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Neue EZB-Chefin Lagarde:"Ich werde anders sein"

EZB mit neuer Führung: Wohin steuert Lagarde die Geldpolitik?

Will Parlament, Wissenschaft und Zivilgesellschaft einbinden: Christine Lagarde.

(Foto: Zhang Cheng/dpa)

Christine Lagarde macht bei ihrer ersten EZB-Pressekonferenz deutlich, dass sie die Strategie der Notenbank grundsätzlich überarbeiten will.

Christine Lagarde plagte offensichtlich das starke Bedürfnis, ein paar Dinge klarzustellen bei ihrem ersten Auftritt vor der Weltöffentlichkeit. "Ich werde ich sein", sagte die neue EZB-Präsidentin ungefragt zu Beginn der Pressekonferenz. Sie meinte damit: Vergleicht mich nicht mit meinen Vorgängern an der Spitze der Notenbank, Draghi, Trichet und Duisenberg - "denn ich werde anders sein".

Lagarde hat am Donnerstag ihr erstes Treffen zur Geldpolitik mit dem EZB-Rat hinter sich gebracht. Sie hat erstmals über 15 Minuten das obligatorische Eingangsstatement verlesen, in dem die Notenbank in aller sprachlicher Strenge ihre Sicht auf die Welt des Geldes darlegt. Die ehemalige Chefin des Internationalen Währungsfonds absolvierte diese Aufgabe tapfer. Es fiel ihr, der Juristin, die vorher nie in einer Zentralbank gearbeitet hatte, etwas schwer, den Jargon der Geldpolitiker mit Verve rüberzubringen. Aber nach dem Pflichtvortrag ergriff sie die Initiative, sagte, dass sie anders sein werde, und versprach: "Wenn ich etwas nicht weiß, dann werde ich sagen, dass ich es nicht weiß." Draghi hat das nie gesagt.

Die letzte Strategiedebatte führte die Notenbank 2003. Die Neue will jeden Stein umdrehen

Lagarde hat das Terrain abgesteckt für ihre achtjährige Mandatsperiode. Sie möchte die Strategie der Zentralbank grundsätzlich überarbeiten. Es geht um alles. "Wir werden jedes Thema besprechen und dabei jeden Stein umdrehen", sagte die EZB-Präsidentin. Es geht um die Frage, wie sich künftig der Klimawandel in der Geldpolitik widerspiegeln kann, ob das Inflationsziel der EZB von rund zwei Prozent noch zeitgemäß ist und welche Instrumente der Notenbank überhaupt noch zur Verfügung stehen, nachdem sie den Leitzins bei null fixiert hat und die Volumina der Anleihekäufe in die Billionen Euro gehen. "Die letzte Strategiedebatte führte die EZB im Jahr 2003, es ist wirklich Zeit", so Lagarde. Man werde im Januar mit den Diskussionen beginnen; die neuen Paradigmen sollen bis spätestens Ende 2020 umgesetzt sein. Lagarde möchte die Debatte breit anlegen. "Wir werden die EU-Parlamentarier mit einbinden, die akademische Welt und Vertreter der Zivilgesellschaft", sagte die Französin. Die Notenbank werde in den Diskussionen "nicht nur predigen, sondern auch zuhören".

Lagarde, die früher auch als französische Finanzministerin amtierte, will auch intern besser zuhören. Die Stimmung im obersten Entscheidungsgremium, dem EZB-Rat mit Notenbankchefs aus den 19 Euro-Staaten, ist gereizt. Mario Draghi, dessen Mandat Ende Oktober endete, hatte noch im September mit aller Macht eine erneute Lockerung der Geldpolitik durchgedrückt. Viele Notenbanker fühlten sich dabei übergangen.

Lagarde hat inzwischen mehrfach gelobt, sie werde künftig einem "konsensualen" Kurs folgen und alle Meinungen im Gremium berücksichtigen. Neulich lud sie den EZB-Rat ins Schlosshotel Kronberg zu einem informellen Essen und veröffentlichte ein Foto der trauten Runde in den sozialen Medien. Die Stimmung war dem Vernehmen nach gut, Österreichs Notenbankchef Robert Holzmann lobte die Toleranz von Lagarde. Die Nichtraucherin hatte es ihm gestattet, eine Zigarre zu rauchen.

Lagarde nutzt den Umstand, dass ihr der Stallgeruch einer Geldpolitikerin fehlt. Notenbanker eint mitunter ein Hang zu unergründlichem Humor. Manche sind darüber hinaus weder willens noch in der Lage, einen für die breite Öffentlichkeit verständlichen Satz zu sagen. Viele stecken einfach zu tief drin im Thema. Die Währungshüter pflegen die exklusive Fachsprache, in der jedes Wort sitzt und dessen tiefe Bedeutung die Finanzmärkte meist sofort begreifen. Lagarde will dieses enge Kommunikationskorsett öffnen, um mit der breiten europäischen Öffentlichkeit in Kontakt zu treten, wo das Vertrauen in die EZB zuletzt geschwunden ist. Doch mit der Bürgergesellschaft muss sie verständlich reden. Darauf bereitete Lagarde die Finanzmärkte schon einmal vor: "Wenn ich eine Sache vor einem anderen Publikum anders ausdrücke, überinterpretieren Sie das bitte nicht."

Lagarde unterstrich auch noch einmal, für wie wichtig sie das Thema Klimawandel hält. Die Französin sieht zwei Bereiche: Zum einen bei der Weiterentwicklung ökonomischer Modelle, mit denen die Notenbank das Wirtschaftswachstum und die Inflationserwartungen kalkuliert. Zum anderen bei der Bankenaufsicht der EZB. Unternehmen, die mit fossiler Energie zu tun haben, könnten aufgrund der strengeren Gesetze in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, was ihre Zahlungsfähigkeit schwächen würde. Kreditgebende Banken müssten daher in diesen Fällen höhere Verlustpuffer bilden. Doch bislang fehlt dazu ein verbindliches Regelwerk.

Lagardes Faible für Maßnahmen gegen den Klimawandel ist umstritten im EZB-Rat. Einige Notenbanker finden, die Notenbank solle neutral sein. Sie schließen beispielsweise den bevorzugten Ankauf von "grünen Anleihen" durch die Notenbank aus.

All diese Themen kommen im neuen Jahr auf den Tisch. Lagarde gilt als gute Kommunikatorin und als eine, die gesichtswahrende Kompromisse schmieden kann. Zum Schluss sagte sie: "voilà" - das war es schon? Sie wünschte schöne Weihnachten und regte an: "Machen Sie andere Menschen glücklich."

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