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Lebensmittelverschwendung:Wie Frankreich gegen den achtlosen Umgang mit Essen kämpft

Essen aus dem Müll - Aktionen wie diese sollte es in Frankreich nicht mehr geben.

(Foto: Jean-Philippe Ksiazek/AFP)
  • Seit drei Jahren dürfen in Frankreich Supermärkte Lebensmittel nicht mehr einfach wegwerfen. Die Bilanz: Die Tafeln erhalten deutlich mehr Essen.
  • Frankreich ist das erste Land weltweit, das die Lebensmittelverschwendung offiziell unter Strafe gestellt hat. Pro Vergehen droht eine Geldstrafe von 3750 Euro - sofern es jemand aufdeckt und klagt.

Gezuckerte Crêpes, Pains au Chocolat, Crème Caramel in Plastikbechern, Kekse, Orangen, Salat, Karotten, Milch, Eier, Rindfleisch - was klingt wie der Wocheneinkauf einer französischen Familie, ist in Wirklichkeit der Inhalt einer schwarzen Mülltonne, die zum Supermarkt Leclerc im südwestfranzösischen Badeort Mimizan gehört. "Es ist unglaublich!", ruft Arash Derambarsh, während er Müllsack für Müllsack aus der Tonne hebt, öffnet und den Inhalt auf dem gefrorenen Boden ausbreitet. Es riecht nach Chlor. "Nachdem die noch essbaren Lebensmittel im Müll gelandet sind, hat man Eau de Javel darüber verteilt", erklärt der Anwalt. Die Chemikalien sollen verhindern, dass Bedürftige sich an den Mülltonnen bedienen. "Das ist ganz klar gegen das Gesetz!"

Derambarsh ist entsetzt, obwohl er mit diesem Ergebnis gerechnet hat. Er und sein Kollege Thierry Vallat sind nicht zufällig an diesem Morgen in Mimizan, um den Inhalt einer Mülltonne zu inspizieren. "Ich hatte einen Informanten, der seit Längerem beobachtet, dass hier illegal Lebensmittel entsorgt werden", sagt Vallat und zeigt einen E-Mail-Verlauf: Der Informant hat Bilder von Google Earth angehängt. Die schwarze Mülltonne ist mit einem roten Pfeil gekennzeichnet. Vallat betreibt einen juristischen Blog.

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Er hat des Öfteren über das französische Gesetz zur Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung berichtet, das am 11. Februar 2016 erlassen wurde. Es verpflichtet Supermärkte mit einer Ladenfläche von mehr als 400 Quadratmetern, unverkaufte Lebensmittel an örtliche Tafeln oder andere gemeinnützige Organisationen zu spenden. Pro Vergehen droht eine Geldstrafe von 3750 Euro - sofern es denn jemand aufdeckt und klagt. Eine Kontrollinstanz gibt es nicht und das ist auch der Grund, warum die Crêpes, Pains au Chocolat und Orangen in den Tonnen des Badeortes landeten.

"Wir werden Anklage erheben", sagt Derambarsh. Vallat und er haben einen Gerichtsvollzieher bestellt, der die Waren begutachtet und alles notiert. Es ist das erste Mal, dass ein solches Delikt angezeigt wird. "Die Filialleiter hatten drei Jahre Zeit, sich an das Gesetz zu gewöhnen. Jetzt werden Konsequenzen gezogen!" Derambarsh geht es dabei weniger um den einzelnen Supermarkt, als vielmehr um die Signalwirkung für das ganze Land. "Wir können nicht zulassen, dass genießbare Lebensmittel weggeworfen werden, während es in Frankreich und anderen Ländern Menschen gibt, die Hunger leiden."

Arash Derambarsh sagt diesen Satz seit mehreren Jahren. Das Gesetz ist quasi sein Baby. 2015 hat er begonnen, zu handeln. Derambarsh war damals Stadtrat von Courbevoie, einer Gemeinde im Nordwesten von Paris. Wie überall im Land gab es dort Menschen, die sich kein Essen leisten können, und Supermärkte, die kiloweise Lebensmittel wegwarfen. Der gebürtige Pariser mit iranischen Wurzeln suchte sich einen Supermarkt aus, um gemeinsam mit einem Dutzend Freiwilliger die Überbleibsel des Tages in Empfang zu nehmen und an die Bedürftigen in der Stadt zu verteilen. Die Aktion lief über einen Zeitraum von sechs Wochen.

"Jeden Morgen fahren Freiwillige mit Kühlwagen zu den Supermärkten, um die Lebensmittelspenden einzusammeln"

Eine medienwirksame Aktion: Die großen Zeitungen Frankreichs berichteten über den damals 35-Jährigen, er gab Interviews im Radio und im Fernsehen. Es gab auch Kritiker, die schrieben, Derambarsh ginge es nur um öffentliche Aufmerksamkeit und er mache sich den Kampf gegen Lebensmittelverschwendung dafür zunutze. Doch wie auch immer. Die Aktion stieß auf großen Zuspruch. Kurz darauf startete der Anwalt eine Online-Petition, um die französische Regierung dazu zu bewegen, die unnötige Entsorgung von Essen zu stoppen. Nur vier Monate später beschloss die Nationalversammlung einstimmig das Gesetz. Frankreich war damit das erste Land weltweit, das die Lebensmittelverschwendung offiziell unter Strafe stellte.

Die Bilanz nach drei Jahren: Der Anteil der Lebensmittel, den die französischen Tafeln von den Supermärkten erhalten, ist zwischen 2015 und 2017 von 39 000 Tonnen auf 46 200 Tonnen gestiegen. Ein Plus von fast 19 Prozent. Für 2018 gibt es noch keine aktuellen Zahlen, doch der Vergleich der ersten neun Monate des vergangenen Jahres mit denen vom Vorjahr zeigt einen erneuten Anstieg. "Jeden Morgen fahren Freiwillige mit Kühlwagen zu den Supermärkten, zu Bauern und Herstellern, um die Lebensmittelspenden einzusammeln", erzählt Jacques Bailet, der Präsident der französischen Tafeln, die hier Banques Alimentaires heißen. "Die Lagerkapazitäten sind kein Problem. Höchstens fehlen uns manchmal Freiwillige."

Neben den Tafeln gibt es weitere gemeinnützige Organisationen, die Essen verteilen. Es wurden Start-ups gegründet, die zwischen Supermärkten und Vereinigungen vermitteln, die Logistik übernehmen und digitale Lösungen bereitstellen. Bailet findet das Gesetz sehr gut. Das einzige Problem sei manchmal, dass die Spenden der Supermärkte ein sehr kurzes Haltbarkeitsdatum hätten. Die Tafeln haben sich Strategien überlegt, damit die Waren trotzdem konsumiert werden. "Aktuell gibt es mehr als zwanzig Projekte dafür. Beispielsweise bieten wir fertige Mahlzeiten an, die aus den gespendeten Lebensmitteln gemacht werden." Teilweise werden Überschüsse auch als Tierfutter verwendet. Bailet hält es nicht für notwendig, das Gesetz auch auf kleine Läden oder Bäckereien auszuweiten: "Erst mal ist es wichtiger, sicherzustellen, dass das Gesetzt ordentlich angewendet wird."

Supermärkten drohen empfindliche Strafen

Inzwischen haben andere Länder nachgezogen: So gibt es vergleichbare Gesetze in Italien oder seit Kurzem in Tschechien, während man in Deutschland noch für illegales "Containern" verurteilt werden kann. Laut WWF werden hierzulande jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeschmissen. Die Bundesregierung möchte zwar die Lebensmittelverschwendung bis 2030 halbieren, konkrete Maßnahmen gibt es aber nicht und ein Gesetz ist nicht in Sicht. Arash Derambarsh hat eine weitere Petition gestartet, um die europäische Kommission dazu zu bringen, das Gesetz zur Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung auf ganz Europa auszuweiten. Das Ziel von 1,5 Millionen Unterschriften ist fast erreicht.

In Mimizan nähert sich eine sichtlich irritierte Frau im Leclerc-Kittel der Szene. Sie gibt sich als Filialleiterin des Supermarktes zu erkennen. Arash Derambarsh geht auf sie zu: "Bonjour Madame. Der Gerichtsvollzieher nimmt hier gerade ein Feststellungsprotokoll auf. Wissen Sie, dass Sie gegen geltendes Recht verstoßen?" Sie schaut beschämt, lässt sich belehren. Auf die Frage, warum sie das Essen wegwirft und anschließen chlort, hat sie keine Antwort. "Ich folge nur den Anweisungen der Chefetage."

Der Müll vor dem Supermarkt ist aus reiner Bequemlichkeit entstanden. Denn tatsächlich ist die neue gesetzliche Regelung eine Win-Win-Situation für Tafeln und Bedürftige, ebenso wie für Supermärkte: Spenden diese nämlich die übrig gebliebenen Lebensmittel, bekommen sie 60 Prozent von der Steuer zurück. Nur müssen dafür Kooperationen organisiert und koordiniert werden.

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