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Landwirtschaft:Ein Weg aus der Spirale der Quälerei

Winter im Schwarzwald

In den Genuss von Weidehaltung kommen Rinder oft gar nicht mehr - viele sind nie draußen.

(Foto: dpa)

Eine Expertengruppe rät, Landwirte finanziell zu unterstützen, damit sie ihre Ställe tierfreundlich umbauen. Bezahlen würden das die Konsumenten. Der Vorschlag ist das Beste, was passieren kann.

Einen Stall will man heute lieber nicht besitzen. Einerseits soll möglichst viel Vieh und Geflügel rein, denn das bringt den Erlös. Andererseits ist genau das verpönt, denn Tiere mag keiner leiden sehen. Fragt man Verbraucher, wollen sie natürlich glückliche Tiere in großen Ställen mit viel Freilauf und gutem Futter. Nur den Preis dafür wollen die wenigsten zahlen. An der Kühltheke vergessen Kunden reihenweise, dass sie die Ställe eines Sonderangebots lieber nicht von innen sehen wollen: Das Portemonnaie ist den meisten näher als das Gewissen. Nirgends in der Landwirtschaft ist die Kluft zwischen gesellschaftlichem Anspruch und individueller Zahlungsbereitschaft tiefer als rund um die Tierhaltung. Und ganz unten in dieser Kluft sitzt der Besitzer des Stalls. Das ist der Landwirt.

Dieser Tage hat eine Expertengruppe rund um den einstigen Landwirtschaftsminister Jochen Borchert einen Vorschlag vorgelegt, wie sich die Dinge zum Besseren wenden ließen. Landwirte sollen Unterstützung erhalten, wenn sie ihre Ställe tierfreundlich umbauen. Peu à peu sollen die Standards steigen. Und finanzieren sollen das jene, die Fleisch kaufen: über einen Preisaufschlag, etwa von 40 Cent je Kilo Fleisch. Der wird keinen überfordern, der auf Fleisch nicht verzichten kann.

Zeit ist reif für bessere Ställe

Nach Lage der Dinge ist dieser Vorschlag das beste, was Tieren, Stallbesitzern und Verbrauchern passieren kann. Er kann herausführen aus einer Spirale der Quälerei, an der sich viele beteiligt haben: eine Politik, die stets mehr Interesse an globaler Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben und günstigen Preisen für die Wählerschaft hatte als am Wohl des Schlachtviehs. Ein Handel, der konsequent Anbieter gegeneinander ausspielt, um selbst zu überleben. Handelsverträge, die das noch erleichtern und eine Agrarförderung, die vor allem auf Masse setzt. Dazu schließlich eine Kundschaft, die mit Leidenschaft spart - und am Ende der Leidenskette Tiere, die trächtig in schmalen Kastenständen stehen, hochgezüchtete Puten, gekürzte Schnäbel, kupierte Schwänze, verödete Hörner. Einer aufgeklärten, wohlhabenden Gesellschaft im 21. Jahrhundert sind diese Umstände unwürdig.

Aber wie kommt man da heraus? Die aufgeklärte Kundschaft hat es bis heute nicht richten können und wird es auch künftig nicht tun. Höhere Standards könnten das Problem zwar lösen, müssten aber europaweit gelten, durchgesetzt werden und auch in Handelsverträgen hinterlegt sein. Das braucht viel, viel Zeit. Die Landwirte selbst werden das Problem auch kaum angehen: Ein neuer Stall - und der wird in vielen Betrieben nötig sein - kostet viel Geld. Das aber lässt sich nicht erwirtschaften, solange andere ihr Geflügel oder Vieh zum Mindeststandard verramschen. Und dieser Mindeststandard hat mit Tierschutz häufig nicht viel gemein.

Hier kommen die Vorschläge der Borchert-Kommission ins Spiel. Aus dem Preisaufschlag, der in geringerem Maß auch auf Milchprodukte und Eier erhoben werden soll, ließen sich Prämien für die Landwirte finanzieren. Sie bekämen so einen Großteil der Investitionen für neue Ställe oder den tiergerechten Umbau der alten erstattet. Und damit sie sich auf diese Erstattung verlassen können, soll das Ganze vertraglich geregelt werden. Gerade in der Tierhaltung müssen sich Investitionen schließlich über lange Zeiträume amortisieren. Das verlangt Sicherheit.

Die Zeit ist reif für bessere Ställe. Aber ist die Politik auch reif für diese Debatte? Lange haben selbst die Grünen diese Frage nur mit spitzen Fingern angefasst. Ein Aufpreis auf Fleisch, das klang arg nach Veggie-Day und Verbotspolitik. Der Handel hatte ohnehin kein Interesse daran, der Bauernverband fürchtete neue Auflagen zulasten der eigenen Klientel. Inzwischen haben sich die Dinge geändert.

Die Landwirte fühlen sich an den Pranger gestellt und wollen häufig selbst einen Wandel. Brüssel, die Spinne im Netz der Agrarpolitik, werkelt an einem großen grünen Deal. Unter Verbrauchern wächst die Sehnsucht nach einem reinen Gewissen, auch bei der eigenen Ernährung. Auch der Handel will plötzlich raus aus der Ramschecke. Nie waren die Bedingungen für eine Wende in den Ställen besser.

Diese Gesellschaft hat sich schon größere Kraftakte vorgenommen. Sie ist aus der Atomenergie ausgestiegen, weil sie diese nicht mehr für tragbar hielt. Sie verabschiedet sich vom Kohlestrom und zahlt dafür Milliardenhilfen. Sie macht sich auf den Weg zu alternativen Antrieben samt komplett neuer Infrastruktur. Mehr Platz und Auslauf fürs Vieh, frische Luft in den Ställen, ein Ende der Quälerei - das alles, finanziert von den Verbrauchern, dürfte da auch noch drin sein.

© SZ vom 13.02.2020/hgn
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