwei Jahrzehnte verließ er die Heimat und kam 2011 wieder zurück: Kossen wurde ständiger Vertreter des Weihbischofs in Vechta.

Irgendwann lag ein totes weißes Kaninchen vor seiner Tür

Er bemerkte, dass sich seit seinem Weggang Entscheidendes verändert hatte: Nach der Erweiterung der EU wurde in vielen Unternehmen in großem Stil reguläre Arbeit durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse ersetzt. Schon früher hatte er Diskussionen über die Arbeit im Niedriglohnsektor angestoßen. Aber was da wirklich abging, bekam er erst in Vechta mit. Das sei wie in den Geschichtsbüchern gewesen, in den Kapiteln über die industrielle Revolution. "Das habe ich nicht gewusst, dass es in meiner Heimat solche Verwerfungen gab", sagt Kossen. Damals, 2012, sprach er das schon einmal während eines Gottesdienstes an. Eine lokale Zeitung druckte die Predigt - das sorgte für eine "gewisse Dynamik", wie es Kossen formuliert.

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Andere würden sagen: Es gab viel Wirbel. Unternehmer und Politiker empörten sich gleichzeitig. Das Arrangement, dass man sich in solchen Regionen nicht gegenseitig auf die Füße tritt, geriet durcheinander. Es hatte keiner damit gerechnet, dass sich ausgerechnet in der Kirche eine neue Front auftun würde. Die Kirche selbst übrigens auch nicht. Der Weihbischof bekam zu hören: "Um Gottes Willen, nehmen sie den Mann vom Feld." Bestenfalls würde es dieser Kossen gut meinen, Ahnung habe er allerdings nicht. Und überhaupt: Die Kirche solle sich da nicht einmischen. "Der Bischof war nicht begeistert", sagt Kossen. Er billigte es zwar, dass die Sache angesprochen wurde, nicht aber, dass er, Kossen, es gemacht habe. Irgendwann lag dann auch noch ein totes Kaninchen vor der Haustür. Es sollte wohl eine Warnung nach Mafia-Art sein. Wer es dort hingelegt hat, war freilich nie zu ermitteln.

Und heute? Sein resolutes Eintreten für die Rechte anderer geht noch immer manchen zu weit. Da ist zum Beispiel Herman Josef Lücker, Pfarrerskollege in Visbek bei Vechta. Er kennt Kossen gut - beide waren im gleichen Weihekurs. Und Lücker ist jemand, der wie Kossen nicht mit harten Worten spart. Ein bisschen berühmt wurde er durch eine Rede, in der er das "Rumgeeiere" der katholischen Kirche bei zentralen Themen geißelte: Homosexualität, Frauen in der Kirche und Kindesmissbrauch. Mit Kossen verbinde ihn ein "mitbrüderliches Verhältnis", sagt Lücker. Er könne aber nicht akzeptieren, dass Kossen derart pauschalisiere. Firmen, ja die ganze Region würden verunglimpft. Es sei richtig gewesen, dass Kossen vor gut zehn Jahren den Finger in die Wunde gelegt habe. Mittlerweile könnten aber auch ruhig mal die verheilten Stellen erwähnt werden: In der Region habe sich vieles zum Guten verändert. Dass es noch schwarze Schafe gebe, will Lücker nicht bestreiten. Aber viele der Migranten wären dankbar für das, was sie hier hätten und wollten eben möglichst viel Geld mit nach Hause nehmen. Dafür nähmen sie auch mal in Kauf, zu mehreren in einem Raum zu schlafen. Bei der Bundeswehr sei es ja nicht anders gewesen. Und dann von Ausbeutung und Sklaverei zu sprechen - "das ist menschenunwürdig".

Kossen hält andere Dinge für menschenunwürdig. Er sieht es eher so, dass es einige weiße Schafe gibt. Damit es mehr werden, hat er im vergangenen Jahr zusammen mit einigen anderen den Verein Aktion Würde und Gerechtigkeit gegründet. Der soll Arbeitsmigranten dabei helfen, ihre Rechte durchzusetzen. Seine Hoffnung: Vielleicht lohnt es sich irgendwann einfach nicht mehr, mit Arbeitsmigranten so umzugehen, wie es jetzt geschieht. Weil das aber noch ein bisschen dauern kann, hat er sich am vergangenen Samstag zunächst mal vor das Werkstor von Westfleisch gestellt, dort, wo so viele Arbeiter an Covid-19 erkranken. Plakate hatte er auch dabei. Natürlich nach Kossen-Art: "Moderne Sklaverei beenden", stand darauf.

© SZ vom 13.05.2020/tpa
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