"Lauter talentierte Leute" Wenn Microsoft in die Taiga zieht

In Sibirien siedelte die UdSSR einst ihre Wissenschaftler an - heute forscht dort die High-Tech-Internationale.

Eine Reportage von Frank Nienhuysen

Lenin wacht noch immer in seiner Nähe, das verschafft Walerij Ermikow ein Gefühl der Erhabenheit. Wann immer der Professor über den langen, schmalen Gang zu seinem Büro schreitet, sieht er auf ein dunkelfarbenes Mosaik mit dem Kopf des sowjetischen Staatsgründers, das die Stirnseite des Korridors bis in die Ecken ausfüllt. ,,Sibirische Abteilung der Akademie der Wissenschaften der UdSSR'' steht dort in kyrillischen Großbuchstaben, und darauf ist Ermikow noch heute sehr stolz. Vor 25 Jahren wurde sie ausgezeichnet mit dem Lenin-Orden, ,,und genau deshalb ist hier auch noch sein Porträt zu sehen'', sagt Ermikow ein wenig rechtfertigend.

Lange liegt das nun zurück, aber bei weitem nicht so lange wie die Zeit, als Ermikow hierher kam nach Akademgorodok, um als junger Wissenschaftler zu arbeiten, in einem saftig grünen Waldgebiet aus Birken und Kiefern am Ufer des aufgestauten Sees Obskoje Morje, weit hinter dem Ural. Akademgorodok, übersetzt heißt das Akademikerstädtchen. Aber das ist etwas untertrieben.

Mehr als 22.000 wissenschaftliche Mitarbeiter, Doktoren und Professoren arbeiten und leben in Akademgorodok, dessen vier Stadtteile Namen tragen wie ,,Mikroregion D'' und das von einer blumengesäumten Hauptader durchzogen wird, der Lawrentjew-Allee, die einmal als die wissenschaftlichste Straße der Welt im Guiness Buch der Rekorde stand.

Fünfzig Jahre ist es nun her, dass Nikita Chruschtschow im Mai 1957 den Bau von Akademgorodok beginnen ließ, um in der Stille Sibiriens die sowjetische Forscherelite zu konzentrieren. Zehntausende Kernphysiker, Chemiker, Biologen, Geologen, Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler.

Ermikow war einer der ersten in dem Ort, der später den Spitznamen ,,Silicon Taiga'' erhielt. Viel zu verdienen aber gab es nicht für ihn, außer der Ehre, sich in die Dienste des Vaterlandes zu stellen. Anfangs erhielt Ermikow ein Stipendium von 22 Rubel, nicht einmal die genaue Adresse kannte er, als er aus dem kleinen sibirischen Dorf Wikulowo hierher kam.

Es war ein bisschen sowjetische Geheimniskrämerei, es war Kalter Krieg, und es war Neuland für fast alle. Ermikow sagt, es sei damals darum gegangen, im weiten Sibirien die Industrie zu entwickeln. Er lächelt und fügt hinzu, ,,natürlich hatte der Wettbewerb mit den USA auch eine gewisse Bedeutung''. In Akademgorodok wollte die Sowjetunion dem Westen auch in Wissenschaft und Forschung den Rang ablaufen.

Doch aus der einst erbitterten Konkurrenz um die Weltherrschaft ist eine fruchtbare Kooperation geworden. Und aus der geschlossenen Stadt, die auf den Landkarten nicht zu finden war, ein Schmelztiegel der Wissenschaft. Trotz der neuesten politischen Redeschlachten zwischen Moskau, Washington und Brüssel - im abgeschiedenen Akademgorodok, im Schatten von Eschen und Apfelbäumen, hat sich Russland mit dem Westen fest verbündet.

Die Russische Akademie der Wissenschaften pflegt enge Beziehungen mit deutschen Max-Planck-Instituten, Forscher aus den USA, den EU-Staaten, aus Japan, China und Korea brüten an insgesamt 16 internationalen Wissenschaftszentren in Akademgorodok, und im Sommer beginnt der Bau eines gewaltigen Technologieparks.

Microsoft beteiligt sich, Intel, Samsung, aber auch die russische Regierung und heimische Firmen, die sich von den klammen Zeiten der neunziger Jahre erholt haben. ,,Akademgorodok hat seine Grenzen geöffnet'', sagt Ermikow, der seit 20 Jahren Mitglied des Präsidiums ist, ,,aber jetzt ist es nicht mehr so, dass wir nur Geld aus dem Westen bekommen - jetzt arbeiten wir auf Augenhöhe zusammen.''

Der russische Geologe, ein Mann mit dichtem weißgrauem Haar, ist inzwischen in Akademgorodok so fest verwurzelt wie der alte braune Schrank in seinem kleinen Büro und ein gerahmtes Schwarzweiß-Bild an der Wand, auf dem eine Gruppe streng dreinblickender sowjetischer Kollegen zu sehen ist. Im Vorzimmer zoomt eine moderne Satellitenaufnahme von Google Earth das grünumflorte Forscherparadies heran, erfasst unzählige Wohnblocks und einige wenige einzelnstehende Häuser. Hier wohnen die wichtigsten Mitglieder der Akademie der Wissenschaften.

Software für die Schweiz

Mit einem der etwas schmutzigen Sammeltaxis, den Marschrutki, braucht man etwa eine knappe Autostunde bis ins Zentrum von Nowosibirsk, aber dort wollen viele erst gar nicht hin.

Die meisten russischen Wissenschaftler verdienen in Akademgorodok sehr viel mehr als in anderen Gegenden des Landes, und das Geld können sie auch im Akademikerstädtchen ausgeben. Es gibt Kinos und Theater, Restaurants und eine Shoppingmall, Cafés, Klubs und Sportzentren, einen hübschen botanischen Garten, Open-air-Konzerte. Und Bildung satt.

,,Es ist eine besondere Atmosphäre hier in Akademgorodok'', sagt Denis Sagaidale, ein blonder junger Mann, der in der Stadt geboren wurde und nun an der Universität Mathematik und Physik studiert. ,,Es sind lauter talentierte Leute um mich herum, das fing schon in der Kindheit an.''

Sagaidale erzählt, dass seine Schule bei der nationalen Schulolympiade immer auf Platz eins gewesen sei. Im nächsten Jahr wird Sagaidale mit einem Stipendium nach Frankreich gehen, nach ein paar Jahren aber will er nach Akademgorodok zurückkehren. Sagt er jedenfalls. ,,Es gibt hier kaum soziale Probleme. Der Lebensstandard ist sehr hoch, anders als sonstwo in Russland hat hier jeder Internet und einen Computer. Und ich kann hier gleich zu den Unternehmen gehen.''

Für die Unternehmen heißt das: Sie können hier gleich die Studenten rekrutieren. So wie der Manager Ralf Willer. Der junge Berliner sitzt gerade mit seiner Russisch-Lehrerin im Seminarraum des Universitätsgebäudes, denn für seine Doktorarbeit über russisches Strafrecht braucht er noch etwas sprachlichen Schliff. Seit zwei Jahren lebt der 28-Jährige in Akademgorodok, erst belegte er einige Sommerkurse, dann entdeckte er, dass die Vernetzung von Ausbildung, Forschung und Industrie auf engstem Raum gutes Geld abwerfen kann.

Er lernte einen Schweizer Unternehmer kennen, und nun vertritt er neben der Promotion in Akademgorodok dessen Firma, die Software für die Tourismusbranche entwickelt. ,,Hier zu programmieren ist günstiger als in der Schweiz, alles hat Hochleistungsstandard, und es gibt exzellente Mathematiker. Sie sind hochmotiviert, loyal und können bei den internationalen Firmen gut verdienen'', sagt Willer. Etwa 20 Mitarbeiter hat der promovierende Geschäftsmann, und merkwürdig irgendwie: Sie sitzen hier in den idyllischen Wäldern Sibiriens und tüfteln Softwareprogramme aus für den Tourismus in den Schweizer Bergen.

Das hilft der Schweiz, und es hilft auch Russland. Viele Jahre lang war es ja umgekehrt gewesen, in den neunziger Jahren, als Moskau kein Geld mehr hatte, für die Forschung schon gar nicht. Da kamen weder Firmen noch Wissenschaftler, da zogen die Akademiker sogar zu Tausenden hinaus, verließen das Zentrum der Sowjetelite, gingen von Silicon Taiga nach Silicon Valley.

Etwa ein Drittel des Microsoft-Personals in Kalifornien habe in Akademgorodok studiert, behauptet Jan Resnitschenko, ein smarter junger Uni-Sprecher mit starkem amerikanischen Akzent, der seine Verbundenheit mit den USA auch dadurch äußert, dass er unablässig lässig mit einem Kaugummi schmatzt. ,,Jetzt sind große Unternehmen wie Oracle, Hewlett Packard oder Microsoft hier Partner, machen in Akademgorodok Workshops, finanzieren Projekte, suchen sich Nachwuchs für ihre Geschäfte'', sagt er. Auch der Leiter von Coca-Cola in Nowosibirsk hat in Akademgorodok studiert.

Professor Ermikow hat all die Ströme erlebt, die Sowjetblüte, als einmal 65000 Wissenschaftler auf dieser seltsamen sibirischen Forschungsinsel wohnten, den bitteren Exodus der jungen Talente, als Moskau die Mittel auf ein Zehntel senkte. Und dann die Zeit, in der es wieder aufwärts ging. Zuerst mit Hilfe des Auslands, jetzt auch aus eigener Kraft. ,,Aber wir wollen hier in Russland noch mehr internationale Kooperation, Wissenschaft ist nun mal global'', sagt Ermikow.

Und dann erzählt er bei aller Zuversicht doch noch von einer überraschenden Sache, die ihm als Präsidiumsmitglied arg zu schaffen macht, hier in der unendlichen Baumwelt der Taiga. ,,Wir haben inzwischen deutlich zu wenig Parkplätze, aber wir legen so viel Wert auf unser Waldidyll und den Umweltschutz, dass wir die Bäume nicht einfach fällen dürfen. Das ist ein Problem, für das auch wir Forscher noch keine Lösung haben.''