bedeckt München 12°
vgwortpixel

Konjunktur:Kurzarbeit auf höchstem Stand seit 2010

Wartungsarbeiten am Windkraftrad

Der Kampf gegen den Klimawandel hilft auch gegen Kurzarbeit. Zum Beispiel durch den Bau von Windrädern.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)
  • Bereits 8,3 Prozent der Industrieunternehmen setzen in diesem Monat auf Kurzarbeit, zeigt eine Umfrage des Ifo-Instituts
  • Seit zwei Jahren ist wieder ein Anstieg zu verzeichnen: Im Dezember 2018 waren es noch 25 500 Personen, im April 2019 dann schon 40 000.

Sie gilt als einer der Gründe, warum Deutschland vergleichsweise gut durch die Wirtschaftskrise kam. Lange Zeit war von ihr nichts zu hören - doch jetzt scheint sie zurück: die Kurzarbeit. Sie steigt im Dezember auf den höchsten Wert seit 2010: 8,3 Prozent der Industrieunternehmen setzen in diesem Monat auf Kurzarbeit, zeigt eine Umfrage des Ifo-Instituts. Auch gehen mehr Unternehmen davon aus, dass sie in den kommenden drei Monaten Kurzarbeit einführen werden. Ihr Anteil steigt auf 15,3 Prozent. Die Rezession in der Industrie wirkt sich also zunehmend auf den Arbeitsmarkt aus.

Nach der Finanzkrise waren andere Länder neidisch auf das deutsche Modell der Kurzarbeit. Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Phasen versuchen mit Hilfe der Kurzarbeit, Arbeitnehmer in Beschäftigung zu halten und so Entlassungen vorzubeugen. Denn wenn Mitarbeiter gehen, verschwinden auch wertvolles Know-how und Erfahrung. Das macht es für Unternehmen schwerer, sich aus einer Krise zu arbeiten. Und wenn es wieder besser läuft, ersparen sich die Betriebe zusätzlich die Suche nach neuen Arbeitskräften - es sind ja noch genug an Bord, die ihre Arbeitsstunden dann wieder erhöhen können.

Betroffen von Kurzarbeit sind im Dezember laut Schätzungen des Ifo-Instituts mehr als 100 000 Personen. Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit deuten ebenfalls darauf hin, dass die Kurzarbeit zunimmt. Ihren ersten Daten zufolge geht es in diesem Monat um knapp 85 000 Menschen. Die Bundesagentur für Arbeit muss ihre Zahlen später vermutlich nach oben korrigieren, erwartet das Ifo-Institut.

Im Rückblick auf die Finanzkrise ist das Ausmaß der Kurzarbeit aber noch relativ gering. Zum Vergleich: Im Krisenjahr 2009, als das Wachstum in Deutschland um fünf Prozent einbrach, waren bis zu 1,5 Millionen Arbeitnehmer in Kurzarbeit. Davon ist Deutschland heute noch weit entfernt.

Seit zwei Jahren ist jedoch wieder ein Anstieg zu verzeichnen: Im Dezember 2018 waren es noch 25 500 Personen, im April 2019 dann schon 40 000. "Kurzarbeit steigt, aber auf niedrigem Niveau", sagte ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit. Große deutsche Unternehmen betonen ebenfalls, dass die Kurzarbeit noch nicht einschneidend sei. Bosch setze nur bei der Tochter Rexroth, die im Maschinenbau tätig ist, auf Kurzarbeit, heißt es aus dem Konzern. Und dort nur in geringem Umfang. Innerhalb der Automobilproduktion gebe es keine Kurzarbeit. Auch Daimler verneint den Einsatz von Kurzarbeit zurzeit. Zu zukünftigen Personalentwicklungen äußere sich der Automobilhersteller grundsätzlich nicht, heißt es aus dem Unternehmen. Der Chemiekonzern BASF teilt mit, dass sie derzeit keine Kurzarbeit habe und auch keine planen würden.

Derzeit geht es um rund 100 000 Personen, 2009 waren es 1,5 Millionen

Die Kurzarbeit konzentriert sich laut Ifo-Institut auf mehrere Branchen: Am stärksten sind Unternehmen betroffen, die in der Metallerzeugung und -bearbeitung tätig sind. Dort liege der Anteil von Betrieben mit Kurzarbeit bei 16 Prozent. Zudem planten 40 Prozent dieser Unternehmen in den kommenden drei Monaten, auf Kurzarbeit zu setzen - ebenfalls mehr als in den anderen Branchen. Vor allem in Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Bayern sitzen die betroffenen Firmen. Arbeitnehmer in Baden-Württemberg, Sachsen und Nordrhein-Westfalen müssen demnach in den kommenden drei Monaten ebenfalls verstärkt mit Kurzarbeit rechnen.

Unternehmen können Kurzarbeit bei der Agentur für Arbeit anzeigen, wenn sie aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen eines "unabwendbaren Ereignisses" die Arbeitszeit ihrer Arbeitnehmer kürzen. Ein solches Ereignis kann beispielsweise ein Hochwasser sein, das Zulieferwege unzugänglich macht.

Um die Lohneinbußen der betroffenen Beschäftigten abzumildern, zahlt die Bundesagentur für Arbeit ein Kurzarbeitergeld. Das beläuft sich in der Regel auf 60 Prozent des ausgefallenen Nettoeinkommens. Wenn im Haushalt des Arbeitnehmers mindestens ein Kind lebt, erhöht sich der Anteil auf 67 Prozent.

Allerdings haben die Mitarbeiter nur Anspruch auf das Kurzarbeitergeld, wenn ihr Betrieb den Arbeitsausfall umgehend meldet und im betroffenen Zeitraum mindestens ein Drittel der Beschäftigten weniger aus 90 Prozent ihres Einkommens erhalten haben. Geht es der Firma dauerhaft schlecht, gibt es kein Geld vom Staat - Ziel des Kurzarbeitergelds ist es nicht, absehbar unprofitabele Firmen am Markt zu halten. Üblicherweise können Arbeitnehmer maximal zwölf Monate Kurzarbeitergeld beziehen, das Bundesarbeitsministerium kann die Frist allerdings auf 24 Monate verlängern.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte angekündigt, das Kurzarbeitergeld neu zu regeln. In Rede steht, die Sozialversicherungsbeiträge zu erstatten, wenn die Kurzarbeiter in der Zeit weitergebildet werden. Auch könnten die staatliche Zuschüsse erhöhen werden.

© SZ vom 20.12.2019/mxh
Unternehmen Unter Wölfen

Wirecard

Unter Wölfen

Seit einem Jahr steht Wirecard massiv unter Druck. In London haben sich Spekulanten gegen den Dax-Konzern verschworen. Aber auch die Firma verhält sich dubios.   Von Christoph Giesen, Klaus Ott, Nicolas Richter, Jan Willmroth und Nils Wischmeyer

Zur SZ-Startseite