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EZB:Lagardes neue Frankfurter Schule

Christine Lagarde leitete lange den Internationalen Währungsfonds in Washington. Nun soll sie an die Spitze der EZB wechseln.

(Foto: Odd Andersen/AFP)
  • Christine Lagarde, die vom 1. November an an der Spitze der Europäischen Zentralbank stehen wird, interpretiert ihre künftige Rolle schon jetzt anders als ihr Vorgänger.
  • Sie wolle die ganze Gesellschaft in Europa ansprechen, und nicht mehr nur "das traditionelle Expertenpublikum", schrieb sie dem EU-Parlament.
  • Die Französin ist keine Ökonomin, sondern Juristin, das könnte ihr helfen, um vom bisher EZB-typischen Notenbanker-Sprech wegzukommen.

Man reibt sich beim Lesen zunächst ein wenig die Augen, aber dann wird klar: Christine Lagarde sieht sich als Nachfolgerin von Mario Draghi auch in einer Art therapeutischen Funktion. Die designierte Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) schrieb in einer Antwort an das EU-Parlament, sie wolle für die Institution in der europäischen Bevölkerung "Vertrauen zurückgewinnen". Außerdem möchte die Französin künftig die ganze Gesellschaft in Europa ansprechen, und nicht mehr nur "das traditionelle Expertenpublikum". Lagarde verweist da auf "junge Menschen" oder "zivilgesellschaftliche Organisationen", deren "Besorgnissen" die Notenbank aufmerksamer zuhören werde.

Diese Aussagen sind Teil des 78 Seiten starken Dossiers, in dem die Französin die Fragen von EU-Parlamentariern schriftlich beantwortet hat. Die Fragerunde gehörte zum Nominierungsprozess, der am Mittwoch mit der persönlichen Anhörung der Kandidatin vor dem Europäischen Wirtschafts- und Währungsausschuss fortgesetzt wird. Die 63-jährige Lagarde soll am 1. November als erste Frau die Führung der EZB übernehmen.

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Ihre Einlassungen legen nahe, dass sie in ihrer achtjährigen Amtszeit einiges anders machen möchte als Draghi. Der Italiener, ein angesehener Ökonom, mag die Euro-Zone vor dem Zusammenbruch gerettet haben. Doch die Maßnahmen der EZB kosteten Vertrauen, vor allem in Deutschland. Draghi gelang es nicht, die Ängste der Menschen aufzunehmen - direkten Kontakt seinerseits mit der Bevölkerung gab es kaum. Außerdem pflegen die Notenbanker bei öffentlichen Auftritten und Reden eine Expertensprache, der weder Laien noch durchschnittlich ökonomisch Gebildete so einfach folgen können.

Vielleicht wagt sie es, sich lebendiger und empathischer auszudrücken als ihre Vorgänger

Lagarde möchte das ändern - eine Art neue Frankfurter Schule also. Es könnte ihr leichtfallen, denn sie ist keine Ökonomin, sondern Juristin. In ihren Ämtern als französische Finanzministerin und Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat sie natürlich die Grundzüge der Ökonomie verinnerlicht, aber ihr fehlt der wissenschaftliche Hintergrund einer Geldpolitikerin. Dieses Manko könnte ihr in der Kommunikation mit der breiten Öffentlichkeit wiederum zum Vorteil gereichen - vielleicht wagt sie es, sich einfacher, lebendiger und empathischer auszudrücken als ihre Vorgänger. Lagarde scheint verstanden zu haben, dass die Notenbank mehr tun muss, um ihre Geldpolitik zu erklären, schon allein weil Nullzinsen und Anleihenkäufe Folgen für die Reichtumsverteilung in der Gesellschaft haben. Aktionäre und Immobilienbesitzer haben davon sehr profitiert, andere weniger.

Lagarde, so entnimmt man ihren schriftlichen Antworten, möchte an der EZB-Spitze mehr sein als eine technokratische Geldpolitikerin. Sie wolle in ihren Reden auch künftig auf die Benachteiligung von Frauen hinweisen und den Umweltschutz ansprechen. Womit sie allerdings eine stille Übereinkunft zwischen Politik und Währungshütern brechen würde: Eigentlich sollten sich Notenbanker bei gesellschaftspolitischen Fragen zurückhalten. Ihre Kernaufgabe ist die Erhaltung der Preisstabilität. Daran hatten sich in der 20-jährigen Geschichte der EZB ihre drei männlichen Vorgänger meist orientiert.

Lagarde kündigte auch an, sie wolle die geldpolitische Strategie der EZB überprüfen. Die Erfahrungen aus der Finanzkrise "rechtfertigen eine Überprüfung der Rahmenbedingungen", schreibt sie und weist darauf hin, dass die EZB zuletzt 2003 ihre geldpolitische Strategie neu ausgerichtet hat. Man solle überlegen, wie die Geldpolitik der EZB künftig betrieben und umgesetzt wird. Ein neues Denken halten viele für nötig: Der Leitzins liegt seit Jahren bei null Prozent, gleichzeitig kann der Strafzins, den Banken für bei der EZB geparktes Geld zahlen, nicht unbegrenzt steigen. Auch die Anleihekäufe der EZB könnten irgendwann an juristische Grenzen stoßen. Für ihre Vorhaben braucht Lagarde die Unterstützung der ganzen EZB. Sie wolle mit dem Betriebsrat reden, um dessen Sorgen zu hören, verspricht sie. Unter Draghi kam es mit den Arbeitnehmervertretern immer wieder zu Streitigkeiten.

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