Leben mit mehreren Jobs "Da ist mein Zug abgefahren"

Es ist ein paar Tage vor Weihnachten, und Schöpfel hat alle Feiertagsbrücken übernommen. Eine Kollegin aus dem Pflegedienst ist beim Putzen von einem Hund gebissen worden, das konnte keiner ahnen. Der Hund sei eigentlich lieb, sagt Schöpfel, die eingesprungen ist.

Und trotzdem. Während sie mit ihrem Wassereimer, exakt ein Tropfen Spülmittel darin, durch die Sanitäranlagen zieht, konzentriert Toiletten und Böden wischt, weiß sie, dass sie eigentlich nicht hierher gehört. "Mein Traumjob?", sagt Christine Schöpfel und wringt den Lappen aus, "mein Traumjob wäre im Büro, am Schreibtisch. Aber da ist mein Zug abgefahren." Ihre Mutter, sagt Schöpfel, würde sich "im Grabe umdrehen, wenn sie wüsste, dass ich heute putzen gehe." Ihre Mutter hat schließlich erlebt, wie die Tochter ein Postamt leitete, wie sie Ingenieurswissenschaften an der Uni Halle im Fernstudium absolvierte. Und jetzt putzen.

Andererseits, sagt Schöpfel, die inzwischen bei den Waschbecken angekommen ist, sei es ein Unding, wenn die Leute jammerten, sie hätten kein Geld, aber dann nicht putzen gehen würden. Da kennt sie einige. "Dann darf man auch nicht jammern." So sei sie eben nicht, sagt sie, und schaut prüfend in den sauber-glänzenden Spiegel. Eine blonde Frau mit Bubikopf, knallrotem Oberteil und einem viel zu großen, grauen Putzkittel schaut zurück. Dass sie inzwischen nur noch 1,53 Meter groß ist, drei Zentimeter kleiner als früher, an Arthrose und Stress-Diabetes leidet, sieht man ihr nicht an. Sie sieht jünger aus als 62 Jahre, trägt goldene Ohrringe und ein leichtes Make-up. Man ahnt trotzdem, dass die Frau im Spiegel lange nicht geschlafen hat und auch, dass sie nachts wach liegt und sich zu viele Gedanken macht.

Etwas weniger als 2000 Euro. So viel hat Christine Schöpfel jeden Monat zur Verfügung. Eine ziemlich hohe Summe, wie sie findet. Etwa die Hälfte davon ergeben die beiden Renten, ihre eigene und die Witwenrente, die andere Hälfte verdient sie dazu. Damit ist sie zum ersten Mal in ihrem Leben "der Haupternährer". Ihr Lebensgefährte trägt nur sehr wenig Geld bei. Er ist gesundheitlich so eingeschränkt, dass er nicht voll arbeiten kann.

Das Geld, das sie verdient, ist fürs Alter gedacht, "wenn ich einmal nicht mehr so kann". Dafür, dass man auch mal ins Gasthaus gehen kann, Motorrad fahren, Urlaub machen. Zunächst aber soll ein neues Auto für ihren Mann her, sein alter BMW sei nicht mehr gut. Auch ihre Tochter hat in letzter Zeit Unterstützung gebraucht, sie musste den Job wechseln und wohnt seit Kurzem im gleichen Ort wie die Mutter. "Aber dafür arbeite ich ja auch, dass ich das machen kann", sagt Schöpfel.

Es gebe doch noch "viele, denen es schlechter geht"

Auf dem Rückweg, im Kia, spricht Christine Schöpfel über die Dinge, die sie gern hat. Klassische Musik. Die "Rolling Stones". Hirschbraten. Motorrad fahren im Sommer. Dicke Bücher im Winter. Über die Feiertage hat sie sich "Anna Karenina" ausgeliehen, den Wälzer von Tolstoi. Ihre Kinder, die beide in der Altenpflege arbeiten und auch oft nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht vor Arbeit. Ihren Lebensgefährten, den sie zwar der Witwenrente wegen nicht heiraten kann, mit dem sie aber vor Notar und Gesetz verbunden ist. "Wir haben uns gegenseitig abgesichert", sagt Schöpfel. Insgesamt, gebe es "viele, denen es schlechter geht." Im Hintergrund läuft MDR Thüringen, Schlager, Kitsch, Jingles.

Zwei Wochen später. Die Weihnachtstage sind mittlerweile vorbei, Christine Schöpfel vertritt noch immer Kranke und Urlauber. Der Wälzer von Tolstoi liegt unberührt in der Nähkammer. In ein paar Tagen beginnt ein neues Jahr, MDR Thüringen und alle anderen sprechen über gute Vorsätze. Schöpfel, die vor einigen Monaten noch sagte, sie würde ihre fünf Jobs auch machen, wenn sie im Lotto gewonnen hätte, sieht nun müder aus als je zuvor. Gibt es etwas, das sie sich wünscht? Ruhiger solle es werden, eben wieder ganz normal. Was sie darunter versteht? "Dass ich zum Beispiel die Wäsche von der Arbeit nicht mit nach Hause nehmen muss, sondern Zeit habe, Ordnung zu machen und zu warten, bis die Waschmaschine durchgelaufen ist." Sie schüttelt den Kopf, als ihr klar wird, wie weit sie sich inzwischen von der Normalität entfernt hat.

Kündigen, sagt Christine Schöpfel, das hat sie nicht geplant. "Ich sehe ja: Wenn ich's nicht mache, macht es keiner."