Ernährung Lasst uns Grillen essen

Grillen, hübsch angerichtet und obendrein besser fürs Klima als ein Steak.

(Foto: oh)

Insekten statt Steak - für die meisten Europäer ist das gewöhnungsbedürftig. Start-ups wie Entocube wollen das ändern.

Von Silke Bigalke, Stockholm

Wenn eine Million Grillen gleichzeitig zirpen, hat das wenig von Sommernachtsromantik. Der Lärm in dem kleinen Container, in dem die Tiere gehalten werden, ist ohrenbetäubend schrill. Perttu Karjalainen und sein Team züchten sie zum Verzehr. Ihr Container steht in Espoo auf dem Campus der Aalto-Universität. Draußen friert es, drinnen herrschen etwa 30 Grad Celsius. Auf Regalbrettern links und rechts stehen durchsichtige Boxen, in jeder sitzen mehrere Tausend Grillen. "Die sind jetzt einen Monat alt", sagt Perttu Karjalainen und nimmt eine Box vom unteren Brett. "Die werden bald geerntet."

Perttu Karjalainen, 28, ist Start-up-Gründer und Idealist. Er hat angefangen, sich mit Insekten zu beschäftigen, um etwas gegen den Hunger auf der Welt zu tun. Heute wäre er glücklich, wenn Europäer und Amerikaner ein paar Millionen Tonnen weniger Fleisch im Jahr und dafür mehr Würmer und Käfer essen würden.

Das Gemetzel geht weiter

Die Bundesregierung verspricht seit Jahren, das millionenfache Schreddern von Küken zu beenden. Doch zuletzt mussten sogar wieder mehr männliche Tiere sterben, weil sie der Wirtschaft wertlos erscheinen. Von Markus Balser mehr ...

In den nordischen Ländern scheint das gerade schick zu werden: Das dänische Restaurant Noma, eines der besten der Welt, testet in seiner kulinarischen Denkfabrik "Nordic Food Lab", wie man die Europäer an mehr Krabbeltiere im Menü gewöhnen kann. In Finnland serviert Fernsehkoch Henri Alén Grillen-Tacos, und die finnische Konditorei Fazer, die älteste im Land, backt Brot aus Grillenmehl.

Noch sind Insekten in Deutschland als Nahrungsmittel verboten

Den Rohstoff für den neuen Trend liefert unter anderen Karjalainen, Chef der Firma Entocube. Als Karjalainen und sein Team 2014 angefangen haben mit ihren Grillen, war nicht der Igitt-Faktor, sondern das Gesetz ihr größtes Problem. Insekten als Nahrungsmittel waren in Finnland nicht erlaubt, in Deutschland ist das bis heute so. Dabei sind die Grillen aus dem Container eine heimische Sorte: Kotisirkka - auf Deutsch: Heimchen. Entocube hätte erst einen Antrag für ein neuartiges Lebensmittel in Brüssel stellen und beweisen müssen, dass es sicher ist. Karjalainen hat sein Produkt daher anfangs getarnt, tote Heimchen in Einmachgläsern als Dekoration verkauft.

Die alte EU-Regel hatte jedoch Lücken. Deswegen ist das Käfer-Essen beispielsweise in den Niederlanden und Großbritannien erlaubt, und seit September auch in Finnland. Nun bietet Entocube Grillen-Müsli und Grillen-Chili-Nuss-Mix an, aber auch gefrorene Tiere für Restaurants. Und sie verkaufen Zucht-Container.

Die Vereinten Nationen machen seit Jahren Werbung für Insekten statt Steak. Die ständig wachsende Fleisch-Massenproduktion zerstört viel Land, verschlingt sehr viel Wasser und schadet dem Klima. Um ein Kilogramm Grillen zu produzieren, reichen zwei Kilo Futter. Die Insekten fressen fast alles - auch Lebensmittelreste. Sie brauchen wenig Platz, machen wenig Dreck. Dafür sind sie reich an Proteinen, Fett und Vitaminen.