Länderorganisationen Gedränge am Tisch der Weltenretter

Von G8 über G 16 zu G20 - immer mehr Länder wollen zum kleinen Klub der Industriestaaten dazustoßen, der dadurch seine seine Schlagkraft verliert.

Von Stefan Kornelius

Politische Institutionen funktionieren wie Infektionskrankheiten. Wenn sich das Virus einmal festgesetzt hat, dann lässt er sich so schnell nicht wieder vertreiben.

Merkel beim G8-Gipfel in Heiligendamm

(Foto: Foto: dpa)

Deswegen wird in den Staatskanzleien der Welt mit medizinischem Scharfblick der Infektionsherd London beobachtet, an dem am Donnerstag die Regierungschefs von 19 der stärksten Weltökonomien zusammenkommen.

Wenn es denn bei 19 bliebe: Die sogenannten G 20 - das sind 19 Staaten plus die Vertreter der EU - erwarten auch noch Besuch von anderen europäischen Nationen, die sich trickreich in das erste G-20-Treffen der Regierungschefs im vergangenen Dezember geschlichen hatten.

Der Zank um die begehrten Plätze lässt nur eine Diagnose zu: Das Institutionen-Fieber ist ausgebrochen, der Kampf um Prestige und Einfluss. Was auch immer das Motiv der Staats- und Regierungschefs ist, der britische Premier Gordon Brown hat mit seiner Gipfel-Lust Begehrlichkeiten und Sorgen genährt, die sich nur schwer kontrollieren lassen.

Besonders in Italien wird der Londoner Gipfel-Zinnober mit distanzierter Herablassung beobachtet. London - das könnte nämlich einem anderen Großereignis in diesem Frühsommer die Show stehlen, wenn Italiens Premier Silvio Berlusconi zum G-8-Gipfel nach Sardinien einlädt.

G 8? Nein, dabei wird es natürlich auch nicht bleiben, weil die Gruppe der sieben größten Industrienationen plus Russland (mit seinem post-supermächtigen Phantomschmerz) in unterschiedlichen Sitzungsrunden bis zu zwei Dutzend Regenten an den Tisch holt. G8 plus 5, G8 plus 5 plus 1, G 8 plus Outreach-Gruppe - das Gipfelvirus erscheint in immer bedenklicheren Mutationen. Nur ein Heilungsplan fällt keinem ein.

Zweites Freiticket für die Niederländer

Die nun in London tagenden G 20 sind Argentinien, Australien, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Südkorea, Türkei, USA und die EU-Präsidentschaft. Sie sollen sich des Weltfinanzsystems annehmen - bereits zum zweiten Mal binnen vier Monaten auf höchster Ebene. Weil aber der französische Präsident Nicholas Sarkozy seinen EU-Platz das letzte Mal an Spanien weitergegeben hat und ein zweites Freiticket an die klug taktierenden Niederländer vergab, wird man auf die beiden diesmal auch nicht verzichten können - sehr zum Zorn der Polen etwa.

Da fängt das Problem erst an. Die G 20 haben durch die Finanzkrise eine Aufwertung erfahren, denn bisher hatte die Gruppe, die es immerhin seit 1999 gibt, immer nur die Finanzminister zu eher technischen Gesprächen versammelt.

Jetzt treffen sich die Regierungschefs. Und weil in diesem Jahr zufällig der Brite Brown um seine Wiederwahl kämpft, führt er den Vorsitz wie der leibhaftige Weltenretter. Das weckt den Widerstand von Staaten wie Italien, die ihren Einfluss in andern Runden schwinden sehen.

Dazu kommt, dass seit geraumer Zeit über eine Reform der Institutionen diskutiert wird, weil Platz gemacht werden soll für die aufstrebenden Ökonomien wie China oder Indien. Wird die G 20 also die G 8 ablösen? Weit gefehlt, keine Institution gibt sich selbst auf, besonders nicht der mächtige Edelklub G 8. Zwar kennt der kein Sekretariat und vergibt kein Geld, aber der kleine Kreis aus acht Staaten wird sein wichtigstes Machtinstrument nicht freiwillig aus der Hand geben: die Exklusivität.

Die heimlichen Gipfel-Chefs, Sherpas genannt, bilden eine verschworene Bruderschaft, "das Zentrum der Orthodoxie", wie einer von ihnen sagt. Hier werden Dossiers ausgehandelt, ein Jahr gepflegt, Kommuniqués ausgearbeitet, unterschrieben, umgesetzt. Die G 8 ist eine Maschine ohne Maschinenraum - dafür ist sie sehr effektiv. Vor allem bringt die Größe einen unschlagbaren Vorteil mit sich: Entweder lösen alle gemeinsam ihre Versprechen ein, oder alle gehen gemeinsam unter. Wäre die Gruppe größer, wäre die Schlagkraft kaum mehr zu garantieren.

Dennoch haben die acht Staaten erkannt, dass die Welt den kleinen Klüngel nicht mehr akzeptiert. Also lud die deutsche Kanzlerin Angela Merkel während ihrer Präsidentschaft 2007 fünf neue Staaten dazu: Brasilien, Indien, China, Südafrika und Mexiko.

Die G 8 + 5 waren geboren. Hier sollten die Probleme der aufstrebenden Ökonomien besprochen werden. All dies wurde "Heiligendamm-Prozess" genannt, für zwei Jahre zugelassen - mit dem absehbaren Ergebnis, dass man die Gruppe nach Ablauf der Frist in diesem Jahr nicht sterben lassen wird.

Heiligendamm lebt also weiter, übrigens erweitert um Ägypten, das auf besonderen Wunsch von Sarkozy dazugebeten werden musste - sehr zum Ärger der Türkei.

Überblick geht verloren

Aber auch das reicht der G 8 nicht. Sie erweiterte sich um die Outreach-Gruppe. In diesem "Format", wie die Experten sagen, versammeln sich je nach Bedarf die Entwicklungsländer, die größten Umweltsünder oder sonstige Bündnisse, selbstverständlich immer angereichert durch die Generalsekretäre der Vereinten Nationen, der Afrikanischen Union, der Weltbank, des Währungsfonds oder sonstiger supranationaler Organisationen. Gut 40 Potentaten können also zu diesen Gipfeln zusammenkommen - und spätestens hier geht der Überblick verloren.

Eine Reform des Chaos scheitert an Eizelinteressen. Italien hält an der G 8 fest, weil das Land nirgendwo mehr Einfluss geltend machen kann. Auch Russland sieht seine Interessen am besten im kleinen Kreis gewahrt. China und Indien entwickeln hingegen keinen Ehrgeiz, sich in einem kleinen Kreis in die Pflicht nehmen zu lassen.

Wenn schon, dann will Peking mit möglichst vielen Entwicklungs- und Schwellenländern gemeinsam auftreten, weil es diese Gruppe am ehesten steuern kann. Indien brüstet sich, dass es seine Interessen am leichtesten in der G2 durchsetzt, zusammen mit den USA. Ökonomen in den USA verstehen unter G2 indes die Paarung USA-China, das Doppel aus der alten und der kommenden Supermacht, die ihre Schicksale durch Schuldverschreibungen und Dollar-Reserven aneinander gekettet haben.

Deutschland pflegt seinen eigenen Reform-Kosmos. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat die G16 in Spiel gebracht - die alte G 8 plus die G 5 plus drei islamische Staaten, etwa Ägypten, Indonesien und die Türkei. Er spricht von einem "atmenden System".

Die Kanzlerin Angela Merklel unterstützt das nicht explizit, ist aber von ihrer Reformverweigerung abgerückt und betont nun, dass die G 8 und die fünf Zusatzstaaten stärker zusammenwachsen würden. Um Steinmeier zu ärgern, schlägt sie immer wieder einen Art Sicherheitsrat für Wirtschafts- und Finanzprobleme vor - eine Idee, die sich im SPD Parteiprogramm findet.

Die deutschen G-8-Apostel reagieren reserviert. "G 8, das ist unser Sicherheitsrat", heißt es da. Am Ende muss man sich um den Klub wohl auch keine Sorgen machen. Bei dem Besetzungschaos stehen die Chancen schlecht, dass sich eine Reformidee schnell durchsetzt. Wenigstens einen Namen hat die Krankheit inzwischen von den Experten bekommen: "Formatology."