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Lebensmittel und Gesundheit:"Schluss machen mit dem Humbug"

Deutschlands oberster Verbraucherschützer Gerd Billen fordert, gesundheitsbezogene Werbung auf Lebensmitteln zu verbieten. Auch mit Red Bull hat er ein Problem.

Ein Drink für die Abwehrkräfte, Omega-3-Fettsäuren für Herz- und Kreislauf oder Joghurts für die Darmflora - die Regale in den Supermärkten sind voll mit Waren, die angeblich ach so gesund sind. Doch die Tage dieser Slogans sind gezählt. Nach dem Willen der EU ist gesundheitsbezogene Werbung auf Lebensmitteln nur noch erlaubt, wenn sie von unabhängiger Seite wissenschaftlich nachgewiesen ist.

"Iss mich und du bleibst gesund!", schreien viele Lebensmittel dem Kunden aus dem Supermarktregal entgegen. Doch die Tage der Health-Claim-Slogans sind gezählt.

(Foto: ddp)

Das klingt nach effektivem Verbraucherschutz. Gerd Billen aber, Vorsitzender des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, hält von der "HealthClaim-Verordnung" der EU überhaupt nichts. "Ginge es um den Schutz der Verbraucher, müsste die Regelung ganz anders aussehen", sagt er im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. "Werbung mit gesundheitsbezogenen Angaben auf Lebensmitteln gehört komplett verboten."

Sie wecke falsche Erwartungen und schüre unnötig Ängste. "Wer durch den Supermarkt geht, kann ja fast den Eindruck gewinnen, bei uns sei Vitaminmangel an der Tagesordnung, oder Leute würden sterben, weil sie zu wenig Ballaststoffe essen." Das verunsichere die Verbraucher enorm. "Dabei verhindert schon eine durchschnittliche Ernährung das Auftreten jeglicher Mangelkrankheiten", ist er überzeugt.

Um die Vorgaben der Health-Claim-Verordnung umzusetzen, prüft die europäische Lebensmittelbehörde Efsa schon seit Monaten mit großem Aufwand, welche der gesundheitsbezogenen Angaben auf den Lebensmitteln in der EU wissenschaftlich bewiesen sind. Mehr als 44.000 Anträge gingen bei der Behörde ein. Viele konnten bereits bei einer ersten Durchsicht mangels Erfolgsaussichten ausgesiebt werden. Die Prüfung soll bis Ende Juni 2011 abgeschlossen sein.

Zu viel Koffein für Kinder

Billen kann darüber nur den Kopf schütteln. "Da wird ein riesiger bürokratischer Aufwand betrieben, der völlig unnötig ist." Seiner Ansicht nach sollte Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) "Schluss machen mit dem Humbug" und sich auf EU-Ebene für ein umfassendes Verbot gesundheitsbezogener Werbung einsetzen. "Solche Angaben haben auf Lebensmitteln nichts zu suchen, egal ob sie wissenschaftlich bewiesen sind oder nicht."

Wer kontrolliere etwa, ob der Kunde die cholesterinsenkende Margarine tatsächlich benötige oder ob sie nicht in seinem Fall schädlich wirke, sagt Billen. Es sei absurd, wie viel Geld für die Werbung ausgegeben werde. "Statt wirklich gesunde Lebensmittel wie Äpfel, Brokkoli oder Kartoffeln anzupreisen, werden Millionen ausgegeben, um Süßigkeiten oder Softdrinks als gesund zu bewerben." Erst wenn gesundheitsbezogene Werbung untersagt sei, finde ein fairer Wettbewerb zwischen Lebensmitteln statt.

Besonders kritisch sieht Billen den wachsenden Markt der Nahrungsergänzungsmittel. Ein Produkt wie der "Energy Shot" von Red Bull etwa sei gerade bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt. "Dabei enthält eine Dose die Koffeinmenge von vier Tassen Kaffee." Ein Warnhinweis auf der Verpackung aber fehlt. "Auch das Thema Nahrungsergänzungsmittel sollte Frau Aigner sich dringend vorknöpfen."

Die Ursache für den Boom sieht Billen in dem gesättigten Markt. "Es gibt ja alles bereits", sagt er. "Lebensmittelproduzenten, die ein neues Produkt auf den Markt bringen wollen, erfinden deshalb einen angeblichen Zusatznutzen, mit dem sie es ausstatten." Das Problem sei: "Die Produkte erwecken den Anschein, sie seien gut für Kunden. Bei ihrer Entwicklung aber stand nicht das Interesse der Verbraucher im Vordergrund, sondern allein der Wunsch des Herstellers, sich von der Konkurrenz abzusetzen."

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