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Landwirtschaft:"Viele Milcherzeuger melken, was das Zeug hält"

In der Küche kreisen also die Gedanken um einen grenzenlosen Freihandel, den der BDM ablehnt. Im konservativen Bauernverband sehen die BDM-Leute einen Gegenspieler, der auf Kosten vieler Bauern die Interessen von Handel und Industrie vertrete. "Alle, die davon profitieren, dass Nahrungsmittel billig sind, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, haben den Bauern viel über die Chancen erzählt. Aber das Thema Risiko hat man außen vor gelassen", sagt Kirsten Wosnitza. Der Bauernverband habe jahrelang die Segnungen des freien Marktes beworben. Jetzt habe er keine Idee gegen die Krise.

Preiskampf

15 Prozent der Betriebe in Schleswig-Holstein sind in ihrem Bestand gefährdet.

Aber was wäre eine Lösung? Ein europaweiter Systemwechsel, sagen die BDM-Bauern. Derzeit tragen die Milchbauern die Risiken des Marktes praktisch allein. Mit den Molkereien verbindet sie das Wechselspiel von Andienungs- und Abnahmepflicht, aber den Preis für ihre Milch bekommen die Bauern erst, wenn die Molkerei weiß, wie gut ihre Erlöse beim Weiterverkauf waren. Ohne Mengenbeschränkung zwingt dieses System die Bauern gerade in der Krise zur Massenproduktion.

"Viele Milcherzeuger melken, was das Zeug hält, um bei dem schlechten Preis zumindest zahlungsfähig zu bleiben", sagt Wosnitza. Aber je mehr Milch da ist, desto tiefer ist ihr Preis. "Es ist der totale Teufelskreis", sagt Bauer Christopher Lutze.

Der zuständige Bundesminister verficht die Export-Strategie

Für die BDM-Position gibt es durchaus politischen Rückhalt. Von Habeck zum Beispiel, auch von den anderen sechs grünen Agrarministern. Aber Landwirtschaft ist ein konservativ geprägtes Ressort. Der zuständige Bundesminister Christian Schmidt (CSU) verficht die Export-Strategie. Und auch der Bauernverband sieht keine Alternative zur Weltmarktorientierung. "Wenn Sie mir ein Rezept verraten, wie man mehr Einkommen generiert ohne mehr Tiere, ohne mehr Hektar - ich verkaufe das sofort", sagt Werner Schwarz, der auch Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes ist.

Schwarz ist ein schlanker Mensch, der eine weltläufige Bodenständigkeit ausstrahlt. Er empfängt auf seinem Hof in den Hügeln um Rethwisch, Landkreis Stormarn. Schwarz betreibt Ackerbau und Schweinezucht, auch er hat sich durch vorausschauendes Planen halbwegs krisenfest gehalten. Schwarz ist ein Mann mit Prinzipien. Die Hinwendung zum Freihandel findet er ausdrücklich gut.

"Das ist Konsens im Bauernverband mit allen Schwierigkeiten, die da dranhängen." Und dass er mit dem BDM, den er "Agrar-Opposition" nennt, einen Kompromiss findet, erscheint so wahrscheinlich wie eine Maisernte im Schnee. "Von wem muss denn Vernunft kommen?", fragt Schwarz. "Immer von uns?" Er findet den BDM in seiner Haltung genauso starr wie umgekehrt der BDM den Bauernverband.

Einen Systemwechsel hält Schwarz für unrealistisch. Über die Lieferbeziehungen zwischen Molkereien und Milcherzeugern könne man nachdenken. Er mag die bedrohten Milchbauern auch nicht verloren geben. Aber seine Botschaft lautet: Export und Massenproduktion sind alternativlos. "Wir haben gerade mal elf Monate die freie Marktwirtschaft in der Milcherzeugung. Es ist total schlecht gelaufen, aber wir können doch nicht gleich wieder zurück." Schwarz hofft, "dass wir bald wieder einigermaßen vernünftige Milchpreise bekommen".

Kein Tauwetter in Sicht

Habeck nennt die Haltung des Bauernverbands und der konservativen Politiker "eine ideologische Altlast". Für ihn ist klar, dass sie sich bewegen müssten für eine neue Landwirtschaft. Aber es rührt sich wenig. Im Herbst hat der EU-Agrarrat Liquiditätshilfen gewährt, die mittlerweile verbraucht sind. Und dass EU-Agrarkommissar Phil Hogan am Montag erklärt hat, er werde vorübergehende Absprachen zur freiwilligen Mengensteuerung möglich machen, ist auch kein echter Durchbruch.

"Nebelwerfen", sagt Kirsten Wosnitza, "wenn es kein verbindliches europäisches System für Krisenzeiten gibt." Bundesminister Schmidt hat gleich klargestellt: "Lösungen für die angespannte Situation können nur im Markt gefunden werden." Und Habeck seufzt: "Er sieht die Milchkrise immer noch nicht."

Es ist Frühling, aber für die Milchbauern kein Tauwetter in Sicht.

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