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Landwirtschaft im Labor:Wo die Erdbeeren ohne Sonne wachsen

Osram

Pflanzen, die noch nie die Sonne gesehen haben: Mit spezieller LED-Technik kann man auch in Hallen Gemüse und Kräuter anbauen und sogar deren Geschmack und Farbe verändern.

(Foto: oH)
  • Landwirtschaft und Gartenbau unter Laborbedingungen und in geschlossenen Räumen könnten Osrams Zukunft sein.
  • Grund dafür sind Monokulturen, überdüngten Felder und ausgelaugte Böden.
  • Die Lösung könnten Osrams LED-Lichter sein, die über Basilikum, Rosmarin und Thymian leuchten. Dadurch wären ganzjährige Ernten möglich.

Die Zukunft von Osram beginnt hinter einem schmalen Gang mit grellweißen Lichtern. Er liegt im ersten Stock der Firmenzentrale im Norden von München. Im Foyer flimmern Börsenkurse über einen Flachbildschirm, Drehkreuz, Aufzug, Sicherheitsschleuse, dann steht man im firmeneigenen Museum. Glühbirnen in allen Formen und Größen sind hier ausgestellt, Licht für Wohnzimmer und Autos, für Kinoprojektoren und Stadien, 112 Jahre Unternehmensgeschichte, in denen Osram zu einem Weltkonzern aufstieg, am Ende aber auch in eine tiefe Krise taumelte.

In den hintersten Vitrinen sind die Schuldigen ausgestellt, LED-Leuchten, kleiner, haltbarer, energieeffizienter und leichter herzustellen als herkömmliche Glühbirnen. Neue Anbieter sind so in den Markt gedrängt, die EU hat mit ihrem Verbot für alte Glühbirnen die Lage noch verschärft. Seit Jahresanfang hat die Aktie weit mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren. Jobs wurden gestrichen, Geschäftsbereiche verkauft, darunter auch das traditionelle Lampengeschäft.

Wer wissen will, wie es weitergeht nach dieser Krise muss geradeaus gehen, durch den Gang mit den weißen Lichtern, zu dem Raum, in dem Osram das ausstellt, was es für seine Zukunft hält: Vernetzung, Sicherheit, Mobilität, Gesundheit. Lichter und Glühbirnen sieht man hier nicht mehr, stattdessen Infrarotchips für autonome Autos, Scanner für Gesichter und Netzhäute und auch Topfpflanzen: Rosmarin, Basilikum, Thymian in Blumenkübeln, ordentlich aufgereiht auf einem Podest und beleuchtet nur von bunten LED-Lichtern. "Die haben noch nie die Sonne gesehen", sagt Timo Bongartz und strahlt ein 150-Watt-Lächeln.

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Die Lösung aller Probleme: die kleinen LED-Lichter

33 Jahre alt ist Bongartz. Früher hat er einem Verlag bei der Digitalisierung geholfen, nun kümmert er sich bei Osram um den Bereich Smart Farming und Horticultural Lighting, Landwirtschaft und Gartenbau also, nur digitaler und in geschlossenen Räumen. Lebensmittel, hergestellt unter Laborbedingungen. Das, so hofft man bei Osram, könnte auch die Zukunft des Unternehmens sein, vielleicht sogar ein Baustein zur Rettung der Welt. "Das landwirtschaftliche System, so wie wir es derzeit haben, ist kaputt", sagt Bongartz und erzählt von den gigantischen Mengen an Wasser, Treibstoff und Pestiziden, die in der herkömmlichen Agrarindustrie eingesetzt werden. Von Monokulturen, überdüngten Feldern, ausgelaugten Böden und Nahrungsmitteln, die in Plastik eingepackt und durch die halbe Welt verschifft werden, bevor sie bei uns im Supermarktregal landen. "Das ist weder frisch noch ökologisch", sagt Bongartz.

Die Lösung zu all den Problemen sollen die kleinen bunten LED-Lichter sein, die da über Basilikum, Rosmarin und Thymian leuchten. Sie versorgen die Pflanzen mit rotem und blauem Licht, Wellenlängen also, die sie optimal wachsen lassen. Im Ausstellungsraum bei Osram sind es nur ein paar Küchenkräuter, denkt man das aber größer, landet man bei gigantischen Indoor-Farmen, Felder in riesigen Hallen, getaucht in blau-rotes Licht, mit Regalen bis zur Decke, in denen die Nahrung der Zukunft wächst. Ganzjährige Ernten wären möglich und selbst tropische Pflanzen könnten im großen Maßstab regional angebaut werden. Lange seien Pflanzen mit Züchtung und Gentechnik auf ihre Umgebung angepasst worden. "Jetzt geht das andersherum", sagt Bongartz: "Wir können die Umgebung auf die Pflanzen anpassen."

All das wäre gut für die Umwelt: Mit intelligenten Kreisläufen könnte man Wasser sparen und statt Regenwälder abzuholzen für neues Ackerland, würde man einfach alte Fabriketagen in blühende Landschaften verwandeln. Es wäre auch gut für Produzenten und Konsumenten: Unwetter könnten der Ernte nichts anhaben, man könnte Pflanzen passgenau wachsen lassen und sogar ihren Geschmack und Vitamingehalt verändern, ein bisschen mehr Licht von dieser oder jener Wellenlänge, und schon werden die Erdbeeren süßer, das Basilikum herber, der Salat noch gesünder. Und, natürlich, wäre das auch gut für Osram: Ein angeschlagener Ex-Glühbirnen-Konzern, der hilft, die weltweite Ernährungsfrage zu lösen und dabei noch Geld verdient: was für eine Geschichte.