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Langzeitarbeitslosigkeit:Für den Job in eine andere Stadt

  • In Deutschland sucht fast jeder zweite Arbeitslose schon länger als ein Jahr einen Job. Ein Ortswechsel kann helfen.
  • Der Staat bietet einen Zuschuss für den Umzug - zuweilen sogar finanzielle Hilfen für eine Zweitwohnung.

Das Bild ist überall in Europa ähnlich: In manchen Regionen eines Landes gibt es mehr Jobs als in anderen. So schwankt die Arbeitslosigkeit in Deutschland je nach Gegend zwischen weniger als drei und mehr als zehn Prozent, wie dem aktuellsten EU-Vergleich zu entnehmen ist. In anderen Ländern herrschen sogar noch größere Unterschiede: In Italien suchen in mancher Region nur vier Prozent eine Arbeit, in manch anderer fast 20. Da liegt die Frage auf der Hand: Finden mehr Europäer einen Job, wenn sie umziehen? Eine neue Studie zeigt, unter welchen Bedingungen das funktionieren kann.

Die regionalen Unterschiede bei der Beschäftigung beschäftigen die Forschung schon lange. Schließlich ist Arbeitslosigkeit für die Staaten teuer und sozial gefährlich. Und für viele Betroffene stellt es nicht nur ein finanzielles Problem dar, sondern auch ein emotionales. Je länger sie keine Arbeit haben, desto größer wird der Frust. Und desto mehr sinkt oft der Selbstwert. Der hohe Anteil von Langzeitsuchern in den Industriestaaten von deutlich mehr als einem Drittel zeigt, für wie viele Menschen Arbeitslosigkeit mehr ist als ein vorübergehendes Phänomen. Jeder zweite von ihnen sucht schon mehr als zwei Jahre nach einer Stelle. Deutschland, das am Arbeitsmarkt so viel weniger Probleme hat als der Rest Europas, hat sogar besonders viele Langzeitsucher zu beklagen - fast jeder zweite Arbeitslose ist schon länger als ein Jahr ohne Stelle.

Australier und Nordamerikaner sind anders

Was ein Umzug in Regionen mit mehr Jobs bringen könnte, untersuchen Steffen Künn und zwei Mitautoren in einem Papier des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Einfach in ein anderes europäisches Land umzuziehen ist oft schon wegen der Sprache und der unterschiedlichen Ausbildungswege schwierig. Die Forscher beobachten in Europa aber auch innerhalb der Länder eine geringere Bereitschaft, für die Stellensuche den Wohnort zu wechseln, als etwa in Australien oder Nordamerika. So ziehen drei Prozent der Amerikaner jedes Jahr des Jobs wegen um, eine drei Mal so hohe Quote wie in Europa. Europäer bleiben viel öfter im Umkreis von 100 Kilometern um ihren Geburtsort wohnen. Sie bleiben in der Nähe der Familie.

Was lässt sich also tun, um die Mobilität zu erhöhen? Ein Hinderungsgrund sind die Kosten. Hier kommt ein Instrument ins Spiel, dass es in Deutschland seit mehr als 15 Jahren gibt - aber kaum einer kennt es. Arbeitsämter zahlen ihren Kunden nicht nur die Fahrt zum Bewerbungsgespräch in die entfernte Stadt. Wer in der Ferne eine Arbeitsstelle findet, dem können sie den Umzug bezahlen - oder einen Zuschuss zur Zweitwohnung, die der Betreffende am neuen Arbeitsort anmietet, um am Wochenende zurück in die Heimat zu pendeln.

Steffen Künn und seine Kollegen haben diese Mobilitätshilfe nun erstmals untersucht - und sind begeistert. Wer umzieht, hat nicht nur endlich Arbeit. Er verdient auch noch 300 Euro mehr im Monat als jemand, der in der alten Heimat eine Stelle ergattert. Aber sind die positiven Effekte von Dauer? Ja. Nach zwei Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, eine Stelle zu haben, bei den Umziehern um ein Viertel höher.

Künn und seine Kollegen ermitteln auch, dass die Mobilitätshilfe mit Kosten von 1200 Euro pro Person deutlich günstiger ist als andere Maßnahmen der Arbeitsförderung wie Weiterbildungsprogramme (6400 Euro pro Person). Sie ist also sehr effektiv. Doch: Mit 1,7 Prozent nutzt nur ein Bruchteil der Arbeitslosen hierzulande das Instrument. Das kann daran liegen, dass manche nicht umziehen wollen oder anderswo keinen Job finden. Es liegt jedenfalls auch daran, dass nicht alle Arbeitsagenturen die unbekannte Hilfe offensiv anbieten. Die IZA-Autoren empfehlen daher, das Programm auszubauen. Und: noch was draufzulegen. Ein Bonus von 1000 Euro für jeden, der einen Umzug auf sich nimmt, könnte die Mobilität erhöhen. Schließlich produziert ein Stadtwechsel zusätzliche Kosten, etwa um eine neue Wohnung zu mieten oder einen neuen Job für den Ehepartner zu finden. Mit genau solchen Boni arbeiten Städte in den USA - das könnte ein Teil der Erklärung sein, warum Amerikaner öfter in der Ferne eine neue Stelle suchen.