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Ernährung:"Ich glaube wir können lernen, Insekten zu essen."

Karjalainen öffnet den schmalen Schrank, auf dem "Baby Box" steht. Drin ist die Luftfeuchtigkeit noch höher, denn dort brüten sie die Eier aus. Nach neun Tagen sind die Grillen geschlüpft, dann kommen die winzigen Tiere in ihre Box. Weil die Grillen Dunkelheit mögen, stehen große Eierkartons als Verstecke in den Boxen. Nach vier Wochen sind die Tiere ausgewachsen. Etwa 1,5 Kilogramm Grillen holen sie am Ende aus jeder Box, die Tiere werden dann eingefroren. Nur ein paar Grillen bekommen Aufschub, um Eier zu legen. Auch die größeren, älteren Tiere werden später gegessen. Sie seien eine Spezialität, weil sie intensiver schmecken, meint Karjalainen.

Seit der Gesetzesänderung drängen in Finnland viele Insektenprodukte auf den Markt, Riegel, Würstchen, Kräcker aus Insekten. Karjalainen findet das gut. "Klar haben wir jetzt Konkurrenz, aber wir wollen Insektennahrung zum Mainstream machen", sagt er. Er möchte seine Grillen nicht als Nudelteig oder Proteindrink verkaufen, die Menschen sollen sehen, was sie verzehren. "Ich glaube, wir können lernen, Insekten zu essen", sagt er. Laut UN-Bericht gelten weltweit 1900 Insektenarten als genießbar. Mindesten zwei Milliarden Menschen essen regelmäßig und selbstverständlich Käfer, Würmer, Larven, Heuschrecken. "Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass Menschen in Entwicklungsländern Insekten essen, weil sie nichts anderes haben", sagt Karjalainen.

Nimmt weniger Platz ein als eine Schweinezucht: In solchen Containern werden die Insekten gezüchtet.

(Foto: oh)

Im Moment sind auch die schlichten Heimchen noch recht teuer in Finnland, sie zu züchten braucht Zeit. Die Chili-Nüsse mit Grilleneinlage kosten im Laden mehr als sechs Euro, das Insekten-Müsli je nach Händler bis zu acht Euro. "Der Markt ist die größte Unbekannte", sagt Karjalainen. "Wir wissen nicht, wie viele Grillen wir verkaufen können und zu welchem Preis." Derzeit produzieren sie höchsten mal hundert Kilo im Monat, meist weniger. Wie alle Insekten-Start-ups stehen sie vor der Frage, wie man die Tiere mit weniger Aufwand und in größeren Mengen züchten kann.

Kürzlich haben sie eine Grillen-Zucht in einem früheren Schweinestall aufgebaut in Tammela nördlich von Helsinki. Die könne 300 bis 400 Kilogramm im Monat produzieren, und es gäbe dort noch viel Raum, um zu expandieren, sagt Karjalainen. Mehr Farmen sollen folgen. Entocube betreibt die nicht alle selbst, doch es gebe genug Interessenten, ehemalige Schweine- und Hühnerbauern beispielsweise.

Grillen sind nur der Anfang

Jaakko Korpela gibt gerade einen Kurs für angehende Insektenzüchter. 60 Teilnehmer haben sich angemeldet, viel mehr als erwartet. Korpela ist ein Mitbegründer von Entocube, arbeitet aber auch als Forscher an der Uni Turku. 2016 haben sie eine Umfrage betreut, in der 70 Prozent der befragten Finnen sagten, sie seien an essbaren Insekten interessiert, etwa 50 Prozent würden sie als Lebensmittel kaufen. "Der Zeitpunkt ist gut", sagt Korpela. "Es scheint so, als würden die Konsumenten hier mehr darüber nachdenken, was ihre Nahrung mit der Umwelt anstellt."

Karjalainen hofft, dass er seine Grillen bald überall in der EU verkaufen kann. Gemeinsam mit anderen europäischen Unternehmern hat er einen Antrag in Brüssel gestellt. Dort ist die "Novel-Foods-Verordnung" Anfang des Jahres reformiert worden, es soll nun alles strukturierter und schneller gehen. Grillen sind für Perttu Karjalainen nur der Anfang. In Finnland gebe es 15 000 Bienenstöcke, sagt er, die männlichen Larven würden die Imker oft wegwerfen. "Die schmecken superlecker, gebraten in Butter wie Rührei, aber mit einer besonderen Süße", sagt er.

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