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Lebensmittelindustrie:Welches Logo soll's denn sein?

Hmm, Fertigessen ... muss für manche mitunter sein - aber dann bitte möglichst gesund. Wie Verbraucher das am besten erkennen, wird derzeit diskutiert.

(Foto: imago)
  • Damit jeder gesund von ungesund unterscheiden kann, braucht es eine einfach Kennzeichnung auf der Vorderseite der Verpackung.
  • Das Max-Rubner-Institut erachtet den Nutri-Score, ein Ampelsystem, als sinnvollste Maßnahme.
  • Farben könnten aber fehlinterpretiert werden, halten Kritiker dagegen.

Im Supermarkt stellt sich oft die Frage: Ist das, was ich kaufe, eigentlich gesund oder nicht? Diese Frage ist für einen Menschen, der kein Ernährungswissenschaftler ist, kaum zu beurteilen, die Nährwerttabellen und Zutatenlisten sind oft kryptisch. Das ist besonders fatal, da viele Menschen heute zu dick sind, weil sie sich falsch ernähren. Fast zwei Drittel der Männer in Deutschland sind übergewichtig, mehr als die Hälfte der Frauen und sogar 15 Prozent der Kinder.

Damit jeder gesund von ungesund unterscheiden kann, braucht es eine einfache Kennzeichnung auf der Vorderseite der Verpackung. Der Verbraucherzentrale Bundesverband und Organisationen wie Foodwatch und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) fordern das seit Langem. In Frankreich, Spanien und Belgien ist ein Labelsystem für Lebensmittel schon weit verbreitet. Nun will auch Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) nachziehen: Ihr Ministerium hat am Montag eine Umfrage gestartet, in der das beste Label ermittelt werden soll. Das Max-Rubner-Institut (MRI) in Karlsruhe hat Kennzeichnungssysteme analysiert, von denen vier nun rund 1600 Umfrageteilnehmern* zur Wahl stehen: Nutri-Score, das BLL-Logo, das Keyhole-Modell und ein vom MRI entwickeltes Label.

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Nutri-Score beruht auf einem Ampelsystem: von dunkelgrün bis dunkelrot, von A bis E. Zur Bewertung werden ungünstige und günstige Nährwerte verrechnet, wie etwa Zuckergehalt, Fett- und Salzanteil sowie Ballaststoffe und Proteine. In Frankreich, wo Nutri-Score seit 2017 auf freiwilliger Basis im Einsatz ist, kommt es sehr gut an: 91 Prozent der Franzosen finden das Zeichen sinnvoll. In Deutschland ist es derzeit nicht erlaubt, das Zeichen auf Verpackungen zu drucken. Als es der Tiefkühlkosthersteller Iglo dennoch versuchte, wurde er vor Gericht gestoppt.

Farben können fehlinterpretiert werden

In der Analyse des Max-Rubner-Instituts schnitt Nutri-Score am besten ab: "Im Vergleich mit anderen Modellen zeigte sich, dass es den Befragten mithilfe dieses Modells am besten gelang, verschiedene Produkte entsprechend ihrer Nährstoffgehalte zu sortieren." Das Ampelsystem mache auf den ersten Blick erkennbar, wie gesund oder ungesund ein Produkt sei, sagt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. "Bei anderen Systemen muss man noch herumrechnen." Der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft (BLL) lehnt die Ampel dagegen ab: "Eine farbliche Bewertung kann schnell zu Fehlinterpretationen führen und ist aufgrund verschiedener Ernährungsgewohnheiten und -vorlieben problematisch", sagt Peter Loosen, Geschäftsführer des BLL. Der Industrieverband hat deshalb ein eigenes Zeichen entwickelt. Es besteht aus Zahlen und Tortendiagrammen für den Anteil der empfohlenen Tagesmenge für Kalorien, Fett, Zucker und Salz. Den Experten vom MRI ist das zu unübersichtlich: Das BLL-Label liefere keine einfach verständlichen Botschaften für die breite Bevölkerung, heißt es dort.

Im Auftrag des Ernährungsministeriums hat auch das Max-Rubner-Institut ein Kennzeichnungssystem entwickelt. Es soll die Vorteile anderer Labels einbeziehen und deren Nachteile reduzieren, so die Vorgabe. Es basiert unter anderem auf dem Nutri-Score-Algorithmus, sieht aber ein bisschen aus wie das Sterne-System von Hotelketten. Daneben werden die Anteile von wichtigen Inhaltsstoffen dargestellt, die Farbe grün steht dabei für Stoffe, bei denen die empfohlene Menge unterschritten wird.

Die verschiedenen Kennzeichen im Überblick: Nutri-Score (o.l.), das Modell des Max-Rubner-Instituts (o.r.), das vom Lebensmittelverband BLL (u.l.) und Keyhole aus Schweden (u.r.).

(Foto: oh)

Das schwedische Keyhole-Modell wird bereits in mehreren nordeuropäischen Ländern eingesetzt. Es zeichnet Produkte innerhalb einer Lebensmittelgruppe - etwa Nudeln -, die als positiv bewertet wurden, mit einem weißen Schlüsselloch auf grünem Grund aus. Das Keyhole-Label hat aus Sicht von Experten allerdings einen entscheidenden Makel: Trägt nämlich ein Produkt das Label nicht, weiß der Verbraucher nicht, ob das daran liegt, dass es schlecht bewertet wurde - oder ob der Hersteller einfach nicht mitmacht. Es fehlt ein Zeichen für ein bedenkliches Produkt. Auch Menschen, die bestimmte Inhaltsstoffe nicht wollen, hilft Keyhole nicht.

Klöckner: "Von einer europäischen Lösung sind wir weit entfernt"

Welches der vier Labels die Deutschen bevorzugen, soll im September feststehen. Julia Klöckner hat angekündigt, dass das Ergebnis der Umfrage entscheidend sein werde. Ein Label auf die Verpackung zu drucken, egal welches, soll aber keinesfalls für die Industrie verpflichtend sein. Ein verbindliches System, an das sich auch ausländische Hersteller halten müssten, lasse das EU-Recht nicht zu. In jedem Land wird dies bislang unterschiedlich gehandhabt. "Von einer europäischen Lösung sind wir weit entfernt", sagt Klöckner.

Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft, hält die Umfrage nicht für sinnvoll: "Sie kann eine wissenschaftliche Studie nicht ersetzen." Ohnehin sei das Lebensmittellabel nur der Anfang. Im Kampf gegen das Übergewicht fordert sie die Besteuerung ungesunder Lebensmittel, etwa eine Zuckersteuer, ein Werbeverbot für Lebensmittel für Kinder sowie eine bessere Ernährungsbildung.

*Anmerkung der Redaktion: Es gibt rund 1600 Umfrageteilnehmer. In einer früheren Version war von tausend Teilnehmern die Rede, wir haben die Angaben wegen neuer Informationen am 23.07.2019 geändert.

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